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Zum Tod von Nikolai Kapustin : Graziler Jazz, aus Russland

Nikolai Kapustin (1937 bis 2020) Bild: Foto Schott Music/Peter Andersen

Der Pianist und Komponist Nikolai Kapustin war ein Pionier der russischen Jazz-Szene, der spät zu internationalem Ruhm gelangte. Jetzt ist er mit 82 Jahren in Moskau gestorben.

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          Witz, Attacke und Tempo hat die Toccatina G-Dur op. 36 für Klavier, die Nikolai Kapustin 1983 in Moskau schrieb. In gutgelaunten Synkopen tatzt die rechte Hand ein akkordisches Thema hin, das melodisch ein wenig an den von Christian Bruhn komponierten Werbespot eines deutschen Anbieters von Bausparverträgen erinnert. Darunter rüttelt und schüttelt die linke Hand ihre Achtelketten durch wie ein glücklicher Hund sein Spielzeug beim Toben. Allerdings sind diese Achtelketten alles andere als simpel, sondern ein ausgefeilter Basso continuo, wie in einem rasenden Bach-Präludium, nur durch Akzente anders rhythmisiert. Und obwohl das funktionsharmonische Schema so stabil ist wie die Periodik, stößt die rechte Hand mehr und mehr in polytonale Alterationsakkorde vor – das alles in einem bestechend klaren, geradezu grazilen Klaviersatz, der einen aufgeräumten Denker mit Sinn für Pointen verrät – bester Jazz, der den Vergleich mit Chick Corea nicht scheuen muss.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Nikolai Kapustin, am 22.November 1937 im ukrainischen Horliwka geboren, war lebenslang zu bescheiden, um sich einen Jazz-Musiker zu nennen, weil er die Improvisation als zentral dafür ansah. Kapustin aber war ein Komponist, der jedes Detail ausnotierte. Pianistisch hatte er die beste Schule genossen bei Awreljan Rubach, einem Schüler des exzellenten Felix Blumenfeld, 1956 kam er zu Alexander Goldenweiser, einem Schüler Anton Arenskys und Freund Sergej Rachmaninows.

          Schon Rubach hatte Kapustin 1945 ermuntert, seine Interessen für den Jazz weiter zu verfolgen, obwohl er damit in Stalins Reich nicht auf Unterstützung hoffen durfte. Doch in der Tauwetterperiode konnte Kapustin als Pianist in den Bigbands von Juri Saulski und danach bei Oleg Lundstrem zu einem Pionier des sowjetischen Jazz werden. Auf Youtube findet man einen Film aus dem Jahr 1964: Kapustin, mit Brille und Anzug wie ein etwas robusterer Bill Evans, spielt mit Lundstrems Band seine Toccata op.8, ein Stück voll vibrierender Lebensgier, gezähmt durch Eleganz. Sein zweites Klavierkonzert, das in den siebziger Jahren die Besetzung eines Symphonieorchesters mit einer Bigband verschmolz, enthält als Mittelsatz eine hinreißende Bossa-Nova-Romanze.

          Kapustin war jahrzehntelang international weitgehend unbekannt. Mit Jazz aus der Sowjetunion, in Fortsetzung der von Teddy Wilson und Fats Waller begründeten rhythmusbetonten Tradition, rechnete einfach niemand. Kapustin war ein singulärer Post-Avantgardist, der aus Atonalität und Serialismus nicht den Weg in den Minimalismus oder Neo-Folklorismus einschlug; der nicht als Märtyrer, Dissident oder Prophet posierte und deshalb unterm Radar westlicher Aufmerksamkeit blieb.

          Erst mit der Jahrtausendwende änderte sich die Lage. Der britische Pianist Steven Osborne entdeckte Kapustins hochintelligente und vitale Musik für sich, weitere namhafte Pianisten folgten: Marc-André Hamelin, Nikolai Tokarew, Yuja Wang. Auch der Cellist Eckart Runge begeisterte sich für die Musik Kapustins, die inzwischen mit Erfolg bei Schott in Mainz verlegt wird. Wie die Familie am Wochenende auf der Facebook-Seite des Komponisten mitteilte, ist Nikolai Girschewitsch Kapustin am Donnerstag nach langer Krankheit gestorben. Er wurde 82 Jahre alt.

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