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Premieren in Berlin : Das Glück ist eine Baustelle

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Ein Mensch, kein Mann...Maren Eggert als April und Alexander Khuon als Frank Wheeler in Jette Steckels Adaption von „Zeiten des Aufruhrs“ nach Richard Yates

Aber zumindest einen außergewöhnlichen Auftritt erlebt man dann doch: Ole Lagerpusch als John, der irr gewordene Sohn der Immobilienmaklerin, ehemals hochbegabter Mathematiker, jetzt Psychiatrie-Insasse. Er hält den Wheelers grausam den Spiegel vor und überführt sie der Lebenslüge. Wie ein düsterer Prophet steht Lagerpusch halb mit den Rücken zum Publikum, prophezeit mit zwinkernden Augen, leblos herabhängenden Armen und mit bohrend-störender Stimme: „Wer so ein schönes Haus hat, braucht ein Leben, das ihm nicht gefällt.“

Aus Ruinen lernen

Der Satz hallt nach, geht durch die Wände und trifft wenige Abende später auf ein anderes junges Paar, eins von heute, Heinar und Petra eben, die sich mit ihrem Haus auch gleich ein neues Leben aufbauen wollen. Aber „einer, wie der Heinar“, ambitionierter Lehrer und Gesellschaftsidealist, baut nicht einfach nach Schema F. Wochenlang stakst er über sein Bauland und steckt immer wieder den Grundriss neu ab, während die autochthone Landbevölkerung am Zaun steht und meckert. Seine Frau lässt sich unterdessen von einem Architektenfreund an den gewölbten Bauch fassen und vor dem Dilettantismus ihres Mannes warnen. Was der dann als trautes Familienheim präsentiert, übertrifft in der Tat alle Erwartungen: Unter einer riesigen Plastikplane kommt ein weißer, nach den Regeln antiker Baukunst entworfener Tempel zum Vorschein – „als hätt ein gott ihn/ aus der akropolis herausgerissen“. Heinar will aus „Ruinen lernen“, statt eine „Fertigteilversion des Lebens“ nachzubauen, das heißt: Diskussion über Gesellschaftswandel, Kommunenleben, Sektengründung. Doch leider gibt es auch noch das Kind, das ohne Achtung vor den Idealen des Bauherrn vom Gerüst fällt.

„der tempelherr“, das neue, sogenannte „erbauungstück“ von Ferdinand Schmalz, ist eine vergnügt abgründige Persiflage auf die Irrungen und Wirrungen des Häuslebauens. Der 1985 geborene und schon vielfach, unter anderem mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnete Autor, der seine ersten, makaber-uneigentlichen Stücke im Assoziationsraum von Nahrungsmitteln ansiedelte („am beispiel der butter“, „dosenfleisch“ und „herzerlfresser“), sich mit seinem SPA-Stück „der thermale widerstand“ dann den Idiotien der therapeutischen Wellness-Gesellschaft widmete und zuletzt eine modernisierte Fassung des „Jedermann“ schrieb, ist nun bei den abstrusen Umständen der Eigenheimgründung angelangt.

In die Kammerspiele des Deutschen Theaters hat Bühnenbildner Viktor Reim verschiedene, schräg in die Höhe ragende Bretterwand-Ensembles gestellt, aus denen die Protagonisten hervortreten und sich dem Publikum in phantasievollen, sommernachtsverträumten Kostümen (Julia Dietrich) und mitunter auch hinter hölzernen Masken präsentieren. Ein befreundetes Paar rät Petra mit Blick auf die zunehmende Ausländerkriminalität zu einer modernen Sicherheitstechnik, der Schwiegervater will für seine finanzielle Unterstützung gelobt werden, und Markus, der Architektenfreund, schüttelt abfällig den Kopf vor dem „weißen Ungeheuer“. Der Tempelherr selbst tritt nie in Erscheinung, ist immer gerade am Ausmessen oder Umgraben und ruft seinen Freunden nur hin und wieder einen Kalenderspruch zu: „Das Glück ist eine Baustelle, die sich niemals zu Ende bringen lässt“ oder: „Mit einem Haus baut man an sich selbst“. Schmalz’ Sprache, die sich sonst durch einen eigenartigen Rhythmus und eine verquere Diktion auszeichnet, hört sich hier überraschend brav und gezügelt an. Unkomplizierte Sätze wie „Wir stehen das gemeinsam durch“ oder „Wie geht das, sich erzählen?“ hätte man von diesem Autor nicht erwartet. Die Worte gehen hier zu leicht und logisch über die Lippen, als dass sie eigenartig wirken könnten. Die Inszenierung von Philipp Arnold versucht zwar mit Hilfe von Videoeinspielungen und Klangimpulsen einen bedrohlichen Hintergrund zu suggerieren, aber im Wesentlichen bleibt das Ganze doch eine recht harmlos unterhaltsame Vorstadtfarce. Wohlfeile Landlust – so viel ist nach den zwei Theaterabenden immerhin klar – bleibt nicht ungestraft. Wer natürlich leben will, muss sich warm anziehen. Und ein guter Lügner sein.

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