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Zum Tod von Gisela Stein : Die Fremdspielerin

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Die Schauspielerin Gisela Stein, die vor allem auf den Münchner Bühnen in ihrer unvergesslichen Art die großen schweren Frauenrollen des Theaters verkörperte, ist gestern im Alter von 74 Jahren gestorben. Sie war eine der letzten deutschen Tragödinnen. Ein Nachruf von Gerhard Stadelmaier.

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          Sie konnte auch sehr komisch sein. „Stööööre ich?“ mit einer anschwellenden klirrend-sarkastischen Genussbetonung auf dem „ööööö“: So zeigte sie sich vor einem halben Jahrzehnt im Münchner Residenztheater hoch droben im Bühnenhintergrund an einem Fenster, den nackten Oberkörper kokett präsentierend, während sie sich die Haare bürstete, einen jungen Mann neben sich, den sie als ihre Eroberung zynisch einer anderen Frau da unten vorführte, die auch auf ihn scharf war. Da war sie die Lissie in der Uraufführung der Botho-Strauß-Komödie „Die eine und die andere“.

          Zusammen mit Cornelia Froboess bildete Gisela Stein ein postklimakterisches Megären-Paar, das sich verzweifelt um letzte Lebens- und Liebesreste balgt. Aber noch in der hämischen Pointe eines Männerwegschnapptriumphs meißelte Gisela Stein ihrer Figur, der man als alter Theaterbekannten nahe zu sein glaubte, eine Fremdheit ins wächsern glühende Gesicht, mit der sie in eine Seelenmördergrube hinunterschaudernd blickte. In jedem Moment wurde deutlich, wie da eiskalte Teufels- und Alterskrallen ihr ans Herz griffen und alles Lebenstriumphale nur auf Kredit genommen schien. Dies aber nicht als sentimentale Anmutung, sondern: als strenge, kühle Form.

          Distanz zu einer Fremde, die faszinierte

          Sie war eine der letzten der großen Schauspielerinnen, die man Tragödinnen nennen darf (neben ihr nur noch Edith Clever), die allen Schmerz, noch die schrecklichste Blut- und Schmerzenspein, Leiden, Leben und Tod in schöner, hoher Sprach- und Sprechgestalt aushalten - und dem Verfall von Welt und Zeit den fremden, klirrenden Klang des Hohen, Erhabenen entgegensetzen. Dass dieser Klang bei Gisela Stein so nervgenau vibrierend, so natürlich die Statuen belebte, zu denen sie ihre Figuren kunstvoll bildete, machte ihre Tragödinnenkunst modern.

          Wenn sie auftrat - seit 1980 fast ausschließlich in den Münchner Inszenierungen Dieter Dorns an den Kammerspielen und dann im Bayerischen Staatsschauspiel -, dann kam sie einem nicht entgegen. Man musste sich zuschauend zu ihr bemühen. Ihre Iphigenie in Dorns Goethe-Inszenierung von 1981, ganz allein vor dem eisernen Vorhang, hielt zwar im Gegenwartskleid die alte, aus Blut und Greueln erlöste Geschichte buchstäblich in ihrem einsam schönen Kopf aus, machte sie aber nicht aktualmundgerecht, hielt sie auf Distanz zu einer Fremde, die faszinierte - und immer auch ein wenig frösteln machte.

          Ein Würdewunder an Unsentimentalität

          Peter Zadek, der große Schauspielerverführer, biss sich 1991 an ihr die RegieCasanova-Zähne aus. Da spielte sie in den Münchner Kammerspielen in Ibsens Alters- und Künstlerdrama „Wenn wir Toten erwachen“ die Frau, die einem Bildhauer Modell saß, der ihrer Liebe nicht gewachsen war und jetzt von ihr heim in den Tod geholt wurde. Die Stein blieb dabei geisterhaft-statuarisch bis ins kalte Herz hinan - und neben ihr der heißherzige Ulrich Wildgruber als Bildhauer!

          Gisela Stein war ein Würdewunder an Unsentimentalität: 1977 als künstlich hysterisch irrlichternde Hedda Gabler in Niels-Peter Rudolphs Inszenierung am Berliner Schillertheater, wo die gebürtige Swinemünderin nach Stationen in Koblenz, Krefeld und Essen gelandet war; 1980 als kalttollverliebte Olivia in Dorns Münchner „Was ihr wollt“-Inszenierung; 1982 als fremdgängerisch-liebesversehrte Königin Ginevra in Tankred Dorsts „Merlin“ (Regie: Dorn); als liebeshasserische, ehekampfgestählte, aber trotzdem nach Liebe wie verrückte Alice in Strindbergs „Todestanz“ (zusammen mit Wolfgang Hinze), zu dem sie Günter Krämer 1980 nach Stuttgart lockte - immer war da eine Aura von Unnahbarkeit und Fremdheit um sie.

          Die Statue trug Schleier

          Zugleich zeigte sich aber unter ihrem meist wild lockenlodernden Haar ein von Gedanken fiebernder Schädel. Sie stellte die Figur nicht neben sich, hielt sie sich nicht vom Leib - sie stellte sie sozusagen über sich: Sie hielt sie sich übern Kopf. Als sie bei dem aus der DDR kommenden Regisseur Alexander Lang, der das Theater als szenische Pointenmaschine begriff, in den Münchner Kammerspielen die Phädra und die Penthesilea, die extremistischen, liebestodwunden Frauen Racines und Kleists, zusammenband, spielte sie beide in einer Art kleinem Schwarzen mit einer Leichtigkeit und Ironie, als reichte ihr auch ein kurzes Kleid als Rüstung gegen eine Männerwelt, in der eine tolldreiste Frau mit einem überlegenen Lächeln den Tod pariert - und alle Tragik federnd durchsichtig wird. Die Statue Stein trug hier gleichsam Schleier.

          So war sie, souverän und streng, würde- und lebensvoll, leidens- und formklug: leichtschwer in allem und ironisch kompliziert. Als Penelope in „Ithaka“ von Botho Strauß, als Kurfürstin im „Prinzen von Homburg“, als Becketts Winnie in den „Glücklichen Tagen“, zuletzt als Chorführerin in den „Bakchen“. In Dieter Dorns Ensemble war sie die wundersame Hohe Frau. Jetzt ist sie im Alter von vierundsiebzig Jahren in Mohrkirch in Schleswig-Holstein gestorben. Sie fehlt.

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