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Zum Tod von Werner Düggelin : Der beste aller Zuhörer

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Wusste ein Geheimnis zwar nicht unterm Siegel der Verschwiegenheit, aber unterm Siegel eines Wunders zu bewahren: Werner Düggelin Bild: Picture-Alliance

Traumfänger und Beichtvater: Er zauberte seinen Figuren Gegenwelten, die sie sich selbst kaum vorzustellen trauten. Nun ist der Schweizer Theaterregisseur Werner Düggelin im Alter von neunzig Jahren gestorben.

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          Seine schönste, bis in alle Erinnerungszeiten unvergessliche szenische Erfindung benötigte nicht mehr als einen Tisch, zwei Stühle, ein Schachbrett, zwei Menschen. Ein älterer Mann und eine junge Frau. Er der Herr, sie das Dienstmädchen. Sie setzt ihn in zwei Zügen schachmatt, das eigentlich eine Schachtollheit ist. Denn die Partie zwischen den beiden, bei der sie sich keinen Moment aus den Augen lassen, ist auch ein völlig verrücktes Spiel mit der Liebe, ist ein wie nebenbei in die Luft hinein gesehnsüchteltes Sichverschlingen und Liebkosen allein mit Blicken. Die erotischste Schachpartie, womöglich die erotischste Szene überhaupt, die man auf dem Theater je sehen konnte. Sowohl in ihrer herrlichen Beiläufigkeit wie in ihrer komisch flirrenden Selbstverständlichkeit. Und es war, wenn man sich Musik dazu vorstellen hätte wollen (es gab keine, aber ich habe sie trotzdem gehört), als hätte Debussy die frei schäumenden Sechzehntel-Triolen seiner „L’isle joyeuse“ extra für diese Szene komponiert.

          Dafür brauchte der Regisseur keinen Zeichen-Apparat, keine Einfallspinselei. Er hatte den Figuren einfach nur gut zugehört und ihnen exakt das entlockt, was sie niemandem erzählt haben würden – außer ihm. Ein Regie-Beichtvater von Gnaden. Der ein Geheimnis zwar nicht unterm Siegel der Verschwiegenheit, aber unterm Siegel eines Wunders zu bewahren wusste.

          Ein Türöffner zu Hoffnungsparadiesen

          So hat Werner Düggelin 2001 im Schauspielhaus Zürich Strindbergs „Unwetter“ in die träumerischste Szene gesetzt. An dem Ort, an dem der in Siebnen geborene Schwyzer nach einem abgebrochenen Germanistikstudium als sehr eigenwilliger, sozusagen schon mit den Spotlights heimlich Regie führender Beleuchter einst angefangen hatte und von dem er, mutmachend verscheucht vom Regisseur Leopold Lindtberg, auszog nach Paris. Dort lernte er bei Roger Blin sein Regiehandwerk, fand sich leichterhand ein in die spielerischen Welten der Beckett, Ionesco und Adamov, tauchte in den frühen sechziger Jahren am Staatstheater Darmstadt auf, wo er seine Bude mit einem Bett aus einer „Hamlet“-Inszenierung möblierte: Der „Dügg“ schien halt seinen Figuren immer so nahe, als wollte er sie im Traum fangen, aber im Wachsein erst belauschen. So wurde er zu einem der ganz Großen im Revier der europäischen Feinheitstheaterkünstler. Und so zauberte er seinen Figuren Gegenwelten vor Hirn, Herz, Seele und Augen, die sie sich selbst wohl kaum vorzustellen trauten.

          Die Hölle in Sartres „Geschlossener Gesellschaft“ (Zürich, 1999) nicht als ewiges Verdammtsein zueinander, sondern als ewiges Theater (eben auch eine Strafe!); die glückstraurigen Liebenden im „Menschenfeind“ von Molière als Bettler vor dem Höllentor der Aufklärung, durch das hindurch sie sich selbst aus ihren Paradiesen verjagen. In die hinein Düggelin sie sich dann alle wieder sehnen ließ. Ob bei Claudel, bei Hürlimann, bei Wilde oder der noch ganz jungen Laura de Weck – Düggelin, glanzvoll begabt mit französischer clarté, Schweizer Geduld und genialem Gehör, blieb allen Figuren ein Türöffner zu solchen Hoffnungsparadiesen. Durch seine Türen gingen sie immer anders hinaus, als sie hereingekommen waren. Jetzt ist Werner Düggelin im Alter von neunzig Jahren in Basel gestorben.

           

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