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Bürgerrechte für Tiere? : Ratte, Kuh und Mensch in der Gleichheitsfalle

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Bereit zur Übernahme bürgerlicher Pflichten? Panda in einem japanischen Zoo Bild: dpa

Die neueste Idee aus dem Paradiesgärtlein der Inklusion: Tiere sollen zu Mitbürgern ernannt werden. Davor steht die Nivellierung aller Unterschiede.

          Menschenrechte für Menschenaffen war gestern. Inzwischen geht es nicht mehr nur um Grundrechte, sondern um den Vollstatus des Bürgers, der dem Tier zugesprochen werden soll (citizenship). Damit wäre der nächste Schritt bei der Inklusion von Mensch und nicht-menschlichem Tier getan. Unter der Überschrift „Die Theorie multikultureller Bürgerrechte eröffnet auch eine spannende Perspektive auf die Frage der Tierrechte“ ist in der „Deutschen Zeitschrift für Philosophie“ (1/2014) ein Interview erschienen, das in der Tat spannend zu nennen ist. Haustiere wie Katzen und Hunde als auch Nutztiere wie Schafe und Kühe sollen in den Rang von Mitbürgern erhoben werden. Es geht um „ihre Aufnahme in unsere Gesellschaften, als volle Mitglieder und auf der Grundlage von Gleichheit“.

          Auch reicht es nicht länger aus - wie im Laufe des Interviews deutlich wird -, Wildtiere einfach in Ruhe zu lassen. Ein Spaßvogel würde sagen: So einfach kann man sich nicht aus der Affäre ziehen. Denn immer mehr Wildtiere leben in Städten: „Ratten, Tauben, Eichhörnchen, Spatzen bewohnen sogar die am dichtesten besiedelten Gegenden.“ Sind auch diese Tiere erst einmal zu Mitbürgern ernannt, lässt sich mit ihnen über Entschädigungen, Gesundheitsvorsorge und so weiter politisch verhandeln - zum Beispiel über Ombudsleute, die den Tieren im Parlament eine Stimme geben. Die multikulturelle Gesellschaft wird in dieser tierbürgerrechtlichen Konzeption um einen Farbtupfer reicher.

          Nivellierung aller Differenzen

          Hilal Sezgin, die Interviewerin, rüttelt und schüttelt ihre Gesprächspartner Sue Donaldson und Will Kymlicka so lange, bis die beiden Autoren des Buches „Zoopolis“ selbst den Kopf über ihre Ideen zu schütteln scheinen. Jedenfalls wird anhand dieses Interviews der problematische Argumentationsstil einer auf die Gattungsspitze getriebenen Inklusionsidee deutlich. Problematisch deshalb, weil sich immer wieder dasselbe Bild bietet: Real bestehende Unterschiede werden zugunsten einer Gleichheitsfiktion weggeredet, bis das Phänomen, um das es geht, gar nicht mehr zu erkennen ist.

          Ein Beispiel. Sezgin, selbst Autorin eines vielbeachteten tierphilosophischen Buches („Artgerecht ist nur die Freiheit“), fragt vorsichtig: „Aber Sie würden wohl nicht so weit gehen zu sagen, dass nicht-menschliche Tiere auch moralische Akteure sein können? Tiere mögen in der Lage sein zu kooperieren, aber wir erwarten von ihnen nicht, dass sie ihre eigenen Wünsche, ihren Charakter, ihr Verhalten reflektieren und gegebenenfalls auch mal gegen ihre Impulse handeln.“ Statt nun diese Differenzbehauptung zu gewichten (und sei es nur, um sie zu widerlegen), wird sie von den Befragten einfach in den Wind geschlagen, behavioristisch eingeebnet. Von Interesse ist lediglich die Funktionalität des Verhaltens, eine Perspektive, in der die von Sezgin vermisste Reflexion zum Störfaktor wird - nach dem Motto: Es gibt nichts Gutes, es sei denn, man tut es.

          Ob die Tiere ihr Verhalten reflektieren, ob sie sich gleichsam von außen sehen, ihr Agieren bewerten können - solche Fragen nach einer zweiten Natur, die für den Leipziger Primatenforscher Michael Tomasello das Alleinstellungsmerkmal des homo sapiens ausmachen, fallen hier unter den Tisch. Vergessen Sie Ihre Frage nach der Reflexionsfähigkeit, Frau Sezgin! Ist es nicht auch bei uns Menschen viel wichtiger, sich gut zu benehmen als zu grübeln? „Normen müssen internalisiert, also ein Teil unserer vorreflexiven Handlungsmuster werden“, erklären Donaldson und Kymlicka. „Die Gesellschaft würde zusammenbrechen, wenn Menschen andauernd nachdenken müssten, was sie tun sollen.“ Das ist natürlich richtig, verfehlt aber das Thema - und führt zu entsprechenden Fehlschlüssen: „Domestizierte Tiere und Menschen können so gesehen einen Großteil moralischen Lebens teilen.“

          Können sie eben nicht. Denn nicht-menschlichen Tieren ist es nicht gegeben, neben Rechten auch Pflichten zu haben und diese zu erfüllen. Auch kognitiv hochkomplexe Tiere sind insoweit unzurechnungsfähig. Tatsächlich räumen Donaldson und Kymlicka ein, dass es Probleme aufwirft, „uns Tiere als Mitbürger vorzustellen. Ihnen scheint es sowohl an den Fähigkeiten zu mangeln, die man benötigt, um Bürgerrechte auszuüben, als auch an denen, um ihren bürgerlichen Pflichten nachzukommen.“ Ungläubig hakt Sezgin nach: „Sie sagen, es scheint so“. Ist es in Wirklichkeit anders?

          Woraufhin ihre Interviewpartner die Lage der Tiere bedenkenlos mit der Situation von Behinderten vergleichen, nach deren Vorbild auch Katze, Hund, Schaf und Kuh citizenship zuzuschreiben sei. Ihr Ansatz, so erklären sie, stütze sich stark auf jüngere Theorien, die die Emanzipation von behinderten Menschen beträfen. Konkret gehe es hierbei um die auch fürs Bürgertier maßgebliche Idee, „dass auch Menschen mit kognitiven Einschränkungen in politische Prozesse eingebunden werden können, zum Beispiel durch körperliche Anwesenheit, durch nichtsprachliche Kommunikation und durch die Vermittlung von Ombudsleuten“. Man muss sich das nur ausmalen - Tiere im Parlament, am Mikrofon vertreten durch Ombudsleute -, um das Desiderat einer kategorialen Unterscheidung zu erkennen. Eine bloße Merkmalsanalyse greift zu kurz, wenn einem daran gelegen ist, zwischen Tieren und Behinderten noch gehaltvoll unterscheiden zu können.

          Donaldson und Kymlicka betreiben im Gegenteil die Inklusion der Tiere in die Bürgerwelt der Behinderten - ohne Ansehen der Person, wie man erschrocken feststellen muss.

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