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Bayreuther Festspiele : Der Loop des Nibelungen

Beim Schachbrettprinzip mit jeweils einem freien Sitz um den Besucher herum könnte man mit neunhundert Gästen eine Auslastung von vierzig Prozent erreichen. Bei einem Festival, dessen Etat mehr als sechzig Prozent Eigenerwirtschaftungsanteil vorsieht, wäre das kaum sinnvoll. Außerdem ist das Festspielhaus nicht klimatisiert, der Einbau einer Lüftung aus Gründen des Denkmalschutzes höchst kompliziert. Und für die Aerosole auf der Bühne wie im Orchestergraben ist noch gar keine Lösung gesucht worden.

Sollte das Distanzgebot wegen eines Mangels an Impfstoffen oder Medikamenten auch 2021 noch gelten, wäre Koskys Inszenierung der „Meistersinger“ mit einem körperlich dicht agierenden Ensemble nicht möglich. Müsste man dann nicht darüber nachdenken, Teile der jetzt auf 2022 verschobenen Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ doch schon 2021 zu machen? Immerhin brauchen die ersten drei Teile keinen Chor. Doch wird die Sängerbesetzung verfügbar sein? Kann Valentin Schwarz mit seinem Regiekonzept auf die Lage reagieren? Wird der Dirigent Pietari Inkinen, der weltweit äußerst gefragt ist, Zeit haben? Das sind künstlerische Entscheidungen, die eigentlich nicht in die Befugnisse der beiden derzeitigen Geschäftsführer von Berg und Hans-Dieter Sense fallen.

Katharina Wagner, Festspielleiterin
Katharina Wagner, Festspielleiterin : Bild: dpa

Eine Grundsatzfrage ist zudem seit Jahren nicht geklärt: Wird es eine Generalsanierung des Festspielhauses geben oder nicht? Bislang beschränkt man sich auf Reparaturen und Bau-Ertüchtigungen. Die Kosten für eine Generalsanierung würden bei einem dreistelligen Millionenbetrag liegen. Wer aber soll dann der Bauherr sein? Das Festspielhaus ist im Besitz der privaten, noch immer familiengeprägten Richard-Wagner-Stiftung, die es an die Festspiel-GmbH vermietet, zu deren Gesellschaftern der Bund, der Freistaat Bayern, die Gesellschaft der Freunde Bayreuths und die Stadt Bayreuth gehören. Es darf aber rechtlich keinen öffentlichen Bauherrn für eine Immobilie in Privatbesitz geben.

Die verschiedenen Partikularinteressen der Gesellschafter und Stiftungsvorstände machen jede Entscheidungsfindung in Bayreuth schwer. Aber andererseits ist auch allen Beteiligten klar, dass man weder das Kernrepertoire noch das dynastische Prinzip, den Glanz einer familiären Tradition, in Bayreuth beschädigen darf. Denn die Bayreuther Festspiele sind international nun einmal das ausstrahlungsstärkste Kulturereignis Deutschlands.

Nun gibt es seit einigen Tagen gute Nachrichten aus Bayreuth. Katharina Wagner sei auf dem Weg der Besserung und guter Dinge, im Herbst wieder arbeiten zu können, gab Georg Freiherr von Waldenfels, Vorstand der Freunde Bayreuths, unlängst bekannt. Außerdem wird der Sommer auch in Bayreuth nicht sang- und klanglos vorüberziehen. Für den 25. Juli ist in der Villa Wahnfried ein Konzert unter der Leitung von Christian Thielemann mit der Sopranistin Camilla Nylund und dem Tenor Klaus Florian Vogt geplant. Der Bayerische Rundfunk und 3sat haben Pläne für einen „Virtuellen Festspielsommer“ mit Aufzeichnungen der letzten Jahrzehnte zusammengestellt. Die Deutsche Grammophon streamt auf ihrer Plattform „DG Stage – The Classical Concert Hall“ vom 25. Juli bis zum 29. August sechzehn Opernabende für 4,90 Euro pro Aufführung.

Diskurs Bayreuth bringt Neues

Neues hat vor allem die Reihe „Diskurs Bayreuth“ zu bieten, die über den Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt wird. Sie beginnt am 25. Juli mit der Reihe „Hier gilt’s der Kunst – Gespräche zu Wagner, Musik und Politik“. Den Anfang machen Daniel Barenboim und Thea Dorn zur Frage: „Kann Kunst politisch wirksam werden?“. Partner weiterer Gespräche sind Martina Gedeck, András Schiff und Barrie Kosky. Die Musikwissenschaftlerin Dörte Schmidt schließlich wird sich mit dem Verfassungsrechtler Dieter Grimm über den Artikel fünf des Grundgesetzes zur Kunst- und Meinungsfreiheit unterhalten und darüber diskutieren, ob Kunst um ihrer selbst willen da ist oder eine politische Funktion hat.

Der dänische Komponist und Medienkünstler Simon Steen-Andersen nutzt das derzeit leerstehende Festspielhaus für dessen filmische Erkundung unter dem Titel „The Loop of Nibelung“. Wer seine überaus unterhaltsame „Inszenierte Nacht“ erlebt hat, ahnt schon, dass die angekündigte „Kettenreaktionsmaschine“ nicht gänzlich frohsinnsfrei arbeiten wird. Der Cellist und Dirigent Peter Tilling, die Sopranistin Wiebke Lehmkuhl und der Bariton Olafur Sigurdarson werden die Musik verantworten. Am 29. Juli soll alles über den Bayerischen Rundfunk zu sehen sein. In Zeiten der Not mag das als Zeichen gelten, dass der gute Weg, den Katharina Wagner, Marie Luise Maintz und Holger von Berg in den letzten vier Jahren eingeschlagen haben, weitergegangen wird.

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