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Zum Tod von Michel Schwalbé : Karajans Konzertmeister

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Präzision des schönen Tons: Michel Schwalbé, Stimm-Anführer der Berliner Philharmoniker, im Jahr 1958

Präzision des schönen Tons: Michel Schwalbé, Stimm-Anführer der Berliner Philharmoniker, im Jahr 1958 Bild: ullstein bild

Nur Aufnahmen werden uns den betörenden Klang seiner Soli erhalten. Sein Geigenspiel ist verstummt. Zum Tod des großen Geigers Michel Schwalbé.

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          Wie Gold sollen Violinen klingen. So tönen sie heute nur noch manchmal, im Traum: hellglänzend, hitzeflimmernd, schlackenfrei. Und nie reißt der Legatoseidenfaden ab. An diesen märchenhaften, obertonreichen Streicherklang, der ab und zu aus dem Radio kam, erinnere ich mich früh. Er war der Grund, warum ich als Kind darauf bestand, Geige zu lernen. Dass dieser Grund einen Vor- und Nachnamen trug, er hieß Michel Schwalbé, und dass dieser spezielle, märchenhaft schöne Streicherklang eine Spezialität des Karajanorchesters war, das wusste ich damals natürlich noch nicht.

          Schwalbé spielte als erster Konzertmeister im Berliner Philharmonischen Orchester unter Herbert von Karajan, fast dreißig Jahre lang, von 1957 bis 1986. Hat die Blüte der Schallplatten-Ära miterlebt, prägte das Streicherklangbild dieses Orchesters. Bereits in den Sechzigern wurde dieses Klangbild dann als etwas Falsches, Kulinarisch-Schönes verteufelt von Karajans Kritikern, auch peu à peu ersetzt durch das angeblich Wahre-Schöne der historisch informierten Aufführungspraxis mit ihren Darmsaiten, Barockbögen, Stimmungsschwankungen. Heute haben sich diese Lager einander angenähert, die Lage ist entspannt. Doch immer noch ist das Erbe Schwalbés lebendig.

          Zur Versöhnung nach Berlin

          Abgesehen davon, dass seine Schüler Toru Yasanuga und Neithard Resa weiter bei den Berliner Philharmonikern spielten (und noch spielen), sind auch die wenigen legendären Plattenaufnahmen mit Schwalbés betörenden Soli nach wie vor im Handel erhältlich, Bachs „Brandenburgische Konzerte“, das „Heldenleben“ von Strauss - und sie verkaufen sich so gut, dass zum Beispiel Vivaldis „Quattro Stagioni“ von 1973 mit Michel Schwalbé als Solisten nach wie vor im Hochpreissegment angesiedelt sind von der Deutschen Grammophon, genau wie die elf Jahre später entstandene Aufnahme desselben Werkes mit der jungen Anne-Sophie Mutter.

          Michel Schwalbé stammt aus Radom in Polen, er ist jüdischer Herkunft. Mit dreizehn machte er Abitur, schloss zugleich sein Geigenstudium bei Moritz Frenkel an der Warschauer Musikhochschule ab. Ging dann nach Paris, um sich bei George Enescu und Pierre Monteux weiter zu vervollkommnen. Nach der Flucht 1944 in die Schweiz wurde er zunächst Konzertmeister des Orchestre de la Suisse Romande.

          Schwalbé ist der einzige Überlebende seiner Familie, Mutter und Schwester wurden in Treblinka ermordet. Und als er sich dann 1956 entschloss, auf Einladung Karajans, der ihn in Luzern hatte spielen hören und heftig umwarb, nach West-Berlin zu den Deutschen zu gehen, nannte er dies explizit einen „Akt der Versöhnung“. Er hätte ebenso gut eine Solokarriere machen können. Das wollte er nicht. Weil er Karajan treu blieb (und Karajan ihm), hat sich Michel Schwalbé nie aus dem Schatten seines Orchesters gelöst, er war es so zufrieden. Am 9. Oktober, kurz vor seinem dreiundneunzigsten Geburtstag, ist er in Berlin gestorben.

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