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Lee Konitz 2013 in San Sebastián Bild: dpa

Nachruf auf Lee Konitz : Cool, so cool, icebox-cool

  • -Aktualisiert am

Den Cool Jazz hat er nicht erfunden, aber kaum einer hat so formvollendet in diesem gelassen intonierten Stil gespielt: Zum Tod des großen Altsaxophonisten Lee Konitz.

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          Geschätzt wurde er von allen. Dass er auch von allen verstanden wurde, wird man nicht behaupten können. Dafür war Lee Konitz harmonisch immer zu weit von den Grundtönen eines Akkords entfernt und in seiner ganzen künstlerischen Auffassung viel zu avanciert, als dass man seine Musik mit dem schmückenden Beiwort „zugänglich“ hätte versehen können. Was der ehrlich ratlose Les Davis in seinen Liner Notes zu der Aufnahme „Subconscious-Lee“ von 1949 mit dem Pianisten Lennie Tristano, dem Tenorsaxophonisten Warne Marsh und dem Gitarristen Billy Bauer geschrieben hat – eine der ganz großen Aufnahmen in der hundertzwanzigjährigen Geschichte des Jazz –, trifft die Haltung so mancher Hörer dieser Klänge. Er fühle sich wie ein verstörter Medizinstudent, der erstmals das Diagramm eines Nervensystems zu sehen bekomme. Deshalb auch sein Ratschlag, gar nicht erst zu versuchen, die Impulse aus den Nervenbahnen solcher Jazzmusiker verfolgen zu wollen. Nur zuhören und staunen.

          Das Raffinement seines Spiels auf dem Altsaxophon war es aber zugleich, was Lee Konitz die Hochachtung seiner Zunft einbrachte. Berühmt geworden ist jener Satz von Miles Davis, mit dem er rechtfertigte, warum er für seine legendären Aufnahmen unter dem stilprägenden Titel „Birth of the Cool“ von 1949 im New Yorker Royal Roost gerade Lee Konitz engagierte, wo doch so viele schwarze Musikerkollegen in diesen schweren Nachkriegszeiten arbeitslos waren: „Es ist mir egal, ob ein Musiker schwarz, weiß oder grün ist und Feuer spuckt. Solange er so gut ist wie Lee Konitz, spielt er in meiner Band.“

          Metronomische Präzision

          Musikalisch Feuer gespuckt hat Lee Konitz freilich nie. Das war eher Charlie Parker, der sein Altsaxophon nicht spielte, sondern damit schrie oder brüllte und ganze Eimer glitzernder Töne auf die Straße kippte, um aus der Sackgasse des glatt polierten Bigband-Sounds zu finden. Mit seinem ekstatischen Bebop hat Parker im Grunde alle Altsaxophonisten des Jazz nach ihm beeinflusst. Nur einen nicht: Lee Konitz blieb immer cool, so cool, icebox-cool. Sein feiner Ton mit wenigen Obertönen, praktisch keinem Vibrato und ohne die rhythmischen Gegenakzente des Bebop, mit seiner gleichsam metronomischen Präzision und einem diskreten Gespür für Swing hat großen Einfluss auf Jazzsaxophonisten der amerikanischen Westküste wie Art Pepper, Bud Shank oder auch Paul Desmond ausgeübt.

          Den Cool Jazz hat Lee Konitz zwar nicht erfunden, aber kaum einer hat so formvollendet in diesem gelassen intonierten, linear sich entwickelnden und den Ausdruck ganz in den harmonischen Verlauf und den lyrischen Tonfall legenden Stil gespielt. Damit hat er nach dem Zweiten Weltkrieg, als man vor allem in Deutschland die Jazzentwicklung Amerikas nachholte, ebenfalls enorm stimulierend gewirkt. Für die Frankfurter Schule des Jazz um den Posaunisten Albert Mangelsdorff, den Tenorsaxophonisten Heinz Sauer und deren Nachfolger war Lee Konitz so etwas wie das ästhetische Über-Ich. Mit Mangelsdorff und dem Gitarristen Attila Zoller hat Konitz 1968 auch eine ungemein inspirierende Trio-Aufnahme unter dem Titel Zo-Ko-Ma eingespielt.

          Lee Konitz, aus einer jüdischen Familie mit österreichisch-russischem Hintergrund in Chicago geboren, gehörte schon mit achtzehn Jahren als klassisch ausgebildeter Klarinettist zum Tristano-Kreis, spielte in den Bigbands von Claude Thornhill und Stan Kenton und hat seit den fünfziger Jahren eine wahre musikalische Enzyklopädie auf Tonträgern eingespielt, von denen viele zu Meilensteinen der Jazzgeschichte geworden sind, etwa Produktionen mit Bill Evans, Joe Henderson, Jimmy Giuffre, Paul Bley, Dave Brubeck, Gil Evans, Martial Solal und auch vielen deutschen Musikern. Eine seiner inspirierendsten Aufnahmen – „Live at Birdland“ – hat er 2009 mit dem Pianisten Brad Mehldau, dem Bassisten Charlie Haden und dem Schlagzeuger Paul Motian herausgebracht. Seit den sechziger Jahren hat er lange in Europa gelebt und gearbeitet, Workshops gegeben, etwa vor einigen Jahren noch bei Enjoy Jazz in Mannheim. Seit 1997 lebte er mit seiner deutschen Frau abwechselnd in Köln und New York, wo er vorgestern im Alter von zweiundneunzig Jahren gestorben ist.

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