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Entlassung des Burgtheaterdirektors : Wer würde ihm jetzt noch ein Gebrauchttheater abkaufen?

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Sein Fall ist auch der Fall eine Theaters, das im Grund nicht mehr weiß, was es eigentlich will: Matthias Hartmann, ehemals Intendant des Wiener Burgtheaters Bild: dpa

Reiner Tisch in unreinen Wiener Verhältnissen: Matthias Hartmann stürzt in tiefem Bogen aus egomanen Höhen. Am Ende war ihm alles wurscht geworden - mit Ausnahme von sich selbst.

          Als der Wiener Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann am Montag verkündete, er habe darum gebeten, sein Amt als Geschäftsführer des Hauses „ruhenzulassen bis zur Klärung aller Sachverhalte“ in der seit Monaten schwelenden Finanz- und Führungskrise des Hauses, da war schon klar, dass Hartmanns Ruhe in Hartmanns Rausschmiss münden könnte. Einen Tag später ist es schon so weit: Hartmann ist seines Amtes entbunden, Georg Springer, der Chef der Bundestheaterholding, in der sämtliche österreichische Staatstheater organisatorisch zusammengefasst sind, tritt als Vorsitzender des Aufsichtsrats zurück.

          Das hat es in der neueren Geschichte des Hauses noch nie gegeben. Den Burgtheaterdirektor unterscheidet vom Papst ja nur, dass seine Heiligkeit auf Lebenszeit gewählt ist (was aber seit Benedikts XVI. Rücktritt auch nicht mehr gilt). Ansonsten wohnt dem Wiener Theaterhirtenamt ja durchaus eine Aura von wenn nicht Unfehlbarkeit so doch Unantastbarkeit inne. Umso gewaltiger der Skandal, der diesen Schritt grundiert. Die Wiener Kulturpolitik macht reinen Tisch. Wobei Hartmann voll in der Verantwortung als Tischler steht.

          Kaufmännischer Direktor wollte er nicht mehr sein

          Der Fünfzigjährige, vor Wien schon Chef in Bochum und Zürich, kam 2009 ans Burgtheater mit der Ansage: „Sie haben den Besten gewollt, Sie haben ihn bekommen.“ So viel Selbstbewusstsein muss sich auszahlen. Abgesehen davon, dass Hartmann sein sogenanntes Vorbereitungshonorar von 233.000 Euro, mit dem er seine Direktorenzeit vorweg anging, sich in bar „an der Kassa“ auszahlen und es von seiner späteren, vor ein paar Monaten fristlos entlassenen kaufmännischen Ko-Direktorin Silvia Stantejsky „verwalten“ ließ („weil ich kein Konto in Österreich hatte“); abgesehen auch davon, dass Hartmann, anders als Peymann zum Beispiel, der pro Saison zwei kostenlose Regie-Arbeiten zu liefern hatte, sein reguläres Jahressalär von 217.000 Euro durch vertraglich zugesicherte Extra-Regiehonorare mit einer Zusatzsumme von bis zu 230.000 Euro aufbesserte, was insgesamt weit mehr als das Einkommen des österreichischen Bundeskanzlers ausmacht, wollte Hartmann von Zahlen nicht viel wissen.

          Er überließ „das Kaufmännische“ seiner kaufmännischen Ko-Direktorin Stantejsky, obwohl er als Burgtheaterdirektor zugleich auch kaufmännischer Direktor und für die „satzungsmäßige Verwendung“ der Gelder verantwortlich war. Die taktische Hartmannsche Finalvariante, in der er seinen Eintritt in den vorübergehenden Ruhestand als kaufmännischer Direktor verkündete, aber als künstlerischer Chef weiterhin das Sagen haben wollte, hat ihm der Kultusminister zu Recht aus der Hand geschlagen. Es gibt keinen halben Burgtheaterdirektor.

