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Bundespräsidentenwahl : Mein Vater könnte das

  • Aktualisiert am

Sucht Euch doch euren eigenen Steinmeier!

Zufällig hatte der Landesverband der PARTEI Hamburg einen losen Kontakt zu Schwensen. Aufgrund eines Missverständnisses fragten die Hamburger ihn dann aber gleich direkt, ob er Bundespräsident werden wolle. Schwensen lehnte sofort ab und empfahl uns Udo Lindenberg, „der habe mehr Lust dazu und sicherlich auch bessere Chancen“. Panik-Präsident Lindenberg? Nun, er wäre zumindest weniger steif und bürokratisch als Steinmeier, hätte einen leichteren Zugang zu den Herzen der Menschen. Schade, dass ein scharfsinniger Gesellschaftsanalytiker wie Georg Schramm nicht wirklich zur Verfügung stand.

Engelbert Sonneborn auf einem fiktiven Wahlplakat

Telefonisch beriet ich mich mit der „Titanic“-Redaktion. Chefredakteur Tim Wolff schlug vor, einen zweiten Frank-Walter Steinmeier zu suchen, der ohne jegliche moralische Vorbelastung in die Wahl gehen könnte und der, als fünfter Name auf dem Wahlzettel, auch eine realistische Chance auf den Wahlsieg hätte. Eine ausgezeichnete Idee! Sofort machten wir uns getrennt an eine Internetrecherche. Meine Praktikantin fand zwei Frank-Walters in Deutschland, einer davon war Bundesaußenminister. Die zweite Adresse in Jüterbog fotografierte ich ab. Nachdem ich die Praktikantin gebeten hatte, telefonisch Kontakt aufzunehmen, schickte ich das Foto der Adresse in die Titanic-Redaktion und riet den Kollegen hämisch, sich ihren eigenen Steinmeier zu suchen, ich hätte bereits einen.

Tim Wolff schrieb zurück, meiner sei leider der echte, er habe seinen Wahlkreis in Brandenburg. Meine Enttäuschung wurde nicht geringer, als die Praktikantin kam und mir erzählte, der Frank-Walter aus Jüterbog sei leider nicht ans Telefon gegangen, sie habe deshalb auf den Anrufbeantworter gesprochen, dass er mich doch bitte zügig im Europäischen Parlament zurückrufen solle und meine Büronummer hinterlassen. Unnötig zu erwähnen, dass Steinmeier sich bis heute nicht bei mir gemeldet hat.

Ohne eigenen Kandidaten in die Bundesversammlung?

Aber ohne eigenen Kandidaten in die Bundesversammlung gehen? Nein, nicht für 70 Euro Tagegeld. Von den vier Nominierten konnte ich niemandem guten Gewissens meine Stimme geben. Mich selbst konnte ich auch schlecht vorschlagen. Das hätte eben jenen schalen Beigeschmack gehabt, der auch das Postengeschachere der großen Parteien begleitete.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Und deswegen werde ich am Donnerstag im Berliner Ensemble eine Pressekonferenz veranstalten, um meinen Vater zu nominieren, Herrn Engelbert Sonneborn. Er ist eine ehrliche Haut im besten Bundespräsidentenalter (78 Jahre) und hat bis heute keiner Fliege etwas zuleide getan. Merkel dürfte auf ihre letzten Monate gut mit ihm harmonieren. Als mein Bruder und ich erstmals wählen durften, beantragte er Briefwahlunterlagen, zitierte uns an den Küchentisch und erklärte uns, wie man CDU wählt. Mein Vater ist ein Mann von ausgesuchter Höflichkeit, Manieren alter Schule und besitzt einen schwarzen Anzug.

Vor die Wahl gestellt, ihn eines Tages ins Altersheim „Bellevue“ in Berlin-Köpenick zu schicken oder in Kürze ins gleichnamige Schloss am Tiergarten, fällt mir die Entscheidung leicht. Das Altersheim kostet ein paar Tausender im Monat, als Nachfolger Gaucks erhält er dagegen eine vollfinanzierte 24/7-Betreuung, warme Mahlzeiten, ordentlich Taschengeld, Unterhaltung, die Möglichkeit, kleinere Sommerfeste zu veranstalten, und geführte Reisen in Länder seiner Wahl (mein Vater reist gerne.) Die Reden, die er bisweilen und zu Weihnachten halten wird, werden ähnlich wie bei Gauck monothematisch sein und um den Topos „Freizeit“ kreisen: „Freizeit. Ein Plädoyer“, „Freizeit will immer wieder neu errungen sein!“, „Freizeit heißt Verantwortung“ und so was.

Damit ist die Entheroisierung der Politik in diesem unseren Lande dann auch komplett abgeschlossen. Und wenn wider Erwarten Frank-Walter Steinmeier zum Bundespräsidenten gewählt werden sollte, dann wird er zumindest einen Job antreten, den N****-Kalle Schwensen vor ihm abgelehnt hat. Smiley!

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