https://www.faz.net/-gqz-77a4m

Zum Tod Van Cliburns : Seine kühle Virtuosität riss die Hörer hin

  • -Aktualisiert am

Van Cliburn, 1934 bis 2013 Bild: AP/dpa

Als erster Amerikaner gewann er mitten im Kalten Krieg, den Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau. Das machte Van Cliburn zum Volkshelden. Doch seine folgende Karriere wurde von tragischen Diskrepanzen durchzogen.

          2 Min.

          Als der Kalte Krieg am heißesten tobte, verlegten die streitenden Großmächte aus Angst vor gegenseitiger atomarer Verseuchung ihre Gefechte auf weniger gefährliche Nebenschauplätze. Man kämpfte um olympische Gold- und Silbermedaillen, schickte Raumkapseln um die Erde, schoss den ersten „Mann im Mond“ zum Erdtrabanten - und entsandte einen jungen Klavierspieler aus dem fernen Amerika 1958 nach Moskau zum renommierten Tschaikowsky-Wettbewerb, den das Junggenie auch prompt gewann - nach vorsichtiger Anfrage der Jury beim obersten aller kommunistischen Reußen, ob die Entscheidung auch dem System genehm sei.

          Sie wurde genehmigt, in der Kunst darf auch ein scharfer Ideologe sich einmal weltläufig gerieren. Für den Pianisten Harvey Lavan Cliburn, kurz: Van Cliburn, bedeutete der Moskauer „Sieg“ den endgültigen Durchmarsch in die Weltkarriere. Den Heimkehrer empfing in New York eine Konfettiparade und sein Konzert in der Carnegie Hall mit Tschaikowskys b-Moll-Konzert und Rachmaninows „Drittem“ versetzte die New Yorker Kritiker in Begeisterungstaumel. Seine Tschaikowsky-Einspielung bescherte der Schallplattenfirma R.C.A. Victor eine Rekordeinnahme. Siebzehn große Orchester engagierten Van Cliburn spontan für fünfundvierzig Konzerte.

          Der große Auftritt 1958 in Moskau

          Schneller Erfolg wird für viele Künstler zur Gefahr. Van Cliburn entzog sich dieser Gefährdung nicht, sondern setzte statt auf Reduktion auf Expansion. In den frühen sechziger Jahren trat er mit Soloabenden auch in Deutschland auf, in Hamburg, München und Frankfurt. Seine kühle Virtuosität, die Egalité seines Anschlags, sein einschmeichelndes Ausspinnen melodischer Linien, sein Stretta-Furor rissen auch hier die Zuhörer hin. Aber hinter der glänzenden Fassade erkannten nicht nur Kritiker nicht unbeträchtliche Leerstellen, blinde Klang-Farbflecken, fehlende geistige Durchdringung des Werkes über den bloßen Notentext hinaus. Letzteres traf besonders auf Beethovens Sonatenwerk zu, aber auch Chopins Kunst des Voraushörens melodischer Geheimnisse rief bei Van Cliburns Recitals nur die Erinnerung an andere große Chopin-Interpreten wach - als der alte Alfred Cortot oft über Erinnerungslücken hinweg improvisierte, schwang doch immer noch Magisch-Rätselhaftes mit, ein feiner, gleichsam entmaterialisierter Klang, der beglückte.

          Das Klavier war sein einziger Dialogpartner

          Bei Van Cliburn, und das darf man ruhig als „tragisch“ bezeichnen, öffneten sich immer wieder Diskrepanzen zwischen seiner Vorliebe für das große romantische, auch klassische Repertoire und der interpretatorischen Erfüllung. Man kann Beethoven noch so perfekt spielen und verfehlt doch das Wesentliche: Beethoven. Van Cliburn war in erster Linie ein „Nur-Pianist“, das Klavier war der einzige Dialogpartner, nicht der Komponist. Bei Samuel Barbers es-Moll-Sonate op. 26 allerdings triumphierte er mit seinem klavieristischen Furor, auch im zweiten Konzert Mac Dowells, in Rachmaninow-Konzerten, in Tschaikowskys b-Moll Konzert konnte er seine pianistischen Fertigkeiten glänzend zur Darstellung bringen.

          Van Cliburn, am 12. Juli 1934 Shreveport/Louisiana geboren, verbarg hinter seiner technischen Souveränität und der äußeren Schlaksigkeit seiner hohen Gestalt auch eine stille Sensibilität, die stets auch Gefährdung bedeutet. Ende der siebziger Jahre unterbrach er für ein Jahrzehnt seine Karriere - immer ein Zeichen der physischen und psychischen Erschöpfung. Später trat er in unregelmäßigen Abständen in Galas oder Wohltätigkeitskonzerten wieder auf, auch bei seinem eigenen Wettbewerbsfestival in Fort Worth. Jetzt ist Van Cliburn im Alter von 78 Jahren in Fort Worth einem Krebsleiden erlegen.

          Weitere Themen

          Tortenkunst mal anders Video-Seite öffnen

          „The Bakeking“ : Tortenkunst mal anders

          Eine Schimpansentorte in Lebensgröße - das ist die neue Kreation von Ben Cullen, der als „The Bakeking“ mit seinen Backkreationen begeistert. Auf der „Cake International“ trifft er die besten Tortenkünstler der Welt.

          Topmeldungen

          Angefasst und ausprobiert : Das kann das Motorola Razr

          Wer das neue Motorola Razr in die Hand bekommt, reißt erst einmal die Klappe auf und sucht wie bei anderen faltbaren Smartphones die Falte in der Mitte. Wir haben aber auch noch anderes ausprobiert.

          Buttigieg in Iowa vorn : Suche nach der Mitte

          Pete Buttigieg liegt in den Umfragen zur demokratischen Vorwahl in Iowa erstmals vorn. Ist er der Hoffnungsträger für die Zentristen oder nur der Aufreger des Monats? In jedem Fall verfügt er über ein gut gefülltes Konto.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.