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Zum Tod von Rosel Zech : Wer weiter geht, bleibt besser allein

  • -Aktualisiert am

Rosel Zech auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2008 Bild: dpa

Das Theater hätte sie eigentlich um jeden Preis auf der Bühne halten müssen. Sie aber wich zum Film aus und bannte auch dort ihr Publikum. Jetzt ist Rosel Zech im Alter von neunundsechzig Jahren in Berlin gestorben.

          Wäre das deutsche Theater ein bisschen mehr als nur der Durchlauferhitzer mehr oder weniger schnell verglühender schauspielerischer Mode-Sternschnuppen und hätte es ein Gespür nicht nur für das, was heute opportun zu erledigen, sondern auch für das, was an unerledigt Schönem, Fruchtbarem, immer noch Funkelndem von gestern ins Morgen hinein noch ein Licht werfen könnte - es hätte sich gierig auf diese Schauspielerin stürzen müssen. Rosel Zech war in den letzten Jahren so ziemlich von den Bühnen verschwunden. Das Schnell-weg!-Theater hatte für sie und ihre wunderbar zivile, human autonome kühle Größe keine Verwendung mehr.

          Frauen mit Verstand

          Die eine der Oberspielerinnen im Regie-Reich eines Zadek gewesen war, wich ins Fernsehen aus, wo sie in „Um Himmels willen“ eine Schwester Oberin mimte. Zuletzt kam sie 2009 bei den Luisenfestspielen in Wunsiedel als Mutter Courage unter. Noch 2002 zeigte sie als Judith in der Wiener „Nacht des Leguan“ in Peter Zadeks Regie die Würde und die Unruhe einer keusch rasenden Mädchenaufseherin als Drache in einer Jungfer, der gar nicht merkt, dass eine Jungfer an ihn gekettet ist. Eine Glanznebenrolle, in der aller zechsche Hauptrollenwitz wetterleuchtete.

          Rosel Zech in einer Szene aus Fassbinders Film „Die Sehnsucht der Veronika Voss” im Jahr 1982

          All die Frauenfiguren, in deren Leben sie sich hineinspielte, hatten ja unendlich viel zu verlieren: die Liebe, die Illusion, die Welt, den Glauben und oft genug das Leben. Kleists Penthesilea; Ibsens Hedda Gabler; Shakespeares Hermione; Genets Irma; Tschechows Ranjewskaja; Molières und Enzensbergers Celimène; Fassbinders Veronika Voss (im Film). Nie aber verloren Rosel Zechs Frauen den Verstand. Selbst in der größten Gefühls- und Sinnverwirrung ihrer Figuren, im tollsten Schmerz bleiben sie immer bei Sinnen.

          Eine Unabhängige

          Sie schien ihre Figuren immer kritisch zu bestaunen. Als wolle sie fragen: Das soll schon alles gewesen sein? Gebt mir mehr! Sie gab sich ihnen hin, ging aber nie ganz in ihnen auf. Ihr blieb der Mehrwert als phantastische Möglichkeit. Eine intelligente, witzig-starke stille Traum- und Sehnsuchtsreserve. Sie selbst wirkte auf solche schöne ichbewußte, träumerische Art reserviert.

          Die gebürtige Berliner Binnenschifferstochter, die erst aus der Schule, dann aus der Schauspielschule floh und sich selber zur Schauspielerin machte, der zufällig in Landshut ein Engagement über den Weg lief, der sie dann über Biel/Solothurn, Winterthur, Wuppertal, Stuttgart bis zu Zadek nach Bochum und Hamburg führte, blieb, ob unter Zadeks Regie oder der Dressur von Neuenfels, eine völlig Unabhängige. Frei schaffend auch in festem Engagement.

          Schwester Hanna (Janina Hartwig, l.) und die Mutter Oberin (Rosel Zech, r.) während der Dreharbeiten der Serie „Um Himmels Willen” im Jahr 2008

          Als Zadeks Bochumer Hedda ging sie in die Rolle der Männervernichterin mit schwarzem Rock und weißer Bluse in elegant lässiger Schnodder-Attitüde durch eine bonbonfarbene Fünfziger-Jahre-Welt, als könne nichts sie ekeln an dieser Sphäre der luschigen Männer und scheinheiligen Familien. Als dann unter der glatten, fröhlichen Heimchen-am-Herd-Maske der Ekel und die Bosheit ganz wie nebenbei aufbrachen, war es so, als nehme sie Sachen wie Männervernichten und Sichtotschießen auf die leichtestwattierte Schulter. Als wische sie eben nur mal sauber. Aber hinter und in ihr ahnte man die Mehrwertsucht einer Frau, die noch ein ganz anderes Leben nur mit der linken Hand herbeischnippen könnte, wenn man sie nur ließe.

          Eine grandiose Alleingehenkönnerin

          Sie war eine grandiose, absolut ensembletaugliche Alleingehenkönnerin, die ein Rainer Werner Fassbinder für seinen Veronika-Voss-Film, der Ballade einer rauschgiftsüchtigen Nachkriegsfräuleinspflanze, genial benutzte: grenzenlos in seinem Vertrauen in die Mehrwertlaune dieser Schauspielerin, die er einfach soweit wie möglich gehen ließ. So weit, wie sie ging, war es immer ein wunderbarer Weg. Jetzt ist Rosel Zech im Alter von neunundsechzig Jahren in Berlin gestorben.

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