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Zum Tode von Ignaz Kirchner : Immer Heimweh nach der Tücke gehabt

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Triumph der Verrückung: Ignaz Kirchner (1946–2018) Bild: Reinhard Werner

Mit Gert Voss konnte er die brillantesten, unschlagbarsten und abgrundinnigsten Komplementäre des deutschsprachigen Welttheaters bilden. Doch der Tragikomiker war mehr. Zum Tode des Schauspielers Ignaz Kirchner.

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          Einmal hat er sich auf der Bühne sogar ans Kreuz nageln lassen. Und wie jedes richtige Kreuz war es selbstverständlich auch das Kreuz der Pointe. Dabei spielte er nicht Gott. Nur Gottes Sohn. In Gestalt des Theaterregisseurs Mr. Jay (wie Jahwe) gab der große Gert Voss das höchste Wesen, göttlich eitel hüpfend, böse kichernd und aggressiv schnaubend, der die Kreuzigung seines Regieassistenten Goldberg in der Jesus-Rolle als hinterhältigen Regieeinfall inszeniert: Jenem Jesus, dem aufsässigen Besserwisser und Allesversteher, der die Mutter verleugnet („Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?!“), sich aber für den König der Juden hält, möchte er einen grausamen, banalen Tod bescheren. Aber der Jude Jesus, gemimt vom Juden Goldberg, stirbt als gelernter Masochist gerne am Kreuz. Er steht wieder auf, küsst seinen Vater Gott und entgegnet dem schnaubend Entgeisterten: „Ich habe soeben die Nächstenliebe erfunden.“

          Der Schauspieler Ignaz Kirchner machte aus dieser Pointe eines grandiosen Sieges in schändlichster Niederlage bei der legendären Uraufführung von George Taboris „Goldberg Variationen“ 1991 im Wiener Akademietheater etwas typisch Kirchnerisches: den Triumph einer Verrückung. Die sehr zu unterscheiden ist von einer Verrücktheit. Also: auf engstem, umgrenztem, ganz und gar übersichtlichem mimischen Raum eine Ungeheuerlichkeit über eine Grenze zu schieben, ganz leise, mit hängenden Schultern und immer leicht gesenktem mächtigen Schädel, als sei ihm eine ganze Welt auf den Kopf gefallen. Und jenseits der Grenze aus der Ungeheuerlichkeit eine urkomische Sanftwut zu zaubern, ihr eine menschliche Witzweite zu geben, die ihren Charme von der humanen Tücke der Demut her hat, die in ihr liegt. Das ist ein heikles, unsicheres Terrain. Wer es beherrscht, benötigt das zweite Gesicht. Mit dem er weiter sieht. Und die Welt um ihn herum verblüfft und beschämt. Von solchen Verrückungen hat Ignaz Kirchner sein Schauspielerleben lang gezehrt. Seine Figuren hatten allesamt Heimweh nach solcher Humanitätstücke. Wie er anfing, berühmt zu werden und die größere bundesrepublikanische Theaterszene damals, 1980, weniger betrat als vielmehr beschlurfte, sah man schon den ganzen Kirchner, der zuvor in Stuttgart bei Peymann nur in Nebenrollen auffiel. Jetzt aber: ein Hamlet, inszeniert von Jürgen Gosch in Bremen, mit hängenden Strümpfen (hängenden Schultern sowieso), Schuhen, die wie Sneakers ausschauten (aber keine waren), und einer Laune, die mit der Welt, wie sie war, nicht mehr rechnete, und eine Welt, wie sie sein könnte, sich nicht mehr ausrechnen mochte und die Wahrnehmung der grausamen Erscheinungen einer irrlichternden Gesellschaftsbagage um ihn herum nur eben noch über die Grenze zu verrücken mochte, die er selber war – und es kaum fassen konnte. Hamlet, der die Gelächternervenschmerzen eines Tragikomikers auskostete. Es war aber da auch schon schön zu sehen, dass Kirchners Verrückungstriumphe aus der Defensive, nicht aus der Offensive kamen. Er war kein Aktionsschauspieler. Er war ein Meister des Reagierens. Dazu brauchte er die Kraft, die ihm entgegenstand – und ihm insofern entgegenkam.

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