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Zum Tod von Gerhard Rohde : Ohrenzeuge der Klangkunst eines halben Jahrhunderts

Gerhard Rohde Bild: Charlotte Oswald

Er hat uns in seinem unermüdlich bewegten Unruhestand und seinen geschliffenen Texten ständig ermahnt, dass wir so etwas wie Musikkultur brauchen: Ein Nachruf auf Gerhard Rohde.

          Ein Orchester abschaffen, das ist, als würde man eine Kathedrale abreißen. So oder ähnlich sagte das neulich ein Sänger. Alle dachten wir in diesem Augenblick sofort an unseren Kritikerkollegen Gerhard Rohde, der zu diesem Zeitpunkt im Krankenhaus lag und den der frische Zorn über die kaltschnäuzige Abwicklung des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden, die vor drei Jahren so entschieden wurde und zurzeit in vollem Gange ist, noch nicht verlassen hatte. Immer wieder schrieb er scharf und bissig an gegen die Lethargie in den eigenen Reihen, gegen die allfällige Gewöhnung an die Macht des Faktischen: Wo bleibt der Aufschrei? Das Entsetzen? Die Debatte? Wieso fällt keiner von denen, die es könnten, den bestechlichen Provinzpolitikern, die das verantworten, in den Arm?

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Immer wieder hatte Rohde neu recherchiert, er brachte, auch als der Kampf um das SWR-Orchester längst verloren schien, noch nicht bedachte Argumente, neue Details ans Licht, um den Opportunismus derer zu belegen, die von dieser barbarischen Entscheidung glauben zu profitieren, oder um die Borniertheit des SWR-Intendanten Peter Boudgoust anzuprangern. „Rohde, sei nicht so ein Terrier!“, sagte ich, wenn ich ins Büro kam und meinen Schreibtisch wieder mal von ihm blockiert fand, und er gab zurück, wölfisch grinsend und sich kaum eine Sekunde unterbrechend, ja, den Hörer nicht einmal vom Ohr nehmend und so auch gleich noch den Interviewpartner am anderen Ende der Leitung mit einkassierend: „Ja, klar, wuff. Aber ihr seid ja alle miteinander nur noch die reinsten Schoßhündchen.“

          Die norddeutsche Herkunft und die alte Schule

          Gerhard Rohde war freier Mitarbeiter dieser Zeitung. Schon seit 1974, das ist eine lange Zeit. Er liebte diese Freiheit. Er hielt eine Menge vom Flurfunk, aber nicht viel von Konferenzen. Und er hat viele Kollegen kommen und gehen sehen. Vorher, von 1967 bis 1974, hatte er für sieben Jahre als Redakteur für die „Zeitung für Frankfurt“ gearbeitet, den Vorläufer der Rhein-Main-Zeitung, den Lokalteil der F.A.Z. Gebürtig aus Kiel, wo er zunächst Jura, dann Musikwissenschaft studiert hatte, war er zunächst ein paar Jahre bei der „Hannoverschen Rundschau“ gewesen, und bis heute steht er im Impressum der „Neuen Musikzeitung“ in Regensburg als Herausgeber eingetragen. Dort schrieb er auch, regelmäßig, in seinem unermüdlich bewegten Unruhestand. Er schrieb außerdem für die „Opernwelt“ und andere Magazine, immer in seiner klaren, knappen, schnörkellosen Sprache, der man die norddeutsche Herkunft und die alte Schule anmerkte. Rohdes Texte waren niemals poetisch verblümt. Aber meinungsstark waren sie immer.

          Schwafeln konnte er zwar auch ganz ausgezeichnet, aber nur mündlich, beim Wein. Bei den Salzburger Festspielen zum Beispiel diente der Rohde-Tisch im „Toscanini-Hof“ in den letzten Jahren als Anlaufstelle und zuverlässige Nachrichtenbörse – eine nächtliche Institution, auf die wir demnächst nun verzichten lernen müssen. Beim Schreiben aber hielt Rohde, oftmals in letzter Sekunde, auf eiserne Disziplin. So musste man als Redigierer allenfalls aufpassen, dass er, in der ihm eigenen charakterstarken Lakonik, nicht einen Halbsatz zu wenig geschrieben hatte.

          Zehntausende von Kilometern im Jahr

          Vor allem der zeitgenössischen Musik galt seine Leidenschaft. Auch Repertoirestücke besichtigte er mit nie versiegender Neugierde. Kunstausstellungen und Theater gehörten gleichfalls zu den Objekten seiner Begierde. Und er reiste, um nichts zu versäumen, Zehntausende von Kilometern im Jahr der Musik unermüdlich hinterher. Im Sommer nach Aix-en-Provence, Innsbruck oder Salzburg, im Winter zu den großen Premieren nach Brüssel, Stuttgart oder Hamburg. Den Happy-New-Ears-Preis für Publizistik, der ihm letzte Woche in München in der Bayerischen Akademie der schönen Künste verliehen wurde, konnte er nicht mehr selbst entgegennehmen. Der Präsident der Akademie, Michael Krüger, pries Rohde in seiner Laudatio als einen „Nestor der deutschen Musikkritik“ und einen „Ohrenzeugen eines guten halben Jahrhunderts, der unguten kulturpolitischen Entwicklungen mit Mut und spitzer Feder entgegentritt“.

          In einem der letzten jener vielen Artikel, die er zum Thema Orchesterabwicklung für diese Zeitung geschrieben hat, hieß es vor einem guten halben Jahr: „Der geplante Fusionsprozess allerdings wird, wie bereits absehbar, um ein Vielfaches teurer, denn die Folgekosten sind deutlich höher als ursprünglich veranschlagt. Auch gibt es längst ernstzunehmende Initiativen von außen zum Erhalt beider Orchester, etwa ein vieldiskutiertes Stiftungsmodell, die man aufgreifen könnte, anstatt sie rundweg abzulehnen oder ganz zu ignorieren. Diese Einstellung ist freilich inzwischen typisch für viele leitende Figuren in unserem Rundfunksystem: Das schlichte Funktionärs- und Nützlichkeitsdenken überwuchert alles Nachdenken darüber, warum wir eigentlich so etwas wie eine Musikkultur besitzen und diese auch pflegen müssen. Seit Jahrzehnten werden Wert und Wichtigkeit der Musik für die Bildung und Entwicklung junger Menschen beschworen. Man muss solche Politikerworte für reine Fensterreden halten.“

          Gestern ist Gerhard Rohde an den Folgen einer Infektion im Krankenhaus in Bad Schwalbach gestorben. Seine letzte Musikreise, über die er nicht mehr berichten konnte, hatte ihn zu den Boulez-Tagen nach Baden-Baden geführt. Er wurde dreiundachtzig Jahre alt. Und auch wenn er am Ende nicht mehr sehr gut zu Fuß war, so ist er doch unter allen Journalistenkollegen mit Abstand der Ehrlichste, Frechste, Zuverlässigste, Pünktlichste und vor allem derjenige gewesen, der die qualifiziertesten Widerworte geben konnte. Konkrete Kenntnisse waren bei ihm kein Widerspruch zu unbändiger Neugierde. Nach jedem Zoff waren wir wieder ein bisschen klüger als vorher. Gerhard Rohde zu verlieren, das ist für die Musikredaktion dieser Zeitung, als würde man ihr das Fundament wegnehmen.

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