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Gennadi Roschdestwenski : Ein Clown, der zwischen den Noten las

Roschdestwenski, damaliger Leiter des berühmten Bolschoi-Theaters in Moskau, im Jahr 2000. Bild: dpa

Gennadi Roschdestwenski war ein Wunderkind. Mit hochrangigen Positionen hielt man ihn in der Sowjetunion, wo er seinen Einfluss zu nutzen wusste. Jetzt ist der russische Dirigent im Alter von 87 Jahren gestorben.

          3 Min.

          In der Musik hören wir der Zeit beim Vergehen zu und vergessen uns oft so völlig dabei, dass wir gar nicht merken, wie die Zeit vergeht. Manchmal aber ist es die Musik selbst, die über das Vergehen der Zeit nachdenkt und uns beim Hören innewerden lässt, dass es unsere Zeit ist, die da vergeht. Die dritte Orchestersuite in G-Dur op. 55 von Peter Tschaikowsky etwa beginnt mit einer lichten Pastorale, über die Tschaikowsky den Titel „Élégie“ gesetzt hat. Gennadi Roschdestwenski dirigierte diese Elegie im April 2008 beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin nicht nur so, dass hier eine glückliche Zeit als verlorene beschworen wurde, sondern zugleich so, dass der Dirigent im Ausbremsen des hörbaren Herzklopfens den Widerstand des Erinnerungssubjekts gegen das Vergehen der Zeit mitmusizierte.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Mehr noch: In den folgenden Sätzen der Valse mélancolique und des Scherzos entwickelte der Dirigent die Spannung zwischen dem Verharrungsbedürfnis des Ich und dem Vergehen der Zeit aus den metrischen Konflikten in Tschaikowskys Musik selbst, also aus dem innermusikalischen Streit darüber, wie und ob die Zeit zu messen sei. Dass dann im finalen Variationssatz, deutlicher als bei anderen Dirigenten, aus dem heiteren Bild russischer Folklore das „Dies irae“ der katholischen Totenmesse jäh hervortrat, schweißte die ganze Suite zu einem Essay über die Pastorale als Elegie zusammen, gewissermaßen als musikalisches Pendant zu Erwin Panofskys kunstgeschichtlicher Schrift „Et in Arcadia ego“ über den Barockmaler Nicolas Poussin.

          Roschdestwenski zeigte Tschaikowsky als reflektierenden Künstler, dessen Musik malerische und literarische Topoi verarbeitete, um damit über das Idyll als Stillstellung des Dramas und zugleich die Tragik unaufhaltsamer Zeit nachzudenken. Die Frage, ob man Tschaikowsky eher „sentimental“ oder eher „klassizistisch“ spielen sollte, war damit als rein äußerlich und sachfremd vom Tisch gefegt.

          Roschdestwenski war ein Wunderkind: Am 4. Mai 1931 als Sohn des Dirigenten Nikolaj Anossow und der Sängerin Natalja Roschdestwenskaja geboren, zeigte er früh eine immense Begabung beim Klavierspielen und Dirigieren. Schon 1951, zwei Jahre vor Stalins Tod, debütierte er als Dirigent am Moskauer Bolschoi-Theater mit dem „Nussknacker“ von Tschaikowsky; 1964 übernahm er die künstlerische Leitung des Hauses.

          Die Sowjetunion, die damals gerade die Flucht des Pianisten Vladimir Ashkenazy zu verschmerzen hatte, wollte ihn nicht verlieren. Also band man ihn früh an hochrangige Leitungspositionen, betraute ihn mit dem Allunionsorchester des Rundfunks und Fernsehens und gab ihm noch 1983 ein Ensemble, das auf den Namen „Symphonieorchester des Staatlichen Kulturministeriums der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ hörte. Aufnahmen, die er damit machte, besonders von den Symphonien Alexander Glasunows, sind unübertrefflich in ihrem organischen Fluss, ihrem architektonisch begründeten Atem und ihrer klanglichen Weite, die stets daran erinnert, dass diese Musik Beschwörung großer Naturräume, aber auch epischer Geschichtszusammenhänge ist.

          Er nutzte seine Position, um umstrittene Komponisten zu schützen

          Roschdestwenski, der 1975 mit seiner Frau Viktoria Postnikowa beim Begräbnis von Dmitri Schostakowitsch vierhändig Klavier spielte, durfte früh ins Ausland reisen: Schon 1962 dirigierte er die britische Erstaufführung von Schostakowitschs vierter Symphonie, 1974 übernahm er die Leitung der Stockholmer Philharmoniker, 1978 die des BBC Symphony Orchestra in London, später dann die der Wiener Symphoniker. Ein Dissident war Roschdestwenski nie, doch er benutzte seine Position, um Komponisten zu unterstützen, die musikalische Machthaber wie Tichon Chrennikow und Dmitri Kabalewski gern zerquetscht hätten. Roschdestwenski förderte Alfred Schnittke und Sofia Gubaidulina, auch wenn schon die Uraufführung von Schnittkes erster Symphonie in Moskau durch bestellte Provokateure gestört worden war.

          Gubaidulina widmete dem Dirigenten später ihr Orchesterwerk „Stimmen ... Verstummen ...“. Schnittke bekannte einmal, dass fast sein gesamtes Werk aus Gesprächen mit Roschdestwenski entstanden sei. Die Bekanntschaft mit ihm bezeichnete Schnittke als einen der glücklichsten Umstände seines Lebens. Dennoch erhielt diese Freundschaft am Ende einen Riss: Die Partitur zu Schnittkes neunter Symphonie war, aufgrund mehrerer Schlaganfälle des Komponisten, schwer zu lesen. Und die Uraufführungsversion, die Roschdestwenski – in vielleicht zu eiligem Vertrauen der eigenen Auffassungsgabe gegenüber – erstellt hatte, zog den Zorn des Komponisten auf sich. Der Tod Schnittkes 1998 verhinderte eine völlige Aussöhnung.

          Roschdestwenski, der gern ohne Podium dirigierte, auf einer Ebene mit den Orchestermusikern also, legte sich oft die Maske des Clowns zu. Dann erzählte er, Dirigiertechnik (seine war brillant) hänge vom Wetter ab. Oder er machte eine Show fürs Publikum, gab Trompeteneinsätze, indem er die Hand zum militärischen Gruß an die Stirn legte und die klanglichen Zoten bei Schostakowitsch kommentierte, indem er sich nach kreatürlichen Geräuschen des Kontrafagotts die Nase zuhielt. Wie ernst dieser Clown bei alledem war, ist in Bruno Monsaingeons Dokumentarfilm „Notes interdites: Scènes de la vie musicale en Russie Soviétique“ von 2004 zu sehen. Er war einer der letzten großen Musiker aus sowjetischer Zeit, einer, der noch im unmittelbaren Kontakt mit Sergej Prokofjew, Dmitri Schostakowitsch, Aram Chatschaturjan gelebt hatte und der aus dieser Zeitzeugenschaft seine Interpretation zu gestalten verstand. Am Morgen des 16. Juni ist Gennadi Nikolajewitsch Roschdestwenski nach langer Krankheit in seiner Heimatstadt Moskau gestorben.

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