          Belege mit den Unterschriften von Toten

          Dass Hartmann sich jetzt brüstet, „die besten Besucherzahlen und die höchsten Einnahmen in der Geschichte des Hauses“ erreicht und etwaige Schulden von seinem Vorgänger Klaus Bachler übernommen zu haben, zeigt die Fingerhaltung des Burgtheaterchefs: Er deutet mit dem Zeigefinger gern auf andere, zuletzt auf seine ehemalige Ko-Direktorin Stantejsky, dann auf Bachler, auch auf die Kulturpolitik, die sein Haus mit rund 46 Millionen Subvention pro Jahr unterfinanziert habe - aber drei stolz gekrümmte Finger Hartmanns deuten auf ihn zurück. Und diese drei Finger zeigen: Alles andere geht mich nichts an; ich bin mir selbst genug.

          Dabei ist dem Egomanen Hartmann, der jetzt so tief fällt, dass man sich fragen mag, wer von ihm überhaupt noch ein Gebrauchttheater kaufen würde, der Hauptfehler aller Ego-Künstler widerfahren: auch dann noch aus dem Vollen zu schöpfen, wenn die Leere bereits gähnt. Das Haus schleppt einen Schuldenberg von 8,5 Millionen Euro mit und schuldet dem Finanzamt rund fünf Millionen aus einbehaltener Abgeltungsteuer, die beim Engagement auswärtiger Gäste fällig wird. Belege wurden gefälscht, zum Teil, wie mehrfach berichtet, mit den Unterschriften von Toten (Schlingensief) versehen; Beträge scheingebucht, Etatlöcher mit Luftbuchungen gestopft. Jahrelang wurden Produktionen, die gar nicht mehr gespielt wurden, in der Produktiv-, also Einnahmebilanz des Theaters geführt, über Jahre hin also abgeschrieben. Was den Tatbestand der Bilanzfälschung nahelegt. Und erst jetzt einer auswärtigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft aufgefallen ist.

          Auch wenn schon kein Geld mehr da war

          Von all diesen Schieflagen will Hartmann nichts gemerkt haben. Geklagt hat er - allerdings völlig zu Recht - immer nur darüber, dass die jährlichen Tarifsteigerungen im öffentlichen Dienst, die auch das Theater und vor allem dessen Apparat betreffen, durch einen weithin eingefrorenen Etat aufgefangen werden müssen, wobei „für die Kunst“ immer weniger übrig bleibe. Nun hat Hartmann „für die Kunst“ im Burgtheater eine Art bunten Gemischtwarenladen eingerichtet - mit durchwachsener Bilanz. Und am Ende mit unschön schnöden Schauspielerkündigungen in panischer Geldsparplötzlichkeitsnot: Udo Samel, Corinna Kirchhoff, Michael König. Lauter erste Kräfte, die Hartmann kalt über die Direktorenklinge springen ließ.

          Das übrig gebliebene Theaterkünstlerische aber ging in der Ära Hartmann querbeet vom feinsinnig Psychologischen übers grob Alberne bis hin zu Blut und Hoden. Mal eine Breth und ein Bondy und (selten) ein Stein, mal ein Castorf und ein Kimmig und ein Hartmann und eine Katie Mitchell, die zu Proben von London nach Wien hin- und herfliegt und sich für ihre Inszenierung von Handkes „Wunschlosem Unglück“ einen offenbar sehr teuren Video-Beamer gewünscht hat, den man ihr großzügig spendiert haben soll, obwohl offenbar schon kein Geld mehr da war.

          Bei vielen Inszenierungen, zuletzt einem völlig überflüssigen „Geisterhaus“ (nach Isabel Allendes Roman), fragte man sich, wozu jetzt diese Verschwendung guter Schauspieler, teurer Materialien und kostbarer Zeit? Der Fall Hartmann ist dergestalt auch der Fall eines Theaters, das im Grunde nicht mehr weiß, was es eigentlich will - und nur vor sich hin wurstelt. Es ist daraus zu lernen.

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