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Bundesliga-Scout : Das Leben ist ein Handy

Lars Mrosko in seiner Zeit als Scout für den FC St. Pauli Bild: Bongarts

Lars Mrosko war Spielerberater und Bundesliga-Scout für Vereine wie Bayern München oder den VFL Wolfsburg. Ronald Reng hat ein Buch über ihn geschrieben. Wäre es Fiction, dann wäre es der Roman der Saison.

          Das Leben kann ein Roman sein oder eine Baustelle, auch mal ein langer, ruhiger Fluss. Es hält die Vergleiche und Metaphern mühelos aus, weil es sie virtuell sowieso alle in sich enthält, was neue Pointen nicht ausschließt. „Sein Leben war ein Handy“, heißt es über Mrosko, den Fußballscout, der auf einmal Spielerberater wird. „Wenn er ein Buch über sein Leben als Spielerberater schreiben würde, wäre darin praktisch keine Szene, nur ein Geräusch: das Tuten des Handys.“

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Mrosko setzt sich hin, um dieses Buch zu schreiben, nach ein paar Seiten gibt er auf, „die Kommasetzung nervte ihn. Das Handy klingelte wieder.“ Da er mit dem Schreiben nicht weiterkommt, wird halt über ihn geschrieben, sein Leben hat ja auch alles, was ein toller Roman braucht, und er selbst wäre ein so großartiger Protagonist, wie ihn die meisten deutschen Schriftsteller nie erfinden werden.

          Ein trauriger Schelmenroman

          Nicht bloß, weil ihre Romane oft so lebensfern, erfahrungsabstinent und schreibschulpoliert wirken, sondern weil dieser Lars Mrosko gar keine Fiktion ist, weil nichts erfunden werden, weil nur gründlich recherchiert und mit Begabung für Timing und Inszenierung geschrieben werden musste.

          Dass „Mroskos Talente“ sich liest wie einer der vitalsten deutschen Romane dieses Jahres, liegt natürlich am Autor. Ronald Reng, 45, ist Sportjournalist. Seine Biografie über Robert Enke war 2010 ein Bestseller. Zum fünfzigsten Jubiläum der Fußballbundesliga lieferte er nicht eines dieser tonnenschweren Coffee-Table-Bücher, sondern erzählte in „Spieltage“ anhand der Karriere des Spielers und Trainers Heinz Höher von Glanz und Elend, Leiden und Leidenschaft im deutschen Profifußball.

          Mrosko (Dritter von links in der zweiten Reihe) als Co-Trainer der A-Jugend beim TSV Rudow.

          Auf „Spieltage“, dessen Erzählweise durch szenische Verdichtung, geschickt gesetzte Leitmotive und einen klaren, unprätentiösen Stil weniger an ein Sachbuch als an eine Prosaerzählung erinnerte, folgt nun in „Mroskos Talente“ so etwas wie ein trauriger Schelmenroman, der zufällig wahr ist.

          Zu eigensinnig, um sich anzupassen

          Über einen Mann, der heute gerade mal 38 ist, dem manches gelungen und vieles daneben gegangen ist; der sich selbst im Weg steht, der beliebt, gerade heraus und akribisch ist, aufbrausend und herzensgut, den Freunde einen „Getriebenen“ nennen. Einer, und da muss man an den viel älteren, heute 77-jährigen Höher denken, der zu stur, zu leichtfertig, zu eigensinnig ist, um sich jemals wirklich anpassen zu können, in einer Institution, in Verhältnissen, die seinen Gerechtigkeitssinn empören.

          Lars Mrosko also, eines von fünf Kindern aus Neukölln, aus Rudow genau gesagt; die Eltern Gerichtsbeamte im mittleren Dienst, ein kleinbürgerliches Milieu, West-Berlins Süden vor der Wende, als die Jungs noch an der Mauer entlangliefen und Milch und Eier beim Bauern holten. Mrosko, der nach einem Jahr wieder vom Canisius-Kolleg flog und dessen Zwillingsbruder heute katholischer Priester ist.

          Schemenhaft den Profi von morgen erkennen: Auch der Jugendfußball wird immer mehr zum Teil des Geschäfts.

          Um zu verstehen, wie Mrosko tickt, muss man nur lesen, dass er zur ersten Predigt des Bruders den alten Neuköllner Pfarrer, den alten Religionslehrer, den alten Kindergärtner heimlich einlud und den Bruder damit zutiefst anrührte.

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