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Bayreuther Festspiele : Der Loop des Nibelungen

„The Loop of Nibelung“ von Simon Steen-Andersen im Bayreuther Festspielhaus Bild: David Sünderhauf

Auch wenn die Bayreuther Festspiele dieses Jahr nicht stattfinden, haben sie doch viel vor. Und sie waren bislang auf gutem Wege. Ein Lagebericht.

          5 Min.

          Der heutige Abend hätte im Festspielhaus auf dem Grünen Hügel eine Zäsur markiert, gäbe es die Pandemie nicht. Christian Thielemann wollte einen Tag vor der Eröffnung der Bayreuther Festspiele das Bundesjugendorchester dirigieren, und es wäre keine Musik von Richard Wagner erklungen.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Ja, es wäre nicht einmal – wie bei den Festakten für Wieland und Wolfgang Wagner – das Andenken an Familienmitglieder und Festspielleiter gefeiert worden. Für das Programm vorgesehen war nämlich die dreizehnte Symphonie von Dmitri Schostakowitsch, die mit dem Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko an das Massaker in Babi Jar, der „Weiberschlucht“ unweit von Kiew, erinnert, wo im Jahr 1941 von der deutschen Wehrmacht und der SS unter Beteiligung ukrainischer Nationalisten knapp 34 000 Juden ermordet wurden.

          Die Reihe „Diskurs Bayreuth“, seit drei Jahren unter der Leitung von Marie Luise Maintz fester Bestandteil der Festspiele, hätte mit dieser Aufführung fünfundsiebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein besonderes Zeichen gesetzt: Im Festspielhaus selbst wäre der Völkermord an Europas Juden zum Thema geworden. Er gehört zur finsteren Wirkungsgeschichte Richard Wagners. Denn der Komponist war einer der entschiedensten Antisemiten des neunzehnten Jahrhunderts, dessen fanatischer Hass auf die Juden sogar Phantasien von deren gewaltsamer Vernichtung einschloss.

          Der Dirigent Christian Thielemann, Musikdirektor der Bayreuther Festspiele
          Der Dirigent Christian Thielemann, Musikdirektor der Bayreuther Festspiele : Bild: dpa

          Allein schon der Plan zu diesem Konzert – bei einem gemeinsamen Gespräch der Festspielleiterin Katharina Wagner mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel, Hamburgs ehemaligem Bürgermeister Klaus von Dohnányi und der Dichterin Ulla Hahn entstanden – zeigt, was sich in den letzten Jahren in Bayreuth um Guten hin geändert hat. Das Festspielhaus wurde behutsam geöffnet für Musik jenseits der zehn kanonisierten Musikdramen Richard Wagners, die ihr den Programmkern bilden.

          Die Familienarchive wurden für unabhängige Forscher geöffnet. Sven Friedrich im Wagner-Museum Wahnfried, aber auch Marie Luise Maintz in der Gesprächs- und Konzertreihe „Diskurs Bayreuth“ konnten nun offensiv den Antisemitismus Richard Wagners und die tiefe Verstrickung Bayreuths – auch des bislang hochverehrten Wagner-Enkels Wieland – in die Ideologie des Nationalsozialismus thematisieren. Katharina Wagner, die Urenkelin des Komponisten, verlangte dabei nur „Respekt für die Familie Wagner und deren Leistungen. Das bedeutet aber nicht, dass man sie mit Samthandschuhen anfassen muss.“

          Mehr Kunst, weniger Event

          Seit Katharina Wagner 2016 die alleinige Leitung der Festspiele übernahm und Holger von Berg als Geschäftsführer an ihre Seite trat, konnte nicht nur die finanzielle Situation der GmbH konsolidiert und die Vergütung der Beschäftigten an den Verdi-Tarifen ausgerichtet werden. Auch künstlerisch ging es bergauf: Lise Davidsen als Elisabeth, Piotr Beczała als Lohengrin und Johannes Martin Kränzle als Beckmesser stellten endlich wieder die Liebhaber exzellenter Stimmen in Bayreuth zufrieden.

          Den Regisseuren Barrie Kosky und Tobias Kratzer gelangen mit „Die Meistersinger von Nürnberg“ und „Tannhäuser“ Riesenerfolge. Mit Neo Rauch und Rosa Loy haben zeitgenössische Künstler von internationalem Rang als Bühnenbildner gearbeitet. Man spürte einen neuen Ehrgeiz, dem Event-Glanz des Prominenten-Defilees auf dem roten Teppich künstlerisch ein diskutables Gegengewicht zur Seite zu stellen. Auch die neu etablierten Kinderopern, anfangs belächelt als Schritt in die Infantilisierung Wagners, bewiesen schnell hohes Niveau, so dass sogar Erwachsene sich Alibi-Kinder besorgten, um die mitreißenden, intelligenten Vorstellungen zu sehen.

          Nun stehen die Bayreuther Festspiele vor einer schwierigen Zukunft. Die aktuelle Saison musste wegen der Covid-19-Pandemie komplett abgesagt werden, was zu einem Verlust von fünfzehn Millionen Euro führt. Die Festspielleiterin ist, wie es hieß, „längerfristig erkrankt“; der Geschäftsführer von Berg will den Betrieb im kommenden Jahr verlassen. Dabei wären gerade jetzt wichtige Entscheidungen zu treffen. Die Finanzierungssituation ist wegen der Zuwendungssicherheit zumindest bis 2022 stabil, falls es im kommenden Jahr einen Vorstellungsbetrieb geben sollte. Wie aber wird der aussehen? Mit den gegenwärtig geltenden Abstandsregeln dürften nur 329 Leute im Saal sitzen.

