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Uraufführungen in Hamburg : Ohne Furcht und ohne Hoffnung

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Das angekündigte Ende der „Videokacke“ in René Polleschs „Probleme Probleme Probleme“ bringt noch einmal bunteste Bilder hervor. Bild: Thomas Aurin

Die Uraufführungen von Klaus Pohls „Lasst mich in Ruhe!“ im St. Pauli Theater und von René Polleschs „Probleme Probleme Probleme“ im Schauspielhaus liefern treffende Zeitgemälde.

          Was passiert mit Schauspielerinnen und Schauspielern, wenn niemand sie beobachtet? Sind sie dann noch, was sie zu sein behaupten? Was kann man über einen Menschen, eine Rolle, ein Molekül aussagen, das über eine Momentaufnahme hinausgeht? Wie geraten Raum und Zeit in Shakespeares „Sommernachtstraum“ durcheinander und wie die Prinzipien der Logik in Kleists „Das Käthchen von Heilbronn“? Was verbindet die Gesetze der Naturwissenschaft mit Tschechows Diktum, die Aufgabe des Künstlers sei „die richtige Präsentation des Problems“?

          Mit solch unterschiedlichen Fragen setzt sich das neue Stück von René Pollesch höchst amüsant und überaus gewitzt auseinander, obwohl es den Titel „Probleme Probleme Probleme“ trägt. Für die Uraufführung, die Pollesch nun selbst am Schauspielhaus Hamburg inszenierte, hat die Bühnenbildnerin Barbara Steiner die Bühne mit einer hellen Holzwand voller Glühbirnen zugebaut, in die zwei Portale mit zwei Bühnen nebeneinander eingelassen sind. Kein Wunder, dass die fünf Darstellerinnen bald durchdrehen, wie sollen sie zwei Aufführungen parallel im gleichen Raum bewältigen? Aus dieser Konfusion entstehen kuriose Dialoge und komische Gefechte, welche die Quantenmechanik und das Doppelspalt-Experiment genauso wie Paradigmen der Theaterkunst und ästhetische Entwicklungen thematisieren.

          René Pollesch, Erfinder des elaborierten Diskurs-Theaters, ist ein furchtloser Forscher, der durch alle intellektuellen Felder rast und sie so sinnvoll wie sinnlich theatralisch aufbereitet. In „Probleme Probleme Probleme“ sind die Schauspielerinnen gleichsam Blumenmädchen, denn hinter der Holzwand befindet sich ein Gewächshaus mit überdimensionalen, grellbunten Pflanzen wie auf einem Siebdruck von Andy Warhol. Per Live-Videokamera wird aufgedeckt, was das Ensemble tut, wenn es sich darin verbirgt, worüber sich besonders Sophie Rois, der die Kostümbildnerin Tabea Braun unter anderem einen klassischen Harlekin-Anzug entworfen hat, echauffiert. „Was für ein Theater! Was für eine Kathedrale!“, schwärmt ihre namenlose Figur mit Blick in das prächtige Schauspielhaus und ergänzt: „Es ist mir unbegreiflich, wie man in einem Theater so viel Raum für eine Leinwand verschwenden kann!“

          „Wir machen kein Kamerastück!“

          Die benötigt man freilich bei all der „Videokacke“, weshalb sie verlangt: „Wir machen kein Kamerastück!“ Sollte sich da eine langjährige Mode verabschieden, und Pollesch hat es mit seiner Trendspürnase als Erster gemerkt? Darüber wird verwirrend wie vergnüglich räsoniert, und zwar auch von Sachiko Hara als schriller Ausdruckstänzerin auf dem ironisch verengten Grat zwischen der deutschen und der japanischen Sprache, von Marie Rosa Tietjen als androgynem Pagen, von Bettina Stucky als hemmungslos flotter Gauklerin der Lüste und von Angelika Richter als hippiemäßigem Luftgeist, der einmal außer Atem inniglich aufschreit: „Was ist denn hier los?“ Kaum neunzig Minuten dauert René Polleschs famoses Konzentrat eines intelligenten, mitreißenden, unterhaltsamen Theaterabends, der auf schönste und beste Art zum Lachen ist.

          Von Problemen anderer Art erzählt das neue Stück „Lasst mich in Ruhe!“ von Klaus Pohl. Darin geht es um die osteuropäische Migrantin Marta, die sich in Deutschland als Putzfrau durchschlägt und ihrer Tochter Charlotte eine bessere Zukunft ermöglichen möchte. Doch die will nicht Karriere machen, sondern frei sein und Malerin werden. Mit Hilfe des umstrittenen Medikaments Ritalin soll sie von ADHS und Zappelphilipperei geheilt werden, worunter es angeblich leidet, und sich konzentrieren können, das Abitur ablegen und eine funktionstüchtige Staatsbürgerin werden. Das klappt nach einigen Schulverweisen sogar – allerdings ist sie dann tablettensüchtig, hat ihre Kreativität verloren und jede Vorstellung von einem glücklichen Leben.

          Sentimental, trivial und nie distanziert

          Bewusst sentimental, manchmal trivial, vor allem nie distanziert lässt Klaus Pohl hier die bodenständigen Wünsche der alleinerziehenden Einwanderin mit dem hedonistischen Selbstverwirklichungskonzept der nächsten Generation kollidieren – bis zum schlechten Ende. Im St. Pauli Theater auf der Reeperbahn inszeniert Ulrich Waller die Uraufführung schnell, intensiv und sauber vom Blatt weg. Nina von Essens Bühnenbild deutet mit wenigen Elementen und Projektionen gekonnt ein Wohnzimmer, ein Tanzlokal, einen Garten an.

          Eine komplizierte Mutter-Tochter-Geschichte: Klaus Pohls „Lasst mich in Ruhe!“

          Alle Augen richten sich natürlich auf die berühmte Eva Mattes, die als Marta ein großes, verzweifeltes Mutterherz und eine verlorene Menschenseele zeigt. Mattes hat sich einen fiktiven Akzent verordnet, aus dem sie subtil das Ausgegrenztsein wie die Entwurzelung ihrer bei aller Resolutheit zutiefst verletzten Figur gewinnt. Edda Wiersch als ihre Tochter glänzt mit Kraft und Übermut und in der Zerrissenheit der jungen Frau zwischen den Welten, deren Unvereinbarkeit sie vernichten wird. Stephan Schad ist als Martas spießig generöser Freund Klaus irgendwann überfordert, Vincent Lang als Charlottes ausgeflippter Freund Sioux irgendwann erledigt. Für die emotionale Verbundenheit von Marta und Charlotte sorgen immer wieder die folkloristischen Lieder, die sie, begleitet von zwei Musikern, singend, tanzend, existentiell-emphatisch zelebrieren.

          Einerseits ist „Lasst mich in Ruhe!“ eine komplizierte Mutter-Tochter-Geschichte, andererseits die Empörung des Autors über das, was heute als Krankheit gilt und der Pharmaindustrie die Taschen füllt. Angesichts der Kaputtheit, der Tristesse und der verkrampften Lustigkeit draußen auf der Reeperbahn mit ihren ruinierten Existenzen und zerstörten Träumen erscheint Klaus Pohls unerschrockener Abgesang sehr treffend. Und Ulrich Wallers klare, kluge Inszenierung passt so gut wie beklemmend auch, aber nicht nur, in diese Umgebung – ohne Furcht, ohne Hoffnung.

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