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Documenta und Antisemitismus : Wer stellt wen in Frage?

  • -Aktualisiert am

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnung der Documenta. Bild: dpa

Der Bundespräsident hat bei der Eröffnung der Documenta davor gewarnt, dass mit der Ausstellung die Grenze zum Antisemitismus überschritten werde. Ist Frank-Walter Steinmeiers Einschätzung richtig?

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          Seit die erste Documenta 1955 eröffnet wurde, war der Auftritt des Bundespräsidenten dort nicht mehr als eine feierliche Formalie, mit der sich die Bundesrepublik offiziell zur Bedeutung der Kunstfreiheit bekannte. Diesmal war alles an­ders. Frank-Walter Steinmeier konnte die Debatte nicht ignorieren, die seit Monaten tobt um die Frage, ob die Documenta-Macher Antisemitismus be­fördern würden.

          So wurde seine Rede ausgerechnet in dem Moment, da erstmals Ku­ratoren aus nichtwestlichen Ländern die Documenta leiten, zu einer Zu­rechtweisung „all jener, die sich für ih­re politischen Botschaften der Kunst bedienen“. Wo Kritik an Israel um­schlage „in die Infragestellung seiner Existenz“, so Steinmeier, sei die Grenze überschritten: „Die Anerkennung Israels ist bei uns Grundlage und Vo­raussetzung der Debatte“. Im Kern heißt dieses Machtwort der Politik zur Kunst: Wenn jemand sich auf Anfrage nicht zum Existenzrecht Israels be­kennt, darf er hierzulande keine Ausstellung kuratieren.

          Da dieses Be­kenntnis von der Documenta-Leitung bei aller Zurückweisung von Antisemitismus-Vorwürfen nicht zu bekommen war (weil, so die Verteidiger des Kollektivs, die Mitglieder dann zu Hause, in Indonesien, einem Land, das die Beziehungen zu Israel abgebrochen hat, erhebliche Probleme be­kämen), würde daraus folgen, dass sie die Documenta gar nicht hätten kuratieren dürfen.

          Weiter heißt Steinmeiers Statement, dass bestimmte Sichtweisen des globalen Südens an­gesichts von Deutschlands historischer Verantwortung gegenüber Israel hierzulande eben nicht vertreten werden dürfen. Die Zeitschrift „Monopol“ kritisiert das als „skandalös“, als Fortschreibung von kolonialen Redeverboten.

          Beschädigt werden alle

          Steinmeiers Rede lässt denken, dass zahlreiche antiisraelische Po­sitionen in Kassel zu finden seien. Dabei gibt es auf der gesamten Documenta, an der über tausend Künstler teilnehmen, kein einziges Werk, das Israels Existenzrecht infrage stellt, und nach bisheriger Durchsicht nur eins, dessen Israel-Darstellung man em­pörend finden kann, Mohammed Al Hawajris „Guarnica Gaza“.

          Es gibt viele Ausstellungen, bei denen israelische Kunst nicht vertreten ist; der Verdacht eines Zusammenhangs mit den Boykottforderungen des BDS ist in Kassel aber wohl nicht mehr auszuräumen. Wenn die „Bild“-Zeitung al­lerdings titelt, Steinmeier eröffne die „Kunstmesse der Schande“ (als handele es sich um die Ausstellung „Entartete Kunst“) einer Gruppe, die „durchtrieben von Hass gegen Israel“ sei, dann ist das ebenfalls eine beunruhigende Form von suggestivem Ras­sismus gegenüber einem Kollektiv, von dem kein antisemitischer Satz zu hören war.

          Die deprimierende Er­kenntnis ist, dass alle Teilnehmer diese Documenta beschädigt verlassen. Was als Versuch startete, dem „globalen Süden“ eine Stimme zu geben, hat eine desaströse Wendung genommen. Die Documenta hat in ihren jüngeren Ausgaben vor allem eine Kunst zeigen wollen, die politische Themen reflektiert. Diesmal wächst ihr ein Konflikt, der außerhalb der Kunst liegt und von dieser nicht gelöst werden kann, über den Kopf.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

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