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Zur Opernkritik eines Politikers : O Liberale, nicht solche Töne!

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Pathologie oder Phantasie? Szene aus Eugen Egners Oper „Der Universums-Stulp“ Bild: Uwe Stratmann

Als Darbietung eines „psychisch Kranken“ hat der FDP-Politiker Alexander Schmidt die in Wuppertal uraufgeführte Oper „Der Universums-Stulp“ von Eugen Egner bezeichnet. Ein Offener Brief anlässlich eines verstörenden Opernbesuchs.

          Lieber Herr Alexander Schmidt,

          Sie sind Vize-Fraktionschef der FDP in Wuppertal. Dafür können Sie wenig, wahrscheinlich nichts, weil die Zufälle, welche die Leute ins Unglück führen, so viel zahlreicher und mächtiger sind als die wenigen bewussten Entscheidungen, die sie im Leben treffen können. Nun sind Sie aber, gleich mir, gleich vielen anderen, in die Oper gegangen, zur Uraufführung von Eugen Egners „Der Universums-Stulp“ in Ihrem schönen Wuppertal, und das immerhin müssen Sie sich zurechnen lassen, wie auch Ihre Äußerungen dazu: „Mit einem Eifer, dessen Motor schwer erkennbar war“, so berichtet die „Westdeutsche Zeitung“, geiferten Sie auf dem Kreisparteitag gegen die Premiere. „Neue Dinge ausprobieren gerne“, werden Sie zitiert, aber das habe angemutet wie eine Darbietung von „Psychotikern, psychisch Kranken“.

          Ich vermeine, Sie gesehen zu haben im Parkett, Sie saßen da in Ihrem Anzug, schauten ständig auf die Uhr und klatschten nie, auch nicht am Ende. Und bevor Unverstand restlos zu Wut wird, muss man die Leute bei der Hand nehmen und ihnen die Dinge erklären, wie man einem Kind zeigt, dass der Hund nicht beißt und dass das Wasser gar nicht tief ist.

          Einer wie wir alle

          Eugen Egner, bekannt durch grotesk- komische Cartoons und Comics, gelobt für wilde Texte und surreale Abenteuergeschichten, hat vor vielen Jahren ein Buch geschrieben. „Der Universums-Stulp“ ist ein Roman über einen Schriftsteller, Traugott Neimann, dessen Produktivität direkt von seinem Drogenkonsum abhängt; und wenigstens dieses Phänomen muss Ihnen, Herr Schmidt, als weltläufigem Politiker bekannt sein. Als Neimann bei einer Feier aus dem Fenster stürzt, rettet ihn eine übergeordnete Instanz, nimmt ihm aber das Versprechen ab, künftig auf Drogen zu verzichten.

          Auch solche Erweckungserlebnisse sind bekannt, nehmen Sie nur den ehemaligen amerikanischen Präsidenten, George „Johnny Walker“ Bush. Die Mittel, zu denen Neimann greift, um dennoch schreiben zu können, sind ebenfalls ganz gewöhnliche: Er besucht das Universal-Hilfe-Institut von Thalia Fresluder, einer Dame, die Sie sich als eine Art Work-Life-Balance-Coach vorzustellen haben; jedenfalls sind die Mittel, die sie empfiehlt, auch nicht viel irrer als die Feuerläufe und Schreitherapien moderner Managementseminare. Neimann muss echte Menschen und Ganghofer-Kreaturen unterscheiden lernen, wie wir alle, er muss gegen den Papst kämpfen, wie wir alle, und wie wir alle muss er in die eigene Kindheit zurückreisen und darauf achten, sich dabei selbst nicht verlorenzugehen.

          Leo Fischer, ehemaliger Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“

          Es stimmt, einzelne Motive und Sentenzen stammen aus der Sammlung Prinzhorn, jenen „Bildnereien Geisteskranker“, die der gleichnamige Nervenarzt zusammentrug. Doch hat Egner gerade das Vernünftige, das Wirkliche aus der Sammlung entnommen, das, was uns alle angeht. Wie anders kann man eine solche Geschichte erzählen denn als Oper? Und mit welcher Musik als der von Stephan Winkler? 607 Seiten Partitur hat er geschrieben, ein halbes Jahrzehnt hindurch, verwandelte gesprochene Sprache direkt in Musik, bastelte eigene Instrumente. Seine Komposition ist keine irre Willkür, vielmehr ein strenger Rahmen, der im figurenreichen Gewusel der Handlung für Ordnung sorgt, und das Ensemble musikFabrik festigt und stützt ihn mit Leichtigkeit. Diese Musik ist von höchster, von kristalliner Rationalität. Psychotiker saßen höchstens im Publikum, nicht im Orchestergraben.

          Herr Schmidt! Haben Sie die Sänger und Sprecher gesehen, wie sie sich beugen und winden und kriechen, sich in Brotaufstrich verwandeln, um China zu infiltrieren? Haben Sie gehört, wie Olaf Heye als Niemann sein „Neterer bin ich, Neterer heiß ich“ trällert, schöner als jeder Wagner-Siegmund, wie Hendrik Vogt den rotzig-juvenilen Drogenkumpel Valerian intoniert, wie Christian Sturm als Papst Leo XIII. nur die Vokale seiner Arie singt, weil der Rest vom Band kommt? Die makellose Choreographie einiger Szenen ist exakt die der verdrehten Cartoonfiguren Egners; auch hier waren Fachleute von höchster psychischer Gesundheit am Werk.

          Ich klage Sie an, Alexander Schmidt!

          Und wo hat das alles stattgefunden? Bei Ihnen zu Hause, in Wuppertal! In jenem Bermuda-Dreieck Deutschlands, wo die Naturgesetze ja längst schon auf den Kopf gestellt sind, wo die U-Bahn über den Dächern hinwegbraust und Elefanten durch die Luft fliegen! Mitten im zerstörten, verlassenen Westen der Republik, wo sonst keine Hoffnung mehr ist, hat so etwas Herrliches, so etwas Niedagewesenes stattgefunden, Sie waren dabei, und doch haben Sie nichts erlebt.

          Ausweislich weiterer Pressezitate haben Sie den Satz „Ich wurde wiedergeboren als Brotaufstrich“ gehört - eine Zeile, die weder im Buch noch in der Oper vorkommt. Sie hören nur, was Sie hören wollen, und es sind leider Leute wie Sie, die in diesen Dingen Einfluss haben, die dafür sorgen, dass auf die Bühnen immer nur das kommt, was die Leute hören wollen, dass die Dauerlutscher Wagner und Verdi jedes Jahr neu mit Zucker bestreut werden und die Reproduktion des Immergleichen nur mit größerer handwerklicher Versiertheit gelingt.

          Ich klage Sie an, Alexander Schmidt! Sie sind selbst eine Ganghofer-Kreatur, ein tückischer Zwerg hat Sie ausgeworfen! Um dies zu beweisen, werde ich noch heute nach China reisen, mir vom Papst einen Ablass für Sie kaufen. Vielleicht kann ich Ihre Seele noch retten.

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