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Bundesarchiv wird 100 : Wenn mit Akten Krieg geführt wird

Ein Archivar geht durch die Gänge mit Aktenregalen des SED-Bestand DY 30 im Bundesarchiv. Bild: dpa

100 Jahre ist es her, dass das deutsche Bundesarchiv gegründet wurde. Auf einer Jubiläumskonferenz wird die bewegte Geschichte des Archivs erzählt – und seine Pflicht in der Gegenwart diskutiert.

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          Es kommt nicht oft vor, dass eine Behörde der Bundesrepublik Glückwünsche zu ihrem hundertjährigen Bestehen empfängt. Genau das passierte dem Bundesarchiv am Dienstagabend in Berlin, wo ihm die Kulturstaatsministerin zum hundertsten Geburtstag gratulierte – eine Geste, die im Auditorium unter dem Glasdach des Zeughauses nicht nur Heiterkeit auslöste. Die Konferenz im Deutschen Historischen Museum, die mit dem Grußwort von Monika Grütters eröffnet wurde, trug allerdings den Titel „100 Jahre Reichsarchiv“, womit der Anlass der Veranstaltung geklärt, die Frage nach dem Adressaten der Glückwünsche aber mitnichten zufriedenstellend beantwortet war.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Denn das im September 1919 per Kabinettsbeschluss gegründete Reichsarchiv bestand nur bis zum Untergang des „Dritten Reiches“ im Mai 1945. Das 1952 installierte Koblenzer Bundesarchiv wiederum teilte sich die Rechtsnachfolge und den Aktenbestand mit dem 1946 ins Leben gerufenen Deutschen Zentralarchiv der DDR, das es sich nach Mauerfall und Wiedervereinigung in den neunziger Jahren vollständig einverleibte. Wenn es also nicht ein und dasselbe Archiv ist, das in diesem Herbst sein hundertjähriges Jubiläum feiert, wie lassen sich dann die Brüche und Kontinuitäten in den Archivgeschichten beschreiben? Wer nennt die Namen, zählt die Akten der archivarisch Handelnden? Das Thema der Tagung war so vom ersten Ministerinnenwort an gesetzt.

          Worum es bei der Gründung des Reichsarchivs ging, machte der Freiburger Historiker Jörn Leonhard in seinem Eröffnungsvortrag klar: Auf den Kampf der Waffen sollte der „Krieg der Dokumente“ folgen. Der Große Generalstab, dessen Akten das Archiv übernahm, hatte den ersten Krieg verloren, den zweiten sollten die Reichsarchivare nun gewinnen. Aber trotz zahlreicher Publikationen wie dem Reihenwerk „Der Weltkrieg 1914 bis 1918“ (das erst 1956 vom Bundesarchiv abgeschlossen wurde) und der sechsunddreißigbändigen populären Serie „Schlachten des Weltkriegs“ ließ sich das alliierte Geschichtsbild, in dem das Deutsche Reich die Hauptschuld am Kriegsausbruch trug, nicht endgültig widerlegen. Auch in der deutschen Historiographie zeichnete sich eine Wende ab, nachdem der Rechtswissenschaftler Hermann Kantorowicz 1923 in einem Gutachten vor dem Parlamentarischen Ausschuss zur Kriegsschuldfrage die Führung des Kaiserreichs schwer belastet hatte.

          Gegensätzliche Entwicklungen nach dem Krieg

          Das Reichsarchiv blieb von dieser Entwicklung nicht ausgenommen. Seine beiden ersten Präsidenten Hermann Ritter Mertz von Quirnheim und Hans von Haeften wurden, wie es der Potsdamer Militärhistoriker Markus Pöhlmann ausdrückte, von „Wilhelminern“ zu guten Republikanern, der Ton der Veröffentlichungen versachlichte sich. Erst mit der Ernennung Ernst Zipfels im Jahr 1936 wurde das Archiv ideologisch gleichgeschaltet. Zugleich verlor es mit der Abgabe seiner militärgeschichtlichen Bestände an das neue Heeresarchiv, mit dem es den Standort auf dem Potsdamer Brauhausberg teilte, erheblich an Bedeutung. Im Zweiten Weltkrieg geriet das Reichsarchiv in die Mühlen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik: Es „sicherte“ Bestände, die aus osteuropäischen und sowjetischen Archiven geraubt worden waren.

          Und hier wird es historisch interessant. Denn der erste Direktor des Bundesarchivs, Georg Winter, hatte 1943 im „Einsatzstab Rosenberg“ am nationalsozialistischen Kulturraub in der Ukraine teilgenommen. Nach seiner Ernennung holte er zahlreiche einstige Parteimitglieder in die neue Behörde. Erfahrung im „Osteinsatz“ galt dem Archivdirektor dabei ebenso viel wie fachliche Kompetenz. In Zweifelsfällen entschied sich Winter „immer für den stärker Belasteten“ (Peter Ulrich Weiß, Potsdam). 1959 unterstanden siebzehn von 29 Abteilungen des Bundesarchivs Männern mit NS-Vergangenheit.

          Ganz anders sah es beim Zentralarchiv der DDR aus. Dessen erster Leiter Otto Korfes, Schwiegersohn Mertz von Quirnheims, war in Stalingrad als Divisionskommandeur in russische Gefangenschaft geraten und dem Nationalkomitee Freies Deutschland beigetreten. Mit Unterstützung Walter Ulbrichts organisierte er die geretteten Archivalien nach sowjetischem Vorbild. Als er 1952 durch die Staatssicherheit aus dem Amt gedrängt wurde, war der Grundstock des DDR-Staatsarchivs gelegt. Der Volksaufstand von 1953, die Wühlarbeiten der Stasi und eine eigens gegründete Archivarschule in Potsdam sorgten für die Ersetzung „belasteter“ Archivare durch linientreue Kommunisten.

          Aufgaben eines modernen Bundesarchivs

          Seit den sechziger Jahren entwickeln sich beide Archive noch weiter auseinander. Während Budget, Mitarbeiterzahl und Bestände des Bundesarchivs immer stärker wachsen, wird das Zentralarchiv zunehmend kujoniert. Dienstvorgänge unterliegen der Geheimhaltung, Mitarbeiter werden bespitzelt, Westkontakte unterbunden; Akten mit jüdischer Provenienz aus Beutebeständen der Roten Armee bleiben jahrelang unerforscht unter Verschluss. Die Vereinigung mit dem Bundesarchiv ist auch deshalb „insgesamt eine Erfolgsgeschichte“ (Simone Walther-von Jena, Berlin), weil er die Archivare von politischer Gängelung befreit.

          Den liberalen Grundkonsens der Tagung, dass an der Unabhängigkeit der archivarischen Arbeit nicht gerüttelt werden darf, durchbrach der Direktor des Russischen Staatlichen Militärarchivs, Wladimir Tarasow. In der Schlussdiskussion bestand Tarasow darauf, dass Archive „der allgemeinen Linie folgen“, also den Staat, dem sie dienen, auch repräsentieren müssten. Andererseits muss man Tarasows Bemerkung nur gegen den Strich lesen, um den Konsens wiederherzustellen. Ist ein offenes Archiv etwa keine Repräsentation einer offenen Gesellschaft? Vielleicht muss sich das Bundesarchiv einfach noch weiter für seine Benutzer öffnen, wenn es das Reichsarchiv und seine Geschichte endgültig hinter sich lassen will.

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