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Zum Tod von Ulrike Hessler : Augenblicke der Oper

  • -Aktualisiert am

Ihre Leidenschaft war ansteckend, ihre Fachkenntnis profund: Ulrike Hessler Bild: Matthias Rietschel/dapd

Leidenschaft, Fachkenntnis, Kampfgeist: Ulrike Hessler war ein Glücksfall für das musikalische Leben. 2010 kam sie als Intendantin an die Semperoper in Dresden, mit erst 57 Jahren ist sie nun in München gestorben.

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          Ja, sicher, Musik ist aus Luft gemacht, und sie ist flüchtig. Das war schon immer so. Aber neuerdings macht sich in allen Etagen des Musikbetriebs eine eindimensionale Vergesslichkeit breit, die mit nichts mehr zu entschuldigen ist.

          Kaum, dass sich einige der jungen Kulturmanagement-Bachelor-Absolventen, die jetzt in den Pressebüros der Opernhäuser sitzen, noch erinnern können, wie man Beethoven buchstabiert. Ihre Chefs, die Festival- und Opernintendanten, oft ähnlich ahnungslos, haben statt der letzten Premiere nur noch das nächste „Event“ im Kopf.

          Aus einem ganz anderen Holz geschnitzt war Ulrike Hessler, die Intendantin der Dresdner Semperoper. Sie kannte sich zutiefst aus. Ihre Leidenschaft für die Sache war ansteckend, ihre Fachkenntnis profund, ihr Gedächtnis unbestechlich, ihre Meinung kämpferisch. Man konnte sie alles fragen und mit ihr ganz großartig streiten. In jedem Gespräch mit ihr kam man auf ein paar neue Ideen. Und mit Hessler haben wir jetzt eine der Letzten verloren, die es sich leisten konnte, „Verweile doch!“ zu sagen zu jedem einmaligen, unwiederholbaren, glücklichen Opernaugenblick.

          Mit Thielemann nach Dresden

          Ulrike Hessler, geboren am 7. Februar 1955 in Kassel, hatte in München studiert: Geschichte, Germanistik, Romanistik. Zunächst hatte das nur wenig mit Musik zu tun, sie strebte auch eher eine wissenschaftliche Laufbahn an. Ihre Doktorarbeit widmete sie Bernard von Brentano, daneben schrieb sie als Journalistin für Funk und Printmedien über dies und das.

          Dass sie die Oper für sich entdeckte (eigentlich müsste es ja richtig herum heißen: dass die Oper Hessler für sich entdeckte), das passierte erst, als sie schon dreiunddreißig war. Da erkannte der Dirigent Wolfgang Sawallisch, damals künstlerischer Leiter der Bayerischen Staatsoper, Hesslers Potential, er vertraute ihr erst die Presseabteilung des Hauses an, und bald kamen weitere konzeptuelle Aufgaben der Programmentwicklung auf sie zu. 1993, als Sir Peter Jonas frischen Wind in Bayerns Opernhaus brachte, gehörte Hessler als Pressechefin schon fest zur Direktion des Hauses, ab 2006 dann zur Tripelspitze der Interimsdirektion in München.

          Vier Jahre später berief man sie überraschend als Nachfolgerin des Intendanten Gerd Uecker an die Semperoper nach Dresden, die zu einer touristenintensiven Schmuckschatulle ohne Profil heruntergewirtschaftet war - also (spotteten damals etliche Kritiker), genau das Richtige für eine promovierte Frau mit Perlenkette, die aus der zweiten Reihe der Münchner Schickeria aufsteigt.

          Ulrike Hessler hat die Lästerer sehr schnell zum Schweigen gebracht. Ihr erster Coup: Sie brachte als Mitgift aus München das Beste mit, was die Musikstadt München so zu bieten hatte: Christian Thielemann, als neuen Generalmusikdirektor für Dresden.

          Gleich in ihrer ersten Spielzeit 2010/11, obwohl sie die, wegen der langfristigen Opernplanungen, nicht ganz frei gestalten konnte, zeigte Hessler ihre zarte Pranke. Dresdens Oper wurde wieder interessant, mit jungen Regisseuren, einem neu aufgebauten Ensemble und einem Programm, das Neues mit Altem und Unerhörtem kreuzt. Wir haben uns so gefreut auf ihre nächste Saison. Ulrike Hessler ist am Montag nach kurzer Krankheit in München gestorben.

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