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Zum Tod von Jürgen Gosch : In der Einsamkeit der Figurenfelder

  • -Aktualisiert am

Jürgen Gosch 1943 - 2009 Bild: picture-alliance/ dpa

Er war ein Geduldiger, blieb fremd, zwang uns zum langsameren Sehen und machte ein Theater der anderen Zeit: zum Tod des Regisseurs Jürgen Gosch.

          4 Min.

          Als er Ende der siebziger Jahre die Szene der Bundesrepublik betrat, nachdem die DDR ihn verstoßen hatte, passte er nirgendwo hin. Das Theater im real miefigen Sozialismus wollte sich auch von den abweichlerischen schwarzen Schafen, die dessen Grenzen abzugrasen versuchten, die gesellschaftlichen Wurzeln nicht revolutioniär ausreißen lassen. Und das Theater der glitzernden Bundesrepublik, die gerade den bleiernen Herbst des Terrors und die Entdeckung des nicht zu revolutionierenden großen Nichtganzen hinter sich gebracht hatte und in postmoderner Inneräußerlichkeit exzellierte, wollte sich das neue Bewusstsein nicht nehmen lassen, dass alles gehe und alles passe.

          So spielte sich der Regisseur Jürgen Gosch, ein stiller, immer wie gedrückt und scheu lächelnder Mensch, zwischen alle Stile. Weil er darauf beharrte, dass seine Figuren einerseits aller gesellschaftlichen Bestimmtheit ledig, andererseits nun nicht ins beliebige Allesgängerische zu setzen seien. Sondern frei, aber einsam sein sollten. Zurückgebunden aber an eine Welt, die nun nicht Illusionsmaschinerien und auch nicht Realitätsabmalerbetriebe unterhalte, sondern ganz aus Kunst und Künstlichkeit, aus Zeichen und Graphen bestehe, aus Gebärden von fern und fremd her.

          Theater der anderen Zeit

          In seinem Bremer „Hamlet“ von 1978, der sofort faszinierte, kam der Dänenprinz nicht zur Welt, um sie verzweifelt einzurichten und tödlich an ihr zu scheitern. Er schlurfte ratlos auf Turnschuhen und mit hängenden Socken und dem irr verzweiflungswitternden Kopf des Schauspielers Ignaz Kirchner um diese Welt herum, umkreiste sie wie ein aus der Bahn getrudelter Uhrzeiger, der nichts mehr vom Weiterticken, alles aber von Entschleunigung, von Trance und Albtraum wusste.

          Das Theater des aus Cottbus gebürtigen Jürgen Gosch war von Anfang an ein Theater der anderen Zeit. Unter den Minimalwunderzeichen seines damaligen Bühnenbildners Axel Manthey, also unter Sternen, Sonnen und Blitzzacken, die meist sparsamst aus einer großen Schwärze grell herausstachen, verdämmerte Anfang der achtziger Jahre sein Kölner „Sommernachtstraum“ im Somnambulen, kroch sein Woyzeck eben dort, eingewickelt in einen ausweglosen, gliederstillstellenden Ganzkörperanzug durch eine buchstäblich verrückte Welt. Und in Goschs „Menschenfeind“ drohten Molières Gesellschaftsmitläufer über eine riesige Treppe herab alleweil auf eine große, spitz und steil aufragende Nadel zuzustürzen.

          Im „Ödipus“ (mit Ulrich Wildgruber) weinte sich der mutterschänderische Thebanerkönig die ausgestochenen Augen unter einer Monstermaske blutig aus, wobei das Blut wie geronnen an der Maske klebte. Während Goschs Hamburger Thalia-„Penthesilea“ und der Körper der Hauptdarstellerin kaum weniger gespannt oder überspannt schienen als der Bogen der Amazonenkönigin.

          Ausdruck und Maske

          Jede seiner Figuren war ein einsames Ereignis. Eine eigene Kunst- und Bewegungs- und Gebärdenwelt für sich. Gequälte Menschen, tranceartig und langsam kreisende plastische Planeten in schwarz funkelnden Weiten. Wesen, die verzweifelt unter ihren Zeichenmasken ein Gesicht zum Ausdruck zu bringen suchten.

