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Zum Tod von Hanna Maron : Königin der Bühne

Aus Berlin vertrieben sie die Nationalsozialisten, 1970 wurde sie Opfer palästinensischen Terrors, doch von der Bühne ließ sie sich nicht vertreiben: Die israelische Schauspielerin Hanna Maron ist mit neunzig Jahren verstorben.

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          Ein Leben ohne die Bühne konnte sie sich nicht vorstellen. Am 10. Februar 1970 versuchten palästinensische Terroristen auf dem Münchener Flughafen das El-Al-Flugzeug zu entführen, mit dem sie unterwegs war. Eine Granate zertrümmerte den Unterschenkel der israelischen Schauspielerin. Hanna Maron lernte, mit einer Prothese zu gehen und zu spielen. Mit einem Jahr Verspätung holte sie die „Medea“-Premiere nach, für sie vor der Zwischenlandung in München geprobt hatte.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die Haare kurz geschnitten und rot gefärbt, die Fingernägel lila lackiert, so empfing sie noch bis vor kurzem Besucher in ihrer Wohnung im Herzen von Tel Aviv. Über die traumatischen Augenblicke in München sprach sie nicht gern, umso lieber und temperamentvoller aber über ihre Zeit in Berlin, wo sie am 22. November 1923 zur Welt gekommen war.

          Der Anfang in Berlin

          In ihrem Tel Aviver Wohnzimmer hängt ein Foto, das sie als Mädchen zeigt. Damals hieß sie noch Hanna Maierzak und lebte in der Berliner Linkstraße. In der ersten Theaterproduktion von Kästners Kinderroman „Pünktchen und Anton“ spielte sie Pünktchen. Zuvor war sie in Fritz Langs Klassiker „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ eines der Mädchen, auf das es der von Peter Lorre gespielte Triebtäter abgesehen hatte; ihre Filmpartner waren Hans Albers und Emil Jannings. Fast vierzig Jahre später besuchte Erich Kästner „sein Hannele“ nach dem Anschlag in München im Krankenhaus.

          Mit ihren Eltern war Hanna Maron noch rechtzeitig aus dem Land entkommen, in dem sie in München 37 Jahre später fast ums Leben gekommen war. Ihre Familie war weder zionistisch noch religiös, aber erkannte die Zeichen der Zeit. Ihre Mutter wollte nie „zu Sand und Kamelen“ nach Palästina. Sie floh deshalb lieber mit ihrer Tochter im Jahr 1933 erst einmal nach Paris; 1970 starb sie in Tel Aviv – an dem Tag, an dem ihrer Tochter der Unterschenkel amputiert wurde. Ihr Vater, ein Elektriker, war schon nach Tel Aviv vorausgereist.

          Bis ins hohe Alter auf der Bühne

          Die Machtergreifung der Nationalsozialisten setzte der Schauspielerkarriere des Mädchens ein Ende, aber nur für kurze Zeit. Hanna Maron gab den Traum von der Bühne nie auf. In Palästina sollte sie zunächst Sekretärin werden, dann nahm sie Schauspielunterricht. Während des Zweiten Weltkriegs gehörte sie einer Unterhaltungstruppe der jüdischen Brigade der britischen Armee an. Nach Tel Aviv zurückgekehrt, spielte sie zuerst am Habima-Theater, bevor sie zum Cameri-Theater wechselte. Dort trat sie bis ins hohe Alter auf. Auf der Bühne verkörperte sie mehr als hundert Rollen. Das Guinnessbuch der Rekorde nennt sie als die Schauspielerin mit der längsten Bühnenpräsenz. Viele Israelis kennen Hanna Maron, die auch mit dem angesehenen Israel-Preis ausgezeichnet wurde, aus Fernsehserien wie „Krovim, krovim“ und „Sackgasse“.

          Mit ihren politischen Ansichten machte sich Hanna Maron in Israel jedoch nicht nur Freunde. Als sie in Tel Aviv zusammen mit anderen Künstlern eine palästinensische „Unabhängigkeitserklärung“ verlas, kam es zu Protesten. Die arabischen Terroristen hätten ihr in München am besten gleich beide Beine abschneiden sollen, riefen Gegendemonstranten. Nach dem Terroranschlag in München hatte die Schauspielerin begonnen, sich für ihre palästinensischen Nachbarn zu interessieren. Mit Hass und Attentaten lasse sich nichts erreichen, meinte sie. Aber auch wie Israel mit den Palästinensern umgehe, sei völlig falsch.

          Der israelische Ministerpräsident Jitzhak Rabin, den sie gut kannte, nahm sie im September 1993 als einen seiner Ehrengäste mit nach Washington, als er dort das Oslo-Abkommen mit den Palästinensern unterzeichnete. Trotz München gab Hanna Maron die Hoffnung auf einen gerechten Frieden bis zuletzt nicht auf. Am Freitag starb sie im Alter von 90 Jahren in einem Tel Aviver Krankenhaus. „Die Königin des Theaters ist tot“, meldeten die israelischen Zeitungen am Sonntag auf ihren Titelseiten.

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