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Bundestagswahl auf Twitter : Der Wähler schweigt

#Koalitionskette: Auf Twitter ist der Schmuck der Kanzlerin schon eine Nachricht. Bild: dpa

Das neueste Spielzeug bei der Berichterstattung von Wahlen ist das Aufgreifen von Tweets. Leider sind diese in keiner Weise repräsentativ und der Informationsgewinn gleich Null.

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          Das ist ja auch zu verführerisch: Einfach mal ins Internet gucken – und schon weiß man, was los ist. Zum Beispiel, was die Menschen über das Ergebnis der Bundestagswahl denken. Denn da posten und twittern sie schließlich alle. Oder nicht? Und wenn dem so ist, muss man das selbstverständlich würdigen. 350.000 Nachrichten auf Twitter zur Bundestagswahl, da wird doch was zu holen sein.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Und so ist es: Die „Haltung der Wähler zur Totalüberwachung ihres Privatlebens“ habe sich „als wahlentscheidend erwiesen“; „so fühlen sich befristete Stellen an“ (zur FDP); „für alle, die die letzten Jahre an gesellschaftlichen Fortschritt glaubten und dafür kämpften, ist diese Wahl ein Schlag ins Gesicht“; die Mehrheit in Deutschland will „keine Kitas, keine Ehe für alle, keinen Atomausstieg, keinen Plan für die Zukunft. Keine Pointe“; die „Dschungelprüfung“ dauert jetzt vier Jahre; die Karte der Wahlkreise „sieht aus wie die Lunge eines hundertjährigen Rauchers (sie ist fast vollständig schwarz, da die Union massenhaft Direktmandate gewonnen hat); das Deprimierendste „ist das Wahlverhalten meiner Generation“; der „Fachkräftemangel in Berlin bleibt erhalten“; „der Deutsche“, lesen wir, „arbeitet gerne für Niedriglohn, lässt sich überwachen, hat keine Visionen und ist ein Untertan“; wenn die Junge Union „Angie“- Chöre anstimmt, „stirbt irgendwo ein Hundebaby“; „die Frauen bleiben hinterm Herd, die Arbeitslosen am Boden, und die Homosexuellen hat Gott zu richten“. Und schließlich: Es gibt zwölf Millionen Hartz-IV-Empfänger und 42 Prozent wählten CDU – „Rinder wählen ihren Metzger“.

          Rechtsaußen gegen Linksaußen

          Das ist ein kleiner, nicht repräsentativer Ausriss aus den 350.000 Tweets, mit denen sich Twitter zur Bundestagswahl brüstet. Es klingt nach viel, ist aber so gut wie nichts. Zum Finale der Champions League gab es 4,8 Millionen Tweets, die Union haben am Sonntag 19.769.502 Menschen gewählt, 44.289.652 Stimmen wurden abgegeben. Die Wahlbeteiligung lag bei 71,5 Prozent, womit zumindest der auf allen Kanälen verbreitete Aufruf „Wählen gehen!“ nicht ungehört verhallt ist. Die Union hat ihre Wähler in allen Schichten und Generationen gefunden, sie ist wieder eine „Volkspartei“. Die andere Hälfte der Wählerschaft aber baut auf Rot, Grün und Rot.

          Nur im Internet sieht die Sache ganz anders aus. Da melden sich zuhauf die Motzkis der Republik, da sind AfD-Wähler ebenso überproportional vertreten wie die Anhänger der Piraten und bestimmen die Tonlage. Rechtsaußen gegen Linksaußen. Wir haben es schon seit Monaten mit einer Online-Ökologie zu tun, die mit den wahren Stimmungen in diesem Land nicht einmal ansatzweise übereinstimmt. In den Netzwerken schweigen die Wähler.

          Das sollten Journalisten beherzigen, wenn sie in den Twitter-Kasten gucken. Bestenfalls finden sie dort ein paar Pointen und blühenden Unsinn (#Schlandkette, #Koalitionskette, #Stinkefinger), im schlechteren Fall unverhohlen formulierten Hass. Das ist häufig nicht zitierfähig, nicht im geringsten repräsentativ und nur insofern aussagekräftig, als man Hinweise auf das Psychogramm derer bekommt, die sich den Tag damit vertreiben, zu bloggen oder zu twittern. Kein Grund also, in der ARD zu Ingo Zamperoni zu schalten, der uns ein paar Tweets vorliest.

          Informationsgewinn: null

          Kein Grund, wie im ZDF geschehen, den Blogger Sascha Lobo darüber spekulieren zu lassen, warum auf der Website der AfD für einige Zeit Bernd Lucke mit erhobenem rechtem Arm zu sehen war. Oder was es zu bedeuten habe, dass der AfD-Chef – offenbar leicht besoffen vom guten Abschneiden seiner Partei – mit Blick auf die Euro-Rettungsaktionen von einer „Entartung der Demokratie“ sprach. Sogar beim informationsfesten Parlamentssender Phoenix kamen sie am Wahlsonntag nicht ohne ihre Tweets aus. Dabei müssten sie es gerade dort eigentlich besser wissen und sollten lieber auf die Tortenkönige Jörg Schönenborn und Theo Koll hören, deren Vorträge zwar etwas unfreiwillig Komisches, aber wenigstens Hand und Fuß haben.

          Für das Phänomen, um das es hier geht, hat der Internetaktivist Eli Pariser den schönen Begriff „Filter Bubble“ erfunden: Im Internet stoßen wir nur noch auf die Informationen, welche die Algorithmen von Google aufgrund unserer bisherigen Suche nach Erkenntnis als jene identifiziert haben, für die wir uns angeblich brennend interessieren. Alles andere fällt weg und bleibt uns verborgen. Wir stecken in der „Filterblase“ und merken es nicht einmal. Das Twitter-Gewitter ist eine solche Blase. Gegen diese sollten sich Journalisten immunisieren. Man kann sie zur Kenntnis nehmen, muss sie aber sortieren und filtern. Sonst verführt sie zur Denkfaulheit und ist das Ende jeder Recherche und Suche nach Wahrheit.

          Dem ZDF hätte das schon bei der Bayern-Wahl auffallen müssen. Da gab es im Zweiten ein paar Tweets und dann eine Umfrage unter ein paar Passanten. Die fanden das Wahlergebnis alle ganz furchtbar. Die CSU hatte gerade die absolute Mehrheit geholt. Informationsgewinn: null. Zum Glück leben wir nicht in einer Klick-Demokratie, in der sich eine laut mosernde Peer-Group an die Macht schwätzt. Eine oft genug nichts als peinliche Minderheit bläst sich auf, die Mehrheit aber schweigt und – wählt.

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