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Zum Tod Hans Werner Henzes : Er suchte die Schönheit und den Glanz der Wahrheit

Marino, im Jahr 2001: Hans Werner Henze in seinem Haus in den Albaner Bergen Bild: Barbara Klemm

Ein unangepasster Einzelgänger, ein scheuer, bockig-schillernder Regent in seinem eigenen Reich: Hans Werner Henze isolierte sich vom Rest der Avantgarde, weil er nie aufgegeben hat, um das allgemein Verständliche zu ringen.

          Erst wurde der Genosse Komponist elegant aufgespießt in seinem gesellschaftlichen Widerspruch, dann für bessere Zeiten vereinnahmt. Damals, in der heroischen Zeit. Es war im Dezember 1968, da mischte sich Rudolf Augstein ein in die Debatte, kurz nachdem Hans Werner Henzes Oratorium „Das Floss der Medusa“ in Tumulten untergegangen war. Es sei, schreibt er, einem solchen Künstler unbenommen, einerseits sich einzubilden, für „die Weltrevolution zu agieren“, andererseits weiterhin „eingängige, das Gemüt streichelnde, keineswegs avantgardistische“ Stücke zu schreiben, die auch ein „pelzbesetztes Bürgertum“ reibungslos konsumieren könne.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Und Rudi Dutschke, der zu diesem Zeitpunkt auf dem Henzeschen Landsitz bei Rom die Folgen seiner Attentatsverletzung auskurierte, dröhnt zurück: Jawohl, Henze sei ein „Musiker des neuen Anfangs“, seiner Zeit weit voraus. Und, „ja, Henze spricht tatsächlich von der Notwendigkeit der Weltrevolution“, denn die stehe jetzt oder vielmehr bald auf der Tagesordnung, schon „kracht es an allen Ecken und Enden“.

          Die Schubladen klemmen

          Im Rückblick hat diese Kontroverse aus Kiesingerdeutschland etwas Rührendes. Wie konnte man sich so irren! Dutschke täuschte sich in der Zukunft, Augstein täuschte sich in Henze. Nur Henze, der war sich selbst und seiner Musik treu. Er ist darin stets der nämliche geblieben: Henze schrieb sein Leben lang Henze-Musik, in all ihrer produktiven Polyvalenz.

          Hans Werner Henze 1926 - 2012 Bilderstrecke

          Man hat später oft versucht, den enorm vielgestaltigen Schaffensreichtum dieses erfolgreichsten deutschen Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts zu sortieren, auch chronologisch: Erst ist da der Wirtschaftswunder-Henze, gesegnet mit vielen gutdotierten Auftragswerken, mit einem neoklassisch orientierten Concerto-Grosso-Stil, mit prächtigen Balletten, lyrischen Opern. Dann die Wandlung zum homo politicus, der auf die richtige Seite der Geschichte hinüberwechselt und fortan Agitprop-Musik komponiert. Schließlich der Gereifte, Geläuterte, der das Leben genießt und seine Meisterschaft auslebt, das Avancierte mit dem Einfachen auf höherer Ebene neu versöhnend. All das geht aber nicht so recht auf, die Schubladen klemmen.

          Steckt nicht schon in Henzes frühen Werken, zum Beispiel in der zwölftönigen Walt-Whitman-Kantate „Whispers from heavenly death“ aus dem Jahr 1948, eine oppositionelle Grundbefindlichkeit? Sind nicht schon die Figuren in der „Elegie für junge Liebende“ (1959) konturenscharf geschnitten, wie Abziehbilder einer falschen Welt? Und weder mit Blick auf den sardonischen Witz der „Englischen Katze“ noch auf das Pathos der gewaltigen Neunten (den „Helden und Märtyrern des deutschen Antifaschismus“ gewidmet) ließe sich im Ernst behaupten, Hans Werner Henze hätte eines Tages zu einfachsten Formen „zurück“ gefunden oder sich sonstwie korrigiert. Umgekehrt sind viele seiner aus dem kurzen Flirt mit der Studentenbewegung hervorgegangenen Stücke äußerst komplex konstruiert und avantgardistisch.

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