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Zum Tod von Jürgen Holtz : Querspielender Charakterkopf

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Ein Mann, der das Eigentliche sah und verschenkte: Der Schauspieler Jürgen Holtz Bild: dpa

Als Theaterschauspieler war er längst ein Star, bevor er im Fernsehen als „Motzki“ bekannt wurde. Auch schwerste Rollen spielte er mit Leichtigkeit: Zum Tod des großen Charakterdarstellers Jürgen Holtz.

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          Er hat sehr viele Rollen gespielt, aber eine machte ihn wirklich bekannt und zum gesamtdeutschen Star: In der Serie „Motzki“ wurde Jürgen Holtz 1993 als übellauniger Dauermeckerer zum erbosten Gesicht der deutschen Wiedervereinigung. Besonders komisch dabei war, dass Holtz, der seinen Querulanten Friedhelm Motzki so wunderbar tief empfunden gegen „die Ossis“ schimpfen ließ, selbst einer war. Geboren wurde er 1932 in einfachen Verhältnissen in Berlin, absolvierte seine Ausbildung in Weimar und Leipzig. Aus der DDR-Provinz wurde er 1964 nach Ost-Berlin an die Volksbühne engagiert, von 1966 bis 1974 an das Deutsche Theater, danach an das Berliner Ensemble. Dort wirkte er 1975 in der legendären Inszenierung von Strindbergs „Fräulein Julie“ (Regie: B. K. Tragelehn und Einar Schleef) mit, die in der Nomenklatura einen Skandal auslöste und nach wenigen Vorstellungen abgesetzt werden musste. Jürgen Holtz, der wache, kritische, ganz und gar nicht linientreue Schauspieler, reiste 1983 in die Bundesrepublik aus, weil er in der DDR nichts mehr fand, was ihn als Künstler mit allen Kräften und Sinnen herausforderte, wie er es als Kern seines Berufes begriff: „Ich wollte nicht Frührentner werden oder mich umbringen mit Lügen. Ich wollte mein eigener Herr sein“, wird er 1993 in dieser Zeitung zitiert.

          Kein Lautsprecher, sondern ein Analytiker

          Er war in beiden Teilen des Landes erfolgreich, obwohl er sich hier wie dort seine Eigenständigkeit und Unabhängigkeit bewahrte. Bevorzugt arbeitete er mit Regisseuren, die seiner politischen und künstlerischen Haltung nahestanden, wie Ruth Berghaus, Adolf Dresen oder Heiner Müller („mein geistiger Vater“), Wolfgang Engel oder Einar Schleef. Als Schauspieler mit so freiem wie tiefem Sinn suchte er sich die schwierigsten Aufgaben, denen er, sorgfältig wie ein Philologe der alten Schule, auf den Grund von Herz, Verstand, Unterbewusstsein und Stil ging – kein Lautsprecher, sondern ein Analytiker, kein Virtuose, sondern ein Verschenker des Eigentlichen. Dank seiner Neugier, Spielfreude und darstellerischen Vielfalt wurde er am Schauspiel Frankfurt als Thomas Bernhards „Weltverbesserer“ gefeiert – und ebenso als monologisierender Alter in „Katarakt“ von Rainald Goetz. Die Uraufführung inszenierte Hans Hollmann 1992 im Bockenheimer Depot, die Produktion lief bis 2001 in über hundert Vorstellungen. Dafür wurde Jürgen Holtz mit dem Gertrud-Eysoldt-Preis ausgezeichnet. Seine intellektuelle Offenheit machte ihn zum geschätzten Partner selbst eines Regisseurs wie Robert Wilson, etwa als Gloster in „Lear“ (Frankfurt 1990), als Peachum in der „Dreigroschenoper“ 2007 und als Nagg 2016 in „Endspiel“ (Berliner Ensemble). Oder für Peter Stein, in dessen „Wallenstein“-Inszenierung er 2007 mit Stock und Glatze, mit heißem Kalkül und kaltem Ingrimm den Oberst Buttler gab. Einen seiner eindrucksvollsten Auftritte hatte er als gnadenlos unmoralischer General Titus Andronicus in Thomas Langhoffs Inszenierung der Shakespeare-Adaption „Schändung“ von Botho Strauß.

          Von Frank Castorf schließlich wurde Jürgen Holtz noch 2019 zu einem vermessenen sechsstündigen Theaterabenteuer verlockt, und zwar für die Titelrolle in Brechts „Galileo Galilei“ im Berliner Ensemble, anfangs sogar splitterfasernackt und insgesamt ohne jede Schonung. Warum er sich das angetan haben mag? Eitelkeit gehört zum intelligenten Schauspieler dazu, sagte er einmal, und einem so guten Angebot wie diesem hätte er, Alter hin oder her, auf keinen Fall widerstehen können. Die Figur des Motzki bezeichnete er als Fluch und Segen, dieser ewige Spießer habe ihm Ruhm gebracht, ihn jedoch eben auch abgestempelt. In Wolfgang Beckers Film „Good Bye Lenin“ (2003) durfte er sich darüber lustig machen. Oft stand er vor der Kamera, wie in Margarete von Trottas „Rosa Luxemburg“ (1986), in „Deutschlandspiel“ (2000) von Hans-Christoph Blumenberg, in der schwarzen israelischen Komödie „Made in Israel“ (2001) von Ari Folman oder in Bernd Böhlichs „Du bist nicht allein“ (2007).

          Um nichts und alles

          Ein einfacher Schauspieler sei er nie gewesen, erklärte er in einem Interview, er habe sich regelmäßig eingemischt in die Konzepte der Regisseure und deren Ideen. Manche konnten damit umgehen, andere nicht. Der denkende, hellwache, sich reflektiert erschöpfende Schauspieler Jürgen Holtz mochte sich allerdings keine andere Form der Berufsausübung vorstellen. Fragend und zweifelnd wagte er stets Neues. Mit vierzig Jahren, erzählte er in dem Dokumentarfilm „Gespräche um nichts und um alles“ (2014) von Thomas Knauf, habe er sich endlich ans Tanzen gewagt. Und dann sieht man den alten Herren mit Stock und weißer Hose in seinem Wohnzimmer, wie er sich vergnügt und ausgelassen zu Jazzmusik bewegt. Diese Leichtigkeit war immer um ihn, auch in seinen schwersten Rollen. Am Sonntag ist Jürgen Holtz in Berlin gestorben.

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