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Bürgermeister und Barkeeper : Mit Schirmchen

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Mit dem Slogan „Berlin verstehen“ zog Klaus Wowereit in den Wahlkampf. Dann wurde gewählt. Jetzt zeigt sich seine wahre Gestalt.

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          Während nach der Berliner Abgeordnetenhauswahl noch alle auf die Piratenpartei schauten und sich fragten, ob die Nerds aus dem Netz nun die neuen Systemadministratoren werden, hat Klaus Wowereit für sich einen ganz anderen Schluss gezogen und die Koalitionsverhandlungen mit den Grünen folgerichtig schon am ersten Tag platzen lassen. Dem Mann, der in Überwindung aller Inhalte nur „Berlin verstehen“ auf seine Wahlplakate geschrieben hatte, war es dabei natürlich nicht um jene 3200 Meter Stadtautobahn gegangen, die seine Partei anfangs genauso wenig wollte wie die Grünen, an deren Bau sie nun - trotz all der anderen Probleme - ausgerechnet eine ganze Koalition festmacht. Er hat aus dem Wahlergebnis bloß abgeleitet, dass es offenbar vollkommen gleichgültig ist, wer unter ihm regiert.

          Wie fünf Jahre zuvor hat er die Grünen, die sich doch schon in der Regierung wähnten, einfach abblitzen lassen. Nun darf sich die CDU als zweite Wahl empfehlen, so wie das fünf Jahre zuvor die Linke durfte, um dann im Anschluss kleinregiert zu werden. Die Fähigkeit Klaus Wowereits, fast jeden, der sich mit ihm auseinander- oder zusammensetzt, früher oder später alt aussehen zu lassen, ist bemerkenswert. Unter seinen Gegnern mögen die einen (Steffel, Henkel) provinzieller gewesen sein als er und die anderen (Künast, Gysi) urbaner. Am Ende war Klaus Wowereit immer jeweils beides.

          Es ist, als stehe er im Getriebe der Stadt wie hinter dem Tresen einer örtlichen Strandbar und rühre ungestraft die unterschiedlichsten Mischungen zusammen - solange nur das Schirmchen im Drink von ihm stammt, kommen die Leute stets in so ausreichender Zahl, dass der Laden läuft. In einer Zeit, in der Leute Superstars, Supermodels oder Superautoren werden, obwohl sie vorher nicht gesungen, geschrieben oder gut ausgesehen haben, hat Klaus Wowereit einem Großteil der Berliner weismachen können, dass auch er als Bürgermeister vor allem Bürger geblieben ist. So gesehen, ist so ein Amt auch nicht mehr als ein harter Job, so wie wir alle einen harten Job haben, der uns mal besser und mal schlechter gelingt. Geht nicht jeder von uns manchmal morgens los ins Büro und denkt, heute werde er alles besser machen, um dann am Abend festzustellen, es wurde doch nur so wie immer? Vielleicht sollte die Berliner SPD auf die Plakate zur nächsten Abgeordnetenhauswahl nur noch drucken lassen: „Wowereit verstehen“.

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