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Begabung kennt kein Alter: Oliver Knussen im Alter von fünfzehn Jahren am Flügel Bild: Getty

Zum Tod von Oliver Knussen : Er lehrte die wilden Kerle das Singen

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Seine erste Sinfonie schrieb er mit Fünfzehn – und dirigierte sie gleich mit dem London Symphony Orchestra. Jetzt ist der englische Komponist und Dirigent Oliver Knussen gestorben.

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          In Großbritannien gehen die musikalischen Uhren bekanntlich anders als auf dem Kontinent. Während die Musik in Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg einen avantgardistischen Schub erhielt, dominierte auf der Insel unangefochten die traditionsorientierte Moderne eines Benjamin Britten. Dann kamen die wilden sechziger Jahre, und mit Peter Maxwell Davies und Harrison Birtwistle trat eine neue Komponistengeneration auf den Plan, die sich gegen Brittens moderate Ästhetik auflehnte. Doch bei der zweiten Generation nach Britten sah es schon wieder anders aus.

          Als Oliver Knussen, prominentester Angehöriger dieser Generation, vor vier Jahren zum Kompositionsprofessor an der Royal Academy of Music ernannt wurde, gab er in einem Interview Auskunft über seine Orientierungspunkte im Unterricht. Er nannte an erster Stelle nicht etwa die inzwischen weitherum approbierten Errungenschaften der Nachkriegsmoderne, sondern als Beispiele die Cello Symphony von Benjamin Britten und das wenig bekannte Orchesterwerk „Der nächtliche Wanderer“ des Niederländers Reinbert de Leeuw. Knussen bekannte sich zu einem uneingeschränkten Stilpluralismus. Als Kompositionslehrer wollte er den Studierenden nicht eine bestimmte Richtung vorgeben, sondern sie auf ihrem eigenen Weg beratend begleiten.

          Dieselbe liberale, durch und durch englische Geisteshaltung zeigte sich auch in Knussens eigenem Schaffen. Seine Kompositionen sind Ausdruck eines unabhängigen Geistes, brillant in der Machart und persönlich im Tonfall. Zu ihren Kennzeichen gehören Farbenreichtum, ein üppiger, lebendig bewegter Orchesterklang und eine bisweilen surreale Poesie. Manches verströmt eine geradezu debussyhafte Klangsinnlichkeit. Geschrieben ist das nicht für Gleichgesinnte und Spezialisten, sondern für das allgemeine Publikum.

          Knussens Handschrift zeigte sich erstmals voll ausgebildet 1971 in seiner Zweiten Sinfonie über Texte von Georg Trakl und Sylvia Plath mit den irisierenden Orchesterklängen und den lyrischen Soprankantilenen. Zum weltweiten Erfolgshit wurden seine beiden Kurzopern „Higglety Pigglety Pop!“ und „Where the Wild Things Are“ (Wo die wilden Kerle wohnen). Die Libretti basieren auf den Kinderbüchern von Maurice Sendak.

          Oliver Knussen wurde 1952 in Glasgow geboren und wuchs in London auf. Mit sechs Jahren begann er zu komponieren, mit fünfzehn schrieb er seine erste Sinfonie und dirigierte sie gleich mit dem London Symphony Orchestra. Sein Vater, Solokontrabassist im Orchester, hatte dem Hochbegabten die Türen geöffnet. Er stellte den Jungen auch Benjamin Britten vor, der fortan seine Hand über ihn hielt.

          Als Komponist, Dirigent, Lehrer und Berater von Orchestern und Institutionen wurde Knussen zu einer führenden Figur im britischen Musikleben, er brachte unzählige Werke zur Uraufführung und öffnete dem Nachwuchs Türen, wo es nur ging. Seit längerem schon wohnte er in Snape, dem Hauptkonzertort des Aldeburgh Festivals. Noch beim diesjährigen Festival stand er im Juni zweimal am Dirigentenpult. Mit seiner massigen Gestalt konnte er sich kaum noch selbständig bewegen, der Gang zum Dirigentenpult war für ihn eine Mühsal. Am 8. Juli ist Oliver Knussen im Alter von 66 Jahren gestorben.

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