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Zum Tod von Claudio Abbado : Der scharfe Rundblick eines Leuchtturmwächters

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Claudio Abbado, 26. Juni 1933 bis 20. Januar 2014 Bild: dpa

Unter Claudio Abbados Dirigierhänden wurden neue Werke durchgesetzt, altbekannte zu aufregenden Offenbarungen. Im Alter von achtzig Jahren ist der geniale Neugiermusiker nun gestorben.

          Es gibt ein geradezu rührendes Foto aus dem Jahre 1958: Da sieht man den legendären Wiener Dirigier-Professor Hans Swarowsky im Kreise seiner Schüler. Und die beiden, die später unter ihnen die Berühmtesten werden sollten, stehen unmittelbar neben und über ihm: Zubin Mehta und Claudio Abbado. Beide haben spektakulär Karriere gemacht – auch dank Swarowskys Unterricht. Denn dieser Unterricht lehrte eben nicht nur Taktschlagen und Probenpraxis, sondern galt kompositorischer Einsicht: Swarowsky nannte das „die Wahrung der Gestalt“.

          Ausgerechnet im konservativen Wien wurden Abbado wie Mehta im Geiste der Schönberg-Schule geprägt. Sich von lähmendem Traditionalismus abzusetzen, blieb denn auch stets das Ziel Abbados, der 1933 in Mailand geboren wurde. Denn Musik hieß in Italien immer noch in erster Linie Oper zwischen Rossini und Puccini, also Brio, schöne Stimmen, pittoreskes Dekor auf der Basis oft fragwürdiger Editionen, vokale Willkür, orchestraler Schlendrian und Pappmaché-Rumsteh-Szenen.

          Abbado hat dafür gekämpft, dieses System von Grund auf zu verändern. Von den sechziger Jahren an hat er auch philologisch gearbeitet, Originalpartituren befragt und immer wieder neu analysiert, spätere Zutaten und Routine-Ablagerungen beseitigt, Neues propagiert, Altes neu belichtet – und die Oper vitalisiert. Die enormen Fortschritte des jungen Abbado, amerikanische Wettbewerbserfolge, das Scala-Debüt schon 1960, das erste Konzert mit den Wiener Philharmonikern 1965, regelmäßige Gastspiele bei den Berlinern seit 1966, belegten das furiose Talent, die virtuose Dirigiertechnik, das scharfe Ohr, das immense fotografische Gedächtnis des notorischen Auswendig-Dirigierers, aber auch die enthusiasmierende Ausstrahlung auf Musiker wie Publikum, die Dreifaltigkeit von Wissen, Können und Charisma.

          Die Mailänder Doppelstrategie

          Dabei hat er es sich nie bequem gemacht. Als Chefdirigent der Mailänder Scala verfolgte er eine Doppelstrategie: die Reinigung und Reaktivierung der Klassiker und die Innovation von Repertoire wie Aufführungsstil. Manche Rossini- und Verdi-Partituren, ob „Barbiere“, „Cenerentola“ oder „Macbeth“ und „Simon Boccanegra“ (übrigens ein erklärtes Lieblingsstück) hat er gründlich entstaubt. Verdis „Don Carlos“ im fünfaktigen französischen Original begriff und bot er als total neues Stück – und hat damit bis heute die Rezeptionsperspektiven geschärft.

          Vielseitig interessiert, gebildet und belesen, verstand sich Abbado nicht als „Nur-Musiker“, sondern sah auch gesellschaftliche Veränderungen: Die Scala als Kulinariker- und High-Society-Tempel war nicht nach seinem Geschmack. Und schon 1965 mit der Uraufführung von Giacomo Manzonis „Atomtod“ entpuppte er sich als Linksintellektueller. So hat er es in der Ära des großen alten Intendanten Paolo Grassi erfolgreich unternommen, Spielplan wie Publikum umzukrempeln.

          Seine jährliche Rückkehr ans Pult der Berliner Philharmoniker wird längst als Kultereignis gefeiert

          Der Euro-Kommunismus der sechziger und siebziger Jahre war in Italien keine geringe Kraft, und Abbado hat mit seinen Freunden Luigi Nono und Maurizio Pollini vor allem in Reggio Emilia dezidiert linke Musikpolitik („Musica Realtà“) betrieben, Arbeiter-Konzerte gegeben, ohne je in Partei-Dogmatismus zu verfallen. Die Mailänder Uraufführung von Nonos „Al gran sole“ war 1975 der Leuchtturm dieser Bewegung. Regie führte Juri Ljubimow, der unbequeme Leiter des Moskauer Taganka-Theaters, mit dem Abbado an der Scala auch einen spektakulären „Boris Godunow“ herausbrachte.

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