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Zum Tod von Leon Fleisher : Stets ruhig fließend und sehr zart

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Ein Pianist von unbändiger Energie: Leon Fleisher im Jahr 2003, nachdem er endlich wieder mit beiden Händen spielen konnte. Bild: CHRIS LEE/The New York Times/Red

Aus einem persönlichen Handikap schöpfte er Kraft für eine neue Karriere. Und schließlich überwand er sogar seine Krankheit: Zum Tod eines legendären Pianisten.

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          Maurice Ravel war ein Maler. Als Material dienten ihm vor allem die Klangfarben des symphonischen Orchesters und des Klaviers. Farbenprächtig ist ihm auch sein Klavierkonzert D-Dur gelungen, das förmlich in opalisierenden Klangverbindungen und perlenden Melodieverläufen schwelgt: ein virtuoses Meisterwerk, das auf geniale Weise verhüllt, welchem Umstand es seine Existenz wie seine Form verdankt. Geschrieben wurde es für den Pianisten Paul Wittgenstein, der im Ersten Weltkrieg den rechten Arm verlor, dennoch nicht resignierte, seine Karriere fortsetzte und eine ganze Reihe Komponisten anregen konnte, Werke für seine speziellen Belange zu schreiben. Ravels Klavierkonzert für die linke Hand ist in gewisser Weise typisch für das Genre. Die weiten Sprünge, die ungewöhnlich gespreizten Griffe und der gesamte virtuose Duktus des Werkes sollen den Eindruck eines mit zwei Händen spielenden Solisten wecken.

          Wittgensteins unbeugsamer Trotz, musikalisch nicht spüren zu lassen, das etwas fehlt, berührte seinerzeit die musikalische Welt. Nicht minder Anteil nahm die Öffentlichkeit später auch am Schicksal des 1928 geborenen amerikanischen Pianisten Leon Fleisher. Im Alter von vierzehn Jahren hatte er schon sein Debüt mit dem San Francisco Symphony Orchestra gegeben und zehn Jahre später den renommierten Klavierwettbewerb „Reine Elisabeth“ in Brüssel gewonnen. Ende der Fünfziger galt er als einer der brillantesten jüngeren Klaviervirtuosen, als sich eine Schwäche der rechten Finger zum Leiden auswuchs, für das es zu jener Zeit weder einen Namen noch eine Heilmöglichkeit gab. Fleisher war zur Aufgabe seiner Konzerttätigkeit gezwungen, hat aber ähnlich wie Wittgenstein nicht aufgegeben, eine zweite Karriere als Lehrer begonnen und trat allmählich auch wieder mit dem Klavierrepertoire für die linke Hand auf. Ravels D-Dur-Konzert hat er so subtil und zugleich farbenprächtig wie kein zweiter Pianist sowohl im Konzertsaal als auch auf Schallplatte interpretiert.

          Musikalisches Verständnis statt Technik

          Jahre später konnte Fleisher sein Handikap, das mittlerweile unter der Bezeichnung „Fokale Dystonie“ als eine Erkrankung des zentralen Nervensystems erkannt worden ist, mit Hilfe des Nervengifts Botox so weit überwinden, dass auch das pianistische Standardrepertoire für ihn wieder spielbar wurde. Sein Comeback im Konzertsaal von Baltimore hat eine amerikanische Zeitung 1982 mit dem Satz kommentiert: „Die rechte Hand von Leon Fleisher kehrt nach achtzehn Jahren zurück ans Klavier.“ Allerdings war der Pianist danach klüger als in den ersten Jahren seiner Erkrankung, in denen er glaubte, den Teufel der Krankheit mit dem Beelzebub noch härteren Trainings austreiben zu können. Seitdem hat er mehr dirigiert und auch die musikalische Literatur für die linke Hand weiter im Repertoire gehalten, etwa Prokofjews ebenfalls für Wittgenstein geschriebenes, aber nie von diesem aufgeführten Klavierkonzert Nr. 4 B-Dur, das Fleisher mit unvergleichlicher Gestaltungskraft und hochdifferenzierter Anschlagskultur adelte.

          Zu einem Höhepunkt seiner reiferen Karriere wurde auch die späte Uraufführung von Paul Hindemiths „Klaviermusik für Orchester“ 2004 mit den Berliner Philharmonikern unter ihrem damaligen Chefdirigenten Simon Rattle – einundachtzig Jahre, nachdem Wittgenstein das Werk bestellt, nie gespielt, aber selbst anderen Pianisten nicht zur Aufführung überlassen hatte. Offenbar war das „stets ruhig fließend und sehr zart“ zu spielende Werk ihm zu wenig virtuos gewesen.

          Leon Fleisher ist vielfach für seine Klaviereinspielungen ausgezeichnet worden. Noch mehr Ehre wurde ihm zuteil durch erfolgreiche Karrieren seiner Schüler Yefim Bronfman, André Watts und Jonathan Bliss. Es mag nicht zuletzt an Fleishers Credo gelegen haben, nicht Technik, vielmehr musikalisches Verständnis zu vermitteln. Am Sonntag ist er zweiundneunzigjährig in Baltimore gestorben.

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