          Man brauchte viel Geduld mit diesem penetrant Geduldigen. Man musste langsamer sehen, seltener Schlüsse ziehen, länger auf Ergebnisse warten lernen. Goschs Theater war eine Schule des undogmatischen Um-die-Ecke-Schauens - in strenge, manchmal auch nur anstrengende Zauberräume hinein, die von anderen entweder längst freigegeben oder nie besetzt waren. Als er sich 1988 bereit erklärte, als Nachfolger von Luc Bondy die Berliner Schaubühne zu leiten und dort gleich zum Einstand Shakespeares „Macbeth“ als stundenlanges Ritual in langen Gewändern und noch längeren Bärten in den Ritualsand setzte und das Haus an den Rand einer Lächerlichkeitskatastrophe brachte, da schien die Lust des Regisseurs auf solitäre Abwegelagerei doch ein bisschen erschöpft.

          Am Leben hängen

          Es war von dort ein Riesensprung, wiewohl kein prinzipieller Riss zu Goschs „Macbeth“, 2006 in Düsseldorf, wo er die Machtkampfmenschen in Blut und Kot tauchte und ihnen nichts ließ außer der nackten, besudelten Haut. Der Zeichen-Gosch hatte sich zum Körper-Gosch gewandelt.
          Wobei aber die nackten Schauspielerkörper auch nur wieder Zeichen waren: eines Gefangenseins in Körper, Haut und Bestialität. In Roland Schimmelpfennigs Dramen „Im Reich der Tiere“ (2007) und „Auf der Greifswalder Straße“ (2006), die er fürs Deutsche Theater in Berlin, oder in dessen „Calypso“ (2008), das er ebenso wie Gorkis „Nachtasyl“ (2005) fürs Hamburger Schauspielhaus inszenierte, wurde Nacktheit für Gosch zum rituellen Signet einer fahlschwarzen Messe für ein Pimmelreich, dessen Gott die Not ist, die niemand mehr wendet. Man musste viel Geduld und oft ein einsehendes Wegsehen haben mit diesen Armseligen.

          Deren endgültigen Ort schuf Goschs (nach Axel Mantheys Tod) zweiter fester Bühnenbildner Johannes Schütz: ein auswegloses schuhschachtelartiges, perspektivisch sich verengendes Gelass. In dieser Figurenkiste, deren Ausweglosigkeit keinesfalls geringer wurde, wenn sie nur durch Drähte angedeutet war wie in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ im Berliner Deutschen Theater, gingen sich so brillante Gosch-Spieler wie Ulrich Matthes und Corinna Harfouch an die Eheschlachtgurgeln. In Yasmina Rezas Beziehungslosigkeitsetüde „Im Schlitten Arthur Schopenhauers“ (Deutsches Theater, Berlin) oder in deren „Gott des Gemetzels“ (Schauspielhaus Zürich) fanden Menschen ihr großes, groteskes Alleinsein - und suchten nur ein letztes, rettendes Beieinander. Sie meißelte Gosch in die Luft wie furios funkelnde Statuen. Urkomisch traurig oft.

          Auch bekleidete Akteure wirkten bei ihm bis auf die Seelenhaut entblößt, so dass sie wie im „Onkel Wanja“ als Marottenbündel an der rechten Wand der Figurenkiste stehend kauerten und ihre Auftritte absolvierten, als habe sie ein grausam gütiger Demiurg auf die Szene geschubst, wo sie aneinander verhungern durften. In seiner „Möwe“ schauten sie sich nur noch beim Marottieren zu, und in Goschs letzter Berliner Inszenierung, seiner Version des „Idomeneus“ von Roland Schimmelpfennig, verhandelten sie vom selben Mauersprung wundersam und zart das letzte große Ding vor dem Tod: das Am-Leben-Hängen. Aus Liebe und Verzweiflung. Jetzt ist dieser seltsam fremd gebliebene, eigenartig faszinierende Kunsttheatermacher Jürgen Gosch im Alter von fünfundsechzig Jahren in Berlin gestorben.

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