          Beim Schachbrettprinzip mit jeweils einem freien Sitz um den Besucher herum könnte man mit neunhundert Gästen eine Auslastung von vierzig Prozent erreichen. Bei einem Festival, dessen Etat mehr als sechzig Prozent Eigenerwirtschaftungsanteil vorsieht, wäre das kaum sinnvoll. Außerdem ist das Festspielhaus nicht klimatisiert, der Einbau einer Lüftung aus Gründen des Denkmalschutzes höchst kompliziert. Und für die Aerosole auf der Bühne wie im Orchestergraben ist noch gar keine Lösung gesucht worden.

          Sollte das Distanzgebot wegen eines Mangels an Impfstoffen oder Medikamenten auch 2021 noch gelten, wäre Koskys Inszenierung der „Meistersinger“ mit einem körperlich dicht agierenden Ensemble nicht möglich. Müsste man dann nicht darüber nachdenken, Teile der jetzt auf 2022 verschobenen Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ doch schon 2021 zu machen? Immerhin brauchen die ersten drei Teile keinen Chor. Doch wird die Sängerbesetzung verfügbar sein? Kann Valentin Schwarz mit seinem Regiekonzept auf die Lage reagieren? Wird der Dirigent Pietari Inkinen, der weltweit äußerst gefragt ist, Zeit haben? Das sind künstlerische Entscheidungen, die eigentlich nicht in die Befugnisse der beiden derzeitigen Geschäftsführer von Berg und Hans-Dieter Sense fallen.

          Katharina Wagner, Festspielleiterin
          Katharina Wagner, Festspielleiterin : Bild: dpa

          Eine Grundsatzfrage ist zudem seit Jahren nicht geklärt: Wird es eine Generalsanierung des Festspielhauses geben oder nicht? Bislang beschränkt man sich auf Reparaturen und Bau-Ertüchtigungen. Die Kosten für eine Generalsanierung würden bei einem dreistelligen Millionenbetrag liegen. Wer aber soll dann der Bauherr sein? Das Festspielhaus ist im Besitz der privaten, noch immer familiengeprägten Richard-Wagner-Stiftung, die es an die Festspiel-GmbH vermietet, zu deren Gesellschaftern der Bund, der Freistaat Bayern, die Gesellschaft der Freunde Bayreuths und die Stadt Bayreuth gehören. Es darf aber rechtlich keinen öffentlichen Bauherrn für eine Immobilie in Privatbesitz geben.

          Die verschiedenen Partikularinteressen der Gesellschafter und Stiftungsvorstände machen jede Entscheidungsfindung in Bayreuth schwer. Aber andererseits ist auch allen Beteiligten klar, dass man weder das Kernrepertoire noch das dynastische Prinzip, den Glanz einer familiären Tradition, in Bayreuth beschädigen darf. Denn die Bayreuther Festspiele sind international nun einmal das ausstrahlungsstärkste Kulturereignis Deutschlands.

          Nun gibt es seit einigen Tagen gute Nachrichten aus Bayreuth. Katharina Wagner sei auf dem Weg der Besserung und guter Dinge, im Herbst wieder arbeiten zu können, gab Georg Freiherr von Waldenfels, Vorstand der Freunde Bayreuths, unlängst bekannt. Außerdem wird der Sommer auch in Bayreuth nicht sang- und klanglos vorüberziehen. Für den 25. Juli ist in der Villa Wahnfried ein Konzert unter der Leitung von Christian Thielemann mit der Sopranistin Camilla Nylund und dem Tenor Klaus Florian Vogt geplant. Der Bayerische Rundfunk und 3sat haben Pläne für einen „Virtuellen Festspielsommer“ mit Aufzeichnungen der letzten Jahrzehnte zusammengestellt. Die Deutsche Grammophon streamt auf ihrer Plattform „DG Stage – The Classical Concert Hall“ vom 25. Juli bis zum 29. August sechzehn Opernabende für 4,90 Euro pro Aufführung.

          Diskurs Bayreuth bringt Neues

          Neues hat vor allem die Reihe „Diskurs Bayreuth“ zu bieten, die über den Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt wird. Sie beginnt am 25. Juli mit der Reihe „Hier gilt’s der Kunst – Gespräche zu Wagner, Musik und Politik“. Den Anfang machen Daniel Barenboim und Thea Dorn zur Frage: „Kann Kunst politisch wirksam werden?“. Partner weiterer Gespräche sind Martina Gedeck, András Schiff und Barrie Kosky. Die Musikwissenschaftlerin Dörte Schmidt schließlich wird sich mit dem Verfassungsrechtler Dieter Grimm über den Artikel fünf des Grundgesetzes zur Kunst- und Meinungsfreiheit unterhalten und darüber diskutieren, ob Kunst um ihrer selbst willen da ist oder eine politische Funktion hat.

          Der dänische Komponist und Medienkünstler Simon Steen-Andersen nutzt das derzeit leerstehende Festspielhaus für dessen filmische Erkundung unter dem Titel „The Loop of Nibelung“. Wer seine überaus unterhaltsame „Inszenierte Nacht“ erlebt hat, ahnt schon, dass die angekündigte „Kettenreaktionsmaschine“ nicht gänzlich frohsinnsfrei arbeiten wird. Der Cellist und Dirigent Peter Tilling, die Sopranistin Wiebke Lehmkuhl und der Bariton Olafur Sigurdarson werden die Musik verantworten. Am 29. Juli soll alles über den Bayerischen Rundfunk zu sehen sein. In Zeiten der Not mag das als Zeichen gelten, dass der gute Weg, den Katharina Wagner, Marie Luise Maintz und Holger von Berg in den letzten vier Jahren eingeschlagen haben, weitergegangen wird.

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