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Zum Tod von Gert Voss : Der Dompteur der Dämonen

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Warum Shylock lächelt

Als er 1990 Taboris Othello in Wien war, tanzte er aggressiv und schüchtern zugleich mit heiserer Stimme und sehnsüchtig rollenden Augen einem Riesengespenst hinterher, das ihn aus den Gestalten der Desdemona, der Emilia und des Jago heraus förmlich anzuspringen schien: der Dämon einer alles überwältigenden und vergiftenden Liebe. Und als er im selben Jahr in Peter Zadeks wunderbar leerer Lebenskammer von Tschechows „Iwanow“ als Titel-Unheld im Wiener Akademietheater vorführte, wie furchtbar es ist, normal werden zu müssen, da stürzte er strudelnd und rudernd zwischen all den anderen Menschen wie in ein großes Loch, das außer ihm niemand sah. Bevor er aber da reinfiel, steckte er seinen witternden Kunstkopf wie zur Probe ins Ungeheure hinab. Mit jenen vosstypischen Stoßbewegungen, mit denen er Terrain erkundete, das er allein schauen zu können schien: das Land, bewohnt von Wesen, die schaudern machen.

Lachend konnte er das auch. Zusammen mit Ignaz Kirchner als Clov durchstromerte sein Hamm das „Endspiel“ von Beckett in Taboris „Fin de partie“-Version als clownesker Gauner, der eine Theaterprobe abstaubt (Wien, 1998). Als Taboris Restaurantkritiker Morgenstern in der „Ballade vom Wiener Schnitzel“ (1995) entdeckte er in den Witzen der Köche das Gift einer Hiobsmahlzeit. Und als Zadeks Wallstreet-Shylock im Burgtheater nahm er Hass und Vernichtungswillen auf eine Schulter, die so leicht wie das Papier des Schecks war, mit dem er die Schulden beglich, die Christen dem Juden aufbürdeten. Aber mit einem Blick, der die Dämonenfamilie schon das Messer wetzen sah, das er eben lächelnd aus der Hand gelegt hatte.

Ein König ohne Thronfolger

Gert Voss durchfocht die tollsten Herzensschlachten. Als Verrückter und Verrücker. Als Frisör, der zum Luftgeist wird in „Figaro lässt sich scheiden“ (Wien 1998, Regie: Bondy). Als Menschenzüchter, der sich in Ibsens Pastor Rosmer auf „Rosmersholm“ verwandelt (Wien 2000, Regie: Zadek). Als tolldreister Kritiker, den er in Becketts Krapp im „Letzten Band“ entdeckte (Wien 1999, Regie: Ignaz Kirchner). Als Liebesabgrundverletzter, den er aus Taboris Theatergott in den „Goldberg-Variationen“ herausspürte (Wien 1991). Als windbeutelfressendes Weltverachtungsmonster, das er in Thomas Bernhards wahnsinnigem Philosophen-Bruder in „Ritter, Dene, Voss“ den Schwestern höhnisch serviert (Salzburg, Wien, 1986, Regie: Peymann).

„Alle Schauspieler sind verrückt/alle guten Schauspieler sind verrückt/das ganze Theater ist verrückt“, sagt der alte Schauspieler in Bernhards „Einfach kompliziert“, in dem Gert Voss 2010 in Wien unter Peymanns Regie einen einsamen Mimen spielte, der einen König spielen möchte und sich zweimal die Woche die Krone Richards III. aufsetzt. Und er exzellierte in der schamlosen Lust des Alten, wirklich den König zu spielen, und dessen verrückter Scham, kein König in Wirklichkeit sein zu dürfen. Mit einer verstandeshellen Intelligenz und dem diabolischen Vergnügen, sich in ein großes, irres Spiel hineinzuretten: ins Theater als Überlebenshilfe.

In diesem Spiel war Gert Voss der König, in dessen Reich die Sonne der Verwandlung nie unterging. Er benötigte dafür keine Krone. Sein wunderbarer Kopf genügte völlig. Dass dieser Kopf nun nicht mehr mitspielen soll, ist ein ungeheurer Verlust. Gert Voss ist am Sonntag im Alter von erst 72 Jahren in Wien gestorben. Er hätte uns noch so viel zu geben gehabt. Wir werden seinesgleichen nimmer sehen.

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