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Lidl-Angebot : Ruinöse Gartenkunst

  • -Aktualisiert am

Nutzlosigkeit trifft Exzentrik: „Ruine groß Z-Form“ Bild: Lidl/Screenshot FAZ.NET

Ruinen sind so etwas wie die It-Girls der Landschaftsgestaltung. Mit nur knapp dreihundert Jahren Verspätung ist nun auch Lidl auf diesen Zug aufgesprungen.

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          Der Bau eines Einfamilienhauses dauert etwa ein halbes Jahr. In dieser Zeit gewöhnen sich seine Erbauer an den Anblick des Rohbaus, gewinnen ihn vielleicht sogar lieb. Doch am Ende steht da ein fertiges Haus, verstörend hermetisch. Nichts überlässt dieses Haus mehr der Phantasie. Wohin nun mit all den Vorstellungen, wie es damit auch noch hätte weitergehen können?

          Da kann man schon einmal den Verstand verlieren, und für solche Fälle hat Lidl jetzt das ideale Angebot: eine Ruine, die den Garten zieren soll. Schließlich ist so etwas laut Werbeversprechen „der perfekte Sitzplatz mit antikem Flair“. Nun liefert Lidl aber nicht einfach ein vollendetes unvollendetes Gemäuer, sondern zwei Eichenbalken und vierhundertsiebenunddreißig Betonsteine, die gegen einen kleinen Versandkostenzuschlag bis zur Bordsteinkante gebracht werden. Schon da lacht das Herz des Hausbauers: Endlich wieder die verheißungsvolle Unfertigkeit roher Steine im Vorgarten! Diese Pracht wiegt allerdings viereinhalbtausend Kilogramm, weshalb die Beschreibung „der Bausatz für jeden Heimwerker“ doch etwas unterdramatisiert wirkt. Andererseits ist das Projekt hervorragend geeignet für Heimwerker mit geringer Frustrationstoleranz: Wer bei der Hälfte entnervt aufgibt, hat schließlich auch schon eine Ruine. Es gibt aber eine „statisch geprüfte Bauanleitung“, denn wo kämen wir denn da hin, wenn so eine Ruine am Ende zerfiele!

          Auf ewig aufsehenerregendes Fragment

          Farblich werden Muschelkalk und Grau/Anthrazit angeboten, also entweder grau oder grau/grau. Bei den Modellen hingegen ist die Auswahl schon größer. Als Schnäppchen darf die „Ruine klein mit Fenster ohne Sitzbank“ gelten; sie kostet nur 1089 Euro. Für einen Hunderter mehr gibt es das Modell auch mit Sitzbank. Für den Rolls-Royce unter den Ruinen, „Ruine groß Z-Form“, müssen die Käufer dann schon 1639 Euro springen lassen. Dafür bekommt man auch einen Kontrabass oder eine Designerlampe als Insignien des Wohlstands, aber beides kann man nicht in den Garten stellen, und diese herrliche Bürgerkriegsromantik bilden sie auch nicht ab.

          Die Ruine hingegen bleibt auf ewig aufsehenerregendes Fragment, wird vielleicht dann und wann liebevoll abgekärchert, damit das gute Stück kein Moos ansetzt, das war schließlich teuer, Hilde! Immerhin steht sie damit in der großen Tradition künstlicher Ruinen aus der britischen Gartenkunst, einer besonders anmutigen Verbindung aus Exzentrik und Nutzlosigkeit. Also sozusagen den It-Girls der Landschaftsgestaltung, auch wenn sie zu ihrer Blütezeit im achtzehnten Jahrhundert noch anders genannt wurden: Follies, Verrücktheiten. Der Ruinenberg in der Nähe des Schlosses Sanssouci und das Schlösschen auf der Pfaueninsel legen Zeugnis davon ab, dass Verrücktheiten Exportschlager werden können. Sie sind jedoch ungleich pittoresker ausgefallen als die Lidl-Variante, nämlich antikes Rom und Gotik statt, nun ja: Dresden 1945.

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