https://www.faz.net/-gqz-81k3n

Dirigent Simon Rattle : Musik voller Rasierklingen

  • -Aktualisiert am

Auf zu neuen Ufern: Sir Simon Rattle Bild: dpa

Seit bekannt wurde, dass der Dirigent der Berliner Philharmoniker bald nach London wechselt, fragen sich alle, warum: Simon Rattle über das bessere Orchester, Zukünftspläne und den „Rosenkavalier“.

          5 Min.

          Sir Simon, vor zwei Jahren sprachen Sie von Ruhestand: „When I’m sixty-four“. Jetzt haben Sie angekündigt, dass Sie weiterarbeiten werden. Im fliegenden Wechsel gehen Sie von den Berliner Philharmonikern zum London Symphony Orchestra. Warum bleiben Sie nicht gleich beim besseren Orchester?

          Aber es gibt doch nicht nur „besser“ oder „schlechter“! Als Weintrinker sollten Sie wissen, dass es ganz unterschiedliche Qualitäten auf der Skala gibt. Vielleicht sind die Berliner Philharmoniker eher wie ein Châteauneuf, und das LSO ist eher wie ein Pinot Noir?

          Ein kulinarischer Vergleich?

          Sagen wir es sportlich: Es gibt kein anderes Orchester auf der Welt, in dem so eine große Anzahl von erstaunlichen Persönlichkeiten versammelt ist wie bei den Berliner Philharmonikern. Jeder spielt einzigartig. Das ist phantastisch: Die Philharmoniker sind das einzige All-Stars-Team, das ich kenne in der Musikwelt. Aber auch die All-Stars gewinnen nicht jedes Match.

          Bedauern Sie Ihren Entschluss?

          Nein. Wirklich wichtig im Leben ist es, dass man weiß, wann es genug ist. Ich wollte diesen Zeitpunkt nicht verpassen. Den Philharmonikern bleibe ich als Gastdirigent verbunden. Nun freue ich mich auf das LSO, das ist ein völlig anderer Orchestertyp. Sie sind beweglich und zukunftsorientiert. Wir wollen etwas aufbauen. Für mich persönlich bedeutet es außerdem, dass ich wieder eintauchen kann in meine eigene Kultur als Engländer.

          Sie bleiben trotzdem in Berlin wohnen?

          Berlin ist das Zuhause geworden, für mich und für meine Familie. Wir sind hier in der Mitte von Europa, ich liebe diese Stadt. In Zukunft werde ich vier Monate im Jahr in London sein. Aber in Deutschland gesteht man mir und meiner Familie wirklich ein Privatleben zu. Die Berliner kennen und respektieren immer noch diese kleine Distanz zur privaten Person, die es so in London nicht mehr gibt. Hier habe ich meine Ruhe vor den Journalisten (lacht).

          Was war, rückblickend, das Beste in diesen dreizehn Jahren mit den Philharmonikern? Und was, wenn man das überhaupt sagen kann, werden Sie gern vermissen?

          Oh, ich wusste nicht, dass ich heute noch meinen eigenen Nachruf schreiben soll. Was ich gern vermissen werde, dazu sage ich Ihnen kein Wort. Das Beste? Das Erste, was mir dazu in den Sinn kommt, traue ich mich auch kaum zu sagen. Es ist viel zu simpel. Die Konzerte hier können wirklich ekstatisch sein. Klar, auch die Proben, der Arbeitsprozess. Speziell für dieses Orchester hier aber, für die Berliner Philharmoniker, gilt, dass sie am allerbesten live in der konkreten Aufführung sind. Sie spielen dann wie ein sehr gutes Kammermusikensemble. Es gibt Abende, da sind sie unschlagbar, da steht man fassungslos da und denkt nur noch: Wahnsinn! Dann war ich am glücklichsten.

          Sie dirigieren jetzt zu Ostern in Baden-Baden den „Rosenkavalier“. Ausgerechnet den. Das Strauss-Jahr 2014 war schon mit Dutzenden von „Rosenkavalieren“ gespickt. Wer hatte diese antizyklische Idee?

          Ich liebe das Stück. Ich habe es zum ersten Mal in Glyndebourne dirigiert, vor fast vierzig Jahren. Damals war ich Anfang zwanzig, und stellen Sie sich vor: Felicity Lott sang den Octavian. So lange ist das her. Sie war noch viel zu jung für die Marschallin. Ich war damals hingerissen, ich erinnere mich dunkel, ich habe mich wahnsinnig gefreut über jeden dieser irren Harmoniewechsel. Diese Musik hat so viele Untiefen, sie steckt voller Rasierklingen, unterhalb des Zuckerwerks gibt es so viel Ungesichertes. Später habe ich dann noch mal eine Aufführungsserie mit dem „Rosenkavalier“ in Amsterdam gemacht und an der Berliner Staatsoper. Aber für mein Orchester, die Berliner Philharmoniker, ist das jetzt in Baden-Baden eine ganz neue Erfahrung. Sie haben den „Rosenkavalier“ in der ganzen langen Geschichte ihrer Existenz noch nie gespielt.

          Dafür gibt es gute Gründe. Den „Rosenkavalier“ sollte man besser den Wiener Philharmonikern überlassen, die haben das im kleinen Finger.

          Weitere Themen

          Diese Geige ist wie Gesang

          Mozarts Instrument gespielt : Diese Geige ist wie Gesang

          Christoph Koncz spielte Mozarts Violinkonzerte auf dessen eigener Konzertgeige ein. Im Interview berichtet er von bürokratischen Hürden und darüber, wie der Klang der Geige den Komponisten inspiriert haben könnte.

          Eine Familie voller Freaks Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Ema“ : Eine Familie voller Freaks

          „Ema" ist intensiv und fesselnd, aber nichts für Spießer. Regisseur Pablo Larrain inszeniert ein Drama der besonderen Sorte, das seinem Ruf als Genie endlich gerecht wird, urteilt F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath in der Video-Filmkritik.

          Topmeldungen

          Abgeordnete im Deutschen Bundestag

          Corona-Kompetenzen : Die Gesetze macht immer noch der Gesetzgeber

          Beim Streit über die Kompetenzen des Bundestages geht es um mehr als nur um Formalitäten. Die Debatte ist auch eine Abrechnung mit der Art, wie die Corona-Politik bisher zustande gekommen ist.
          Schönau am Königssee: Alle Touristen mussten den Landkreis Berchtesgadener Land bis zum Beginn des Lockdowns verlassen. (Archivbild)

          Lockdown am Königssee : Jetzt ist auch für den Tourismus Schluss

          2500 Gäste mussten bis 14 Uhr den Landkreis Berchtesgadener Land verlassen. Bergbahnen und Ausflugsschiffe stehen still. Bei den Einheimischen macht sich Wut breit – über all jene, die den Lockdown durch ihr sorgloses Verhalten provoziert haben.
          Ein Kühlschrank mit kostenlosen Lebensmitteln im Stadtteil Brooklyn.

          Lebensmittelversorgung : Von New Yorkern für New Yorker

          In New York stehen auf den Bürgersteigen Kühlschränke mit kostenlosen Lebensmitteln. In Zeiten der Corona-Krise ist die Nachfrage danach immens. Das Konzept ist unkomplizierter als die Tafeln.
          Netflix: Keine besonders guten Zahlen für die Kalfornier

          Weniger Neukunden als erwartet : Corona-Kater für Netflix

          Netflix hat zwar weiter Neukunden während der Corona-Krise gewinnen können, doch die eigene Prognose wurde verfehlt. Auch für die Zukunft plant das kalifornische Unternehmen vorsichtig. Die Aktie sank.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.