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Harrison Birtwistle : Wenn die Erde tanzt

  • -Aktualisiert am

Harrison Birtwistle (1934 bis 2022) Bild: Picture Alliance

Als Individualist war er typisch britisch, nur „englische Musik“ wollte er nicht schreiben. Jetzt ist der Komponist Harrison Birtwistle mit 87 Jahren gestorben.

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          Nein, anders als in früheren Jahren fürchte er den Tod nicht, sagte der vierundachtzigjährige Harrison Birtwistle vor vier Jahren in einem Gespräch am Rande eines Münchner Konzerts, das seinem Schaffen gewidmet war. „Wenn man lebt, denkt man ans Jetzt und ist dankbar dafür.“ In den letzten Jahren habe er sogar immer das Gefühl eines neuen Anfangs gehabt und ein völlig neues Bewusstsein seiner Arbeit entwickelt. Dass Birtwistle zu den Komponisten gehörte, die bis ins hohe Alter kreativ blieben, hängt vielleicht mit seiner musikalischen Persönlichkeit zusammen, die ohne Seitenblicke auf aktuelle Trends und Publikumserwartungen konsequent ihren eigenen Weg ging.

          Birtwistle war einer der großen Individualisten in der Musik nach dem Zweiten Weltkrieg, eine echt britische Erscheinung, und zu seinem Individualismus passte seine Äußerung, „englische Musik“ zu schreiben sei das einzige, was er stets bewusst vermieden habe. Dem Publikum machte er es nicht leicht, doch er überzeugte es gerade durch die Unabhängigkeit und Strenge seiner Musik. Eine im Lauf der Jahre ständig wachsende Hörerschaft ließ sich faszinieren von den dicht gearbeiteten Liniengeflechten und der energetischen Kraft, mit der sich seine erdenschweren Klangströme in die Zeit ergossen. Bei seinen Wanderungen durch Räume und Zeiten tendierte er gerne zu großen Formaten, ohne je die Transparenz des Geschaffenen zu vernachlässigen. Das fast vierzigminütige Orchesterwerk „Earth Dances“ bezeichnete er als ein Klangobjekt, das man umkreisen und von verschiedenen Seiten betrachten könne, wobei immer wieder andere Aspekte in den Vordergrund treten würden, und für das Orchesterstück „Endless Parade“ – beides Werke der Achtzigerjahre – benutzte er die Metapher vom Spaziergang in einer fremden Stadt, wo vertraute Dinge plötzlich in unvertrauter Umgebung erscheinen.

          Birtwistle wurde 1934 in Accrington im Nordwesten Englands geboren. Er studierte Komposition und Klarinette am Royal Northern College of Music in Manchester, wo er sich mit Gleichaltrigen zu einer später als „Manchester School“ bezeichneten Gruppe zusammenschloss. Sie bestand aus den Komponisten Alexander Goehr und Peter Maxwell Davies – mit letzterem gründete er 1967 in London das Ensemble „The Pierrot Players“ –, dem Trompeter und Dirigent Elgar Howarth und dem Pianisten John Ogdon. Ihre Interessen richteten sich nicht nur auf die europäische Moderne, sondern auch auf einen Solitär wie Kaikhosru Sorabji und die Alte Musik von Machaut über Ockeghem bis Taverner. Nach weiteren Studien in den USA war Birtwistle von 1975 bis 1988 musikalischer Leiter des Royal National Theatre in London und ab 1994 sieben Jahre lang Professor für Komposition am King’s College.

          Als Komponist schrieb er Instrumentalwerke für alle Gattungen; sein Opernschaffen umfasst rund ein Dutzend Bühnenwerke, darunter 1968 das skandalträchtige Slapstickstück „Punch and Judy“ und 2008 das grausame Antikendrama „Minotaur“. Der mit vielen internationalen Auszeichnungen Gefeierte ist gestern im achtundachtzigsten Lebensjahr in Mere im Südwesten Englands gestorben.

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