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Zum Tod von Ekkehard Schall : Meister des F-Effekts

  • -Aktualisiert am

Ekkehard Schall (r.) in Heiner Müllers „Der Auftrag”, Anfang 2004 Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Selbst seine drei Berufe durchdrangen sich dialektisch: Er war Schwiegersohn von Bertolt Brecht, Mitaufseher des Brechtschen Erbes, und außerdem hatte er den Beruf des Schauspielers. Ekkehard Schall starb im Alter von 75 Jahren.

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          Er hatte drei Berufe. Diese bedingten und durchdrangen sich. Dialektisch, naturgemäß. Sein erster Beruf: Schwiegersohn von Bertolt Brecht. Sein zweiter: Mitaufseher und Mitnutznießer des Brechtschen Erbes, was die Tantiemen und auch was die Möglichkeiten anging, Einsprüche gegen Regie-Konzepte weltweit zu erheben, die es unternahmen, den Brecht, der ja einst angetreten war, alles zu ändern, nun ihrerseits ändern zu wollen.

          Nebenbei war Brechts Gralshüter fast anderthalb Jahrzehnte bis kurz nach der Wende Mitleitender des Brechtschen Familienbetriebs „Berliner Ensemble“, mehrfacher Nationalpreisträger der DDR, Präsidiumsmitglied des „Verbandes der Theaterschaffenden der DDR“, sitzend und schaltend an den Schnittstellen von kommunistischem Staatstheater und kommunistischer Staatspolitik. Und drittens hatte Ekkehard Schall den Beruf des Schauspielers.

          V-Effekt gegen F-Effekt

          „Lieber Ekkehard, ich hatte an einigen Stellen den Eindruck, daß sich Sprache und Haltung doppeln oder, anders gesagt, daß der Gestus durch die Sprache charakterisiert wird“, schrieb der Regisseur Manfred Wekwerth 1964 etwas pikiert an den Hauptdarsteller Schall, etliche Vorstellungen nach der Premiere des „Coriolan“ im „Berliner Ensemble“. In Brechts Bearbeitung von Shakespeares Aristokratendrama geht es darum, daß einer, der sich unersetzlich fürs Volk hält, eben deshalb durchs Volk ersetzt wird.

          Wekwerth, wenigstens in seinen schriftlichen Aufzeichnungen ein Kulinariker des etwas feineren Verfremdungseffekts, merkt an, Schall habe „früher“ (also bei der Premiere) beim Satz „Ich mach's nicht, ich säble nicht die Wahrheit in mir nieder“ das Wort „säble“ zart betont in „komischer Dickköpfigkeit“, die nichts von Jähzorn gehabt habe, aber um so eindrucksvoller gewesen sei. Jetzt plötzlich breche der „liebe Ekke“ in geradezu heiseren Zorn aus, was der Szene „die Naivität“ nehme. Auch brauchten „solche Haltungen wie: ihm fällt die Kinnlade herunter, er ist sprachlos, er hört nicht recht“ durchaus unterschiedlichen sprachlichen Ausdruck. Schall aber schmelze alles und jedes in „einer großen Sprechweise ein“. Herzlich Dein Manfred.

          Da hatte man in ein paar Briefstellen den intriganten Unterschied zwischen zwei Brecht-Erben: Wekwerth, der etwas selbsternannte Regie-Erbe, der den Brecht von Fall zu Fall poliert, indem er ihn ehrfürchtig problematisiert - und Schall, der Familienerbe, der den Brecht auf jeden Fall im Sack hat, aus dem heraus er ihn groß ausstellt. V-Effekt gegen F-Effekt. Wekwerth lag der Verfremdungseffekt, Schall mehr der Familieneffekt am Herzen.

          Bewußtseinssteigernde Nebenrollen

          Der gedrungene, so intelligente wie macht- und karrierebewußte Schall, begabt mit einem nervös witternden, eleganten Proletarierschädel, gebürtiger Magdeburger, kam 1952 im Alter von zweiundzwanzig Jahren ans „Berliner Ensemble“. Dort stieg er schnell empor und bewährte sich höchst mimiklich als Jose in den „Gewehren der Frau Carrar“ von Brecht (mit Helene Weigel), spielte sich durch Strittmatters „Katzgraben“ und Bechers „Winterschlacht“: bewußtseinssteigernde Nebenrollen im kritischen Schaugewerbe. Bis er 1959 den Arturo Ui hinlegte, seine Brecht-Glanzrolle, in der er über fünfhundertmal auf der Bühne stand. Schall gab da den eiskalten Taktiker und Zerleger der Welt- und Wirtschaftsherrschaft auf der Basis des Karfiol-Trusts, der die Nazis meint, „atemraubend und vorbildlich“, wie der westliche Kritiker Henning Rischbieter damals befand: „Hitler wird, bloß mit den Mitteln der Kunst, vor den Augen der Zuschauer demontiert. Die Demagogie wird tranchiert und auf ihre Bestandteile zurückgeführt.“

          Später war Schall ein junger Oppenheimer in Kipphardts Atomwissenschaftler-Tragödie, der 1965 die „Widersprüche der Figur fast körperlich an sich riß, so daß ihn zuerst kaum jemand verstand“ (Wekwerth). So ließ der Schauspieler den amerikanischen Massenvernichtungswaffenerfinder und zugleich Massenvernichtungswaffenablehner, der aber „leider den Marxismus nicht genug studiert hatte“, zu einem Modellfall eines ideologisch Zerrissenen werden, der allein zusammengehalten wurde durch: Ekkehard Schall.

          Er war, was es bei Brecht gar nicht mehr geben sollte

          Er verkörperte und nahm ungeniert und herrisch auf sich, was auch in Brechts Theater zerfallen sollte in große, weltverändernde, scharfe Theorie und biedere, wacker schwitzende Konvention. So wurde Schall als Papst Urban im „Galilei“ oder als Puntila oder als Azdak das, was es in Brechts Theater eigentlich gar nicht mehr geben sollte: der Star, der Rampenheld, der kommunistische Schauspielkönig. Um den es nach dem Kommunismus naturgemäß still wurde.

          1993 etablierte sich in seinem Haus, dem „Berliner Ensemble“, ein unglückseliges Fünferbanden-Direktorium unter anderen mit Zadek und Heiner Müller. In Mitdirektors Palitzsch aufgekratzt trüber Eröffnungsinszenierung von Shakespeares „Pericles“ durfte Schall noch einmal auftreten: als schmieriger König Antiochus in kurzen Hosen, aber kritischer Haltung. Kein schöner Abgang. Dann wurde es stiller um den früh alt gewordenen Brecht-Hüter. Jetzt ist er im Alter von fünfundsiebzig Jahren in Buckow gestorben.

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