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Zum Tod von Edward Albee : Er nahm den amerikanischen Traum beim Wort

  • -Aktualisiert am

So reizbar und scharfzüngig wie die Figuren seiner Dramen durchleuchtete er das Bewusstsein seiner Zeit, unerbittlