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Zum Tod Hans-Michael Rehbergs : Im Abgrund gibt’s so schöne Stellen

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Noch im Frühjahr 2014 kehrte er triumphal ans Residenztheater zurück: als Penner Davies in Pinters „Hausmeister“ in der Regie von Andrea Breth. Als eine Mischung aus König Lear und Gespenst von Slumville bezauberte Rehberg den Raum, in dem er einen Eindringling unverschämt Platz greifen ließ im Elendsgehäuse zweier zwielichtiger Brüder und alle Perfidie, alle Schläge und Finten und absurden Unterdrückungsspiele der Brüder mit einem unheimlich gerissenen Mimikfeuerwerk parierte. So wurde aus einem Opfer ein Clown – der dem Spiel nicht unterliegt, sondern es vorantreibt. Und noch im ärgsten Clinch ganz er selbst blieb: Oh Herr, das Elend ist sehr groß, Rehberg lässt dagegen seine Witz-Dämonen los!

Ein toller Lebensschreckenslaut

Der Sohn des längst vergessenen Historiendramatikers Hans Rehberg („Der große Kurfürst“, „Wölfe“, „Cecil Rhodes“) wirkte immer wie aus aller Geschichte gefallen, wenn er auftrat. Ein großes Einmann-Theaterwesen. In Andrea Breths Wiener Inszenierung der Alltags- und Absurditätskatastrophensplitter der „Zwischenfälle“ (2011) dirigierte er ein Orchester. Die Musiker waren die Kollegen, die kakophonisch zupfend, schlagend, blasend irgendwelche Geräusche erzeugten. Aber Rehbergs magisch herrische Gebärden machten aus dem wilden Lärm-Witz einen eigenen Zauber. Wie er überhaupt mit einer einzigen Gebärde ganze Welten aufschließen konnte. Als General in Isaak Babels „Marjia“ (Zürich 1999, Regie: Dieter Giesing) verscheuchte er die Trostlosigkeit einer neuen und die Unerträglichkeit einer alten Zeit mit einer Geste, die ihm gleichsam die Schädeldecke auf einen eigentlich längst zerstörten und ruinierten Kopf gewaltsam zurückdrücken wollte. Und so wie er 1986 in Stuttgart in Harold Pinters „Noch einen Letzten“ es schmatzend genoss, einen Whisky um den anderen zu kippen, während er als großer Folterer kühl und geschäftsmäßig die Qualen seiner Opfer bequatschte, denen er die Zungen herausschneiden ließ – war das ein Glanzstück monströser Untertreibung.

Hans-Michael Rehberg mit Angelika Winkler und Gideon Finimento bei Proben im August 2009 in Berlin
Hans-Michael Rehberg mit Angelika Winkler und Gideon Finimento bei Proben im August 2009 in Berlin : Bild: dpa

In Helmut Henrichs Münchner Staatsschauspiel-Ensemble, in das der aus Fürstenwalde an der Spree gebürtige Jungschauspieler in den frühen sechziger Jahren kam, galt er noch spitznamentlich als „Rehlein“. Wurde aber schnell zum Großwild, das mit kleinsten Mitteln grandiose Wirkungen erzielte. In Luc Bondys legendärer Inszenierung von Ibsens „Gespenstern“ im Hamburger Deutschen Schauspielhaus (1977) spielte er den Pastor Manders (mit Doris Schade als Frau Alving): Der verlegene, verschämte kleine Griff nach der Brille der Frau, die der Pastor sich nicht zu lieben getraute, wirkte wie der Griff nach einem großen, verfehlten Leben, das ihm auf Seele und Miene lag. Und als Artist Karl in Thomas Bernhards Komödie „Der Schein trügt“ im Wiener Theater in der Josefstadt sang er im Jahr 2000 das Wort „irritiert“ derart schrilltückisch, dass nur noch „irr“ davon übrig zu bleiben schien. Als toller Lebensschreckenslaut.

Diesen Laut musizierte er unnachahmlich aus – sein Schauspielerleben lang. Seinen letzten Bühnenauftritt hatte er vor zwei Wochen als Teiresias in Mateja Koležniks Inszenierung von „König Ödipus“ am Münchner Residenztheater. Jetzt ist Hans-Michael Rehberg im Alter von 79 Jahren in Berlin gestorben.

Im Januar 1983 in der Rolle des Adolf Eichmann in Heiner Kipphardts Schauspiel „Bruder Eichmann“ bei der Uraufführung im Münchner Residenztheater
Im Januar 1983 in der Rolle des Adolf Eichmann in Heiner Kipphardts Schauspiel „Bruder Eichmann“ bei der Uraufführung im Münchner Residenztheater : Bild: dpa
Hans-Michael Rehberg (r.) mit Gilbert von Sohlern (l.) und Ottfried Fischer im Mai 2009 bei Dreharbeiten zu „Pfarrer Braun“» am 07.05.2009
Hans-Michael Rehberg (r.) mit Gilbert von Sohlern (l.) und Ottfried Fischer im Mai 2009 bei Dreharbeiten zu „Pfarrer Braun“» am 07.05.2009 : Bild: dpa

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