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Zum Tod von Paco de Lucía : Der Aristokrat des Flamenco

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Der spanische Gitarrist Paco de Lucía erneuerte den Flamenco und wagte, allemal stilsicher, musikalische Annäherungen an Jazz und Pop. Im Alter von erst 66 Jahren ist er nun im mexikanischen Cancún gestorben.

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          Flamenco-Künstler singen nicht, tanzen nicht, spielen nicht. Sie speien Feuer und löschen es mit ihren Füßen. Nicht nur Jean Cocteau fand starke Bilder für die grandiose Ausdruckskunst andalusischer Gitanos. Wenn die größten unter ihnen den Dreiklang aus tiefinnerem Gesang, Gitarrenrhythmus und Hackenschlagen vollführten, halfen zur Charakterisierung nur jene schmückenden Beiwörter, wie sie Federico Garcia Lorca für seine Theorie des Duende, der Seele des spanischen Flamenco, gewählt hat: erdverbunden, diabolisch, todessüchtig.

          Selbst ein kluger Ästhet wie Gerhard Brunner, seinerzeit Ballettdirektor der Wiener Staatsoper, sprach nur noch vom rhythmischen Donnergrollen der Füße, vom exorzistisch orgiastischen Reinigungsakt, wenn er etwa an die blitzschnellen Drehungen und an die unbändige Wildheit von La Singla dachte.

          Lebensgefühl einer jungen Generation

          Ende der sechziger Jahre kam die Tänzerin Mariquilla aus den Wohnhöhlen des Sacromonte von Granada mit dem Sänger El Camarón aus Cádiz und dem Gitarristen Paco de Lucía aus Algeciras zusammen. Wer das Glück hatte, sie zu hören und zu sehen, dem dürften die Bilder Cocteaus, Lorcas und Brunners keineswegs als zu pathetisch erschienen sein. Das Trio infernale stellte alles in den Schatten, was man beim Festival Flamenco Gitano bis dahin erleben konnte.

          Im Spiel Paco de Lucías aber, der damals gerade einundzwanzig Jahre alt war, konnte man schon damals spüren, dass er all die überkommenen Formen, Stile und Techniken des Flamenco auf schlafwandlerische Weise beherrschte und doch für einen musikalischen Ausdruck offenblieb, den man eher mit dem Lebensgefühl einer jüngeren Generation verbinden konnte. Im Grunde hat Paco de Lucía die Entwicklung des spanischen Flamenco bereichert wie Astor Piazzolla seinerzeit die des argentinischen Tangos.

          Flirts mit Jazz und Filmmusik

          Seine größten internationalen Erfolge hatte Paco de Lucía denn auch mit Tourneen und Einspielungen, die er mit den beiden Jazzrockgitarristen Al Di Meola und John McLaughlin seit Mitte der siebziger Jahre durchführte. Ihr gemeinsames Live-Album „Friday Night In San Francisco“ von 1981 gilt als eine der kommerziell erfolgreichsten Gitarrenaufnahmen der Musikgeschichte.

          Auch mit klassischer spanischer Gitarrenmusik hat sich Paco de Lucía auseinandergesetzt und Werke von Garcia Lorca, Manuel de Falla und Joaquín Rodrigos populäres „Concierto de Aranjuez“ auf Tonträger produziert. Auch auf zahlreichen Einspielungen populärer Künstler und auf Soundtracks für Filme, etwa zu Carlos Sauras Adaption von Bizets „Carmen“, ist die virtuose Improvisationskunst Paco de Lucías zu hören, dessen stupende Fingerfertigkeit stets durch eine aristokratische Stilsicherheit und ein subtiles Formgefühl gebändigt wirkte.

          Paco de Lucía, der eigentlich Francisco Sánchez Gómez hieß, entstammte einer bedeutenden südspanischen Gitarristendynastie. Sein Großvater, sein Vater und seine beiden Brüder sind ebenfalls als Flamenco-Spieler und -Sänger hervorgetreten. Keiner aber wurde so erfolgreich wie Paco, der mit elf zum ersten Mal öffentlich Konzerte gab, mit siebzehn seine erste Schallplatte aufnahm und vor zehn Jahren den prestigeträchtigen Prinz-von-Asturien-Preis erhielt. Jetzt ist er im Alter von 66 Jahren im mexikanischen Cancún gestorben.

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