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Zum Tod Harold Pinters : Poet der Ungewissheit

Harold Pinter, 1930-2008 Bild: AP

Seine Rechthaberei war legendär, wobei man sie als den Versuch charakterisieren könnte, den Zweifeln und Unsicherheiten der menschlichen Existenz eine Antwort abzupressen. Zum Tod des britischen Dramatikers Harold Pinter.

          5 Min.

          Als Harold Pinter vor nicht allzu langer Zeit verkündete, dass er keine Stücke mehr schreiben werde, wollte ihm kaum jemand glauben. Man hielt die Aussage für Koketterie und machte sich über seine Eitelkeit lustig, schließlich hatte es schon früher Perioden gegeben, in denen er große Mühe hatte, fürs Theater zu schreiben. Aber die Skeptiker müssen jetzt Abbitte leisten. Pinter hat Wort gehalten, womöglich weil er immer schon überaus rechthaberisch war. Und das nicht nur in politischen Fragen, sondern auch auf dem Tennisplatz und dem Cricket-Feld, wo er, wie seine Spielpartner bezeugen, stets mit äußerster Verbissenheit auftrat. Er, der ein großer Poet der Ungewissheit war und als einzige Gewissheit den Tod anerkannte, hat jetzt sozusagen mit der Nachricht von seinem Ableben zum letzten Mal recht behalten.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Im Grunde war seine ganze Rechthaberei ein Versuch, den Zweifeln und Unsicherheiten der menschlichen Existenz eine Antwort abzupressen. Dieser Zweifel sitzt im Kern aller seiner Stücke. Er lag auch seinem stacheligen Wesen zugrunde. Oft schaue er in den Spiegel, hat Pinter einmal gesagt, und frage: „Wer zum Teufel ist das?“ Seine Figuren wissen nicht, wer sie sind, woher sie kommen und wohin sie gehen könnten. Sie sitzen vereinsamt in geschlossenen Räumen, geben Rätselhaftes von sich, sind von Ahnungen und Ängsten geplagt und hausen in einer Atmosphäre, in der die Grenzen zwischen banaler Alltäglichkeit und albtraumhaftem Schrecken verschwommen sind – so warten sie auf ein Unheil, das jeden Augenblick hereinbrechen kann.

          Kindheit im Schatten Hitlers

          Dieses Unheil erfüllt sich immer. Sei es, dass einer der Herr ist und die anderen sich untertan macht, sei es, dass Fremde überraschend hereindringen und alles durcheinanderbringen: Machtkämpfe, die in allen Pinter-Dramen unter der Oberfläche brodeln. Alle Konversation ist bei Pinter immer Gefecht, jedes Wort eine Waffe. Es geht um Spannungen in den menschlichen Beziehungen, um Misstrauen und unbekannte Bedrohungen, um trügerische Erinnerungen an „alte Zeiten“ und ewig unerfüllte Sehnsüchte, um Wahrheit und Lüge, um Eroberung und Unterdrückung.

          Pinter 1973 in New York
          Pinter 1973 in New York : Bild: AP

          Seine von Beckett und Kafka geprägte und dennoch ureigene Stimme hat Pinter schon in seinem ersten Stück, „The Room“ gefunden, das er 1957 als siebenundzwanzigjähriger Schauspieler in einer wandernden Truppe in vier Tagen schrieb. Motive, die in seinen berühmteren Werken wie „Die Geburtstagsfeier“, „Der Hausmeister“, „Die Heimkehr“ und „Betrogen“ oder auch in den offenkundig politischen Dramen der späteren Jahre wie „Noch einen Letzten“ und „Bergsprache“ bis hin zur „Party Time“ immer wiederkehren, sind in Pinters Debüt-Stück bereits vorhanden: die unklare Identität, die beunruhigende Verflechtung von Phantasie und Wirklichkeit, eine absurde Komik und eine unterschwellige Gewalt, der beziehungslose Dialog von Menschen, die sich auseinandergelebt haben – und dann der Fremde, der Eindringling.

          Die existentiellen Ängste, die Pinters Werk von Anfang an kennzeichnen, kann man auf dessen eigene Erfahrungen als Sproß jüdischer Einwanderer im Londoner East End zurückführen, auf eine Kindheit im Schatten Hitlers. Später, in den unmittelbaren Nachkriegsjahren, bekam er es auch mit den faschistischen Rowdies zu tun, die dort ihr Unwesen trieben. Die bösen Überraschungen und bedrohlichen Gestalten, die wie aus dem Nichts die Szene betreten, empfinde er keineswegs als surrealistisch oder seltsam, bemerkte Pinter 1960 und verwies auf das fremde Klopfen an der Tür, das im Europa der letzten zwanzig Jahre allzu vertraut gewesen sei. Der Zorn, der Pessimismus und die Entfremdung, die sein ganzes Œuvre durchziehen, angefangen mit der frühen Lyrik bis hin zu den affektgeladenen Tiraden gegen den „amerikanischen Imperialismus“, wurzeln in seiner Wahrnehmung der eigenen Herkunft und der daraus abgeleiteten Identifikation mit dem Schicksal der Opfer von Terror und Unterdrückung.

          Untrügliches Ohr für Schnitzer

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