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Dirigent Simon Rattle : Musik voller Rasierklingen

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Auf zu neuen Ufern: Sir Simon Rattle Bild: dpa

Seit bekannt wurde, dass der Dirigent der Berliner Philharmoniker bald nach London wechselt, fragen sich alle, warum: Simon Rattle über das bessere Orchester, Zukünftspläne und den „Rosenkavalier“.

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          Sir Simon, vor zwei Jahren sprachen Sie von Ruhestand: „When I’m sixty-four“. Jetzt haben Sie angekündigt, dass Sie weiterarbeiten werden. Im fliegenden Wechsel gehen Sie von den Berliner Philharmonikern zum London Symphony Orchestra. Warum bleiben Sie nicht gleich beim besseren Orchester?

          Aber es gibt doch nicht nur „besser“ oder „schlechter“! Als Weintrinker sollten Sie wissen, dass es ganz unterschiedliche Qualitäten auf der Skala gibt. Vielleicht sind die Berliner Philharmoniker eher wie ein Châteauneuf, und das LSO ist eher wie ein Pinot Noir?

          Ein kulinarischer Vergleich?

          Sagen wir es sportlich: Es gibt kein anderes Orchester auf der Welt, in dem so eine große Anzahl von erstaunlichen Persönlichkeiten versammelt ist wie bei den Berliner Philharmonikern. Jeder spielt einzigartig. Das ist phantastisch: Die Philharmoniker sind das einzige All-Stars-Team, das ich kenne in der Musikwelt. Aber auch die All-Stars gewinnen nicht jedes Match.

          Bedauern Sie Ihren Entschluss?

          Nein. Wirklich wichtig im Leben ist es, dass man weiß, wann es genug ist. Ich wollte diesen Zeitpunkt nicht verpassen. Den Philharmonikern bleibe ich als Gastdirigent verbunden. Nun freue ich mich auf das LSO, das ist ein völlig anderer Orchestertyp. Sie sind beweglich und zukunftsorientiert. Wir wollen etwas aufbauen. Für mich persönlich bedeutet es außerdem, dass ich wieder eintauchen kann in meine eigene Kultur als Engländer.

          Sie bleiben trotzdem in Berlin wohnen?

          Berlin ist das Zuhause geworden, für mich und für meine Familie. Wir sind hier in der Mitte von Europa, ich liebe diese Stadt. In Zukunft werde ich vier Monate im Jahr in London sein. Aber in Deutschland gesteht man mir und meiner Familie wirklich ein Privatleben zu. Die Berliner kennen und respektieren immer noch diese kleine Distanz zur privaten Person, die es so in London nicht mehr gibt. Hier habe ich meine Ruhe vor den Journalisten (lacht).

          Was war, rückblickend, das Beste in diesen dreizehn Jahren mit den Philharmonikern? Und was, wenn man das überhaupt sagen kann, werden Sie gern vermissen?

          Oh, ich wusste nicht, dass ich heute noch meinen eigenen Nachruf schreiben soll. Was ich gern vermissen werde, dazu sage ich Ihnen kein Wort. Das Beste? Das Erste, was mir dazu in den Sinn kommt, traue ich mich auch kaum zu sagen. Es ist viel zu simpel. Die Konzerte hier können wirklich ekstatisch sein. Klar, auch die Proben, der Arbeitsprozess. Speziell für dieses Orchester hier aber, für die Berliner Philharmoniker, gilt, dass sie am allerbesten live in der konkreten Aufführung sind. Sie spielen dann wie ein sehr gutes Kammermusikensemble. Es gibt Abende, da sind sie unschlagbar, da steht man fassungslos da und denkt nur noch: Wahnsinn! Dann war ich am glücklichsten.

          Sie dirigieren jetzt zu Ostern in Baden-Baden den „Rosenkavalier“. Ausgerechnet den. Das Strauss-Jahr 2014 war schon mit Dutzenden von „Rosenkavalieren“ gespickt. Wer hatte diese antizyklische Idee?

          Ich liebe das Stück. Ich habe es zum ersten Mal in Glyndebourne dirigiert, vor fast vierzig Jahren. Damals war ich Anfang zwanzig, und stellen Sie sich vor: Felicity Lott sang den Octavian. So lange ist das her. Sie war noch viel zu jung für die Marschallin. Ich war damals hingerissen, ich erinnere mich dunkel, ich habe mich wahnsinnig gefreut über jeden dieser irren Harmoniewechsel. Diese Musik hat so viele Untiefen, sie steckt voller Rasierklingen, unterhalb des Zuckerwerks gibt es so viel Ungesichertes. Später habe ich dann noch mal eine Aufführungsserie mit dem „Rosenkavalier“ in Amsterdam gemacht und an der Berliner Staatsoper. Aber für mein Orchester, die Berliner Philharmoniker, ist das jetzt in Baden-Baden eine ganz neue Erfahrung. Sie haben den „Rosenkavalier“ in der ganzen langen Geschichte ihrer Existenz noch nie gespielt.

          Dafür gibt es gute Gründe. Den „Rosenkavalier“ sollte man besser den Wiener Philharmonikern überlassen, die haben das im kleinen Finger.

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