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Zum Tod John Taveners : Am Ende misstraute er allen Religionen

  • -Aktualisiert am

John Tavener (1944 - 2013) Bild: Camera Press / Picture Press

Sir John Tavener hielt Abstand zur Avantgarde. Seine Musik umspielt das Thema der Sakralität. Nun ist der englische Komponist im Alter von neunundsechzig Jahren gestorben.

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          Spricht man von den großen Musiknationen, denkt man an Italien, Frankreich, Deutschland-Österreich oder Russland. Komponisten dieser Länder dominieren im Konzert- wie Opernrepertoire, der Sphäre der Klassiker-Hochkultur. Andere Staaten mögen reiche Folklore-Traditionen, prestigeträchtige Aufführungs-- und Ausbildungsinstitutionen, eine vitale Popularmusik besitzen – als Heimstätten des kompositorischen Weltgeistes gelten sie nicht. Entsprechend firmierte England lange als „musiklose“ Nation – was natürlich Unsinn ist. Denn nicht nur in Renaissance und Barock gab es durchaus stilbildende Komponisten, zumal den „Orpheus Britannicus“ Henry Purcell und seine Nachfahren Elgar und Britten. Und ohne die Beatles, Pink Floyd, die Rolling Stones wäre die Rock-Kultur nie so glorios expandiert.

          Gleichwohl gilt Großbritannien nach wie vor als Staat, in dem Tradition eine erhebliche Rolle spielt und Kontinuitäten über Jahrhunderte hinweg gewahrt werden. „Continental people“ mag derlei bisweilen bizarr vorkommen, doch solche Epochen-Überbindungen gibt es tatsächlich, der pure orthographische Zufall bringt sie an den Tag: Rein phonetisch lassen sich die englischen Komponisten John Taverner und John Tavener kaum unterscheiden.

          Komponist und Ketzer?

          Dabei war Ersterer (1490 bis 1545) eine zentrale Figur der Renaissance-Musik, während Letzterer erst vorgestern gestorben ist. Ein halbes Jahrtausend also liegt zwischen ihnen, größer könnten die Kontraste nicht sein. Doch der Schein trügt auch hier: Taverner wie Tavener haben beide in erster Linie geistliche Vokalmusik geschrieben, darin genuin britische Traditionen befestigt und fortgeschrieben. Und sie waren gleichermaßen kirchliche Grenzgänger. Taverner, obwohl katholisch, wurde der Ketzerei bezichtigt, stand dann dem von Rom abtrünnigen Henry VIII. nahe, assistierte sogar bei der Auflösung der Klöster. Der englische Komponist Sir Peter Maxwell Davies hat Taverner eine Oper gewidmet (Covent Garden 1972), die den Meister der Renaissance sogar den Flammentod erleiden lässt.

          John Tavener, geboren 1944 in London, kam aus presbyterianischem Umfeld, wandte sich dann aber der orthodoxen Kirche zu, deren Religiosität ihm, wohl im Sinne des „ex oriente lux“, umfassender, kosmischer, tiefer vorkam. Parallelen zu Arvo Pärt sind nicht zufällig. Zur westlichen Musik, erst recht zur Avantgarde hielt Tavener Abstand, fand allerdings in späteren Jahren Zugang zu Victoria, Bruckner, Strawinsky und – man staune – Stockhausen, dessen parareligiöse Explorationen ihn berührten.

          Sein Faible für vokale Sakralität hielt ihn auch offen für populärere Idiome: Weltweit bekannt wurde Tavener mit dem „Song for Athene“, der beim Begräbnis von „Lady Di“ ertönte. Die Vorliebe für geistliche Sujets und emotional hoch zielende Situationen ließ ihn sich auch der Filmmusik zuwenden: Für „Children of Men“, Alfonso Cuaróns düstere Horror-Apokalypse um die aussterbende Menschheit (Venedig 2006), komponierte er den entsprechenden Soundtrack: Endzeit-Ausweglosigkeit, aber mit zartem Hoffnungsschimmer.

          Auch der orthodoxen Kirche fühlte er sich schließlich nicht mehr verbunden, es zog ihn zu Buddhismus und Islam. Die neunundneunzig Namen für Allah vertonte er auf Arabisch. Am Schluss äußerte er lakonisch-drastisch generelle Skepsis gegenüber aller Religion. Am 12. November ist Sir John Tavener im Alter von neunundsechzig Jahren in Child Okeford gestorben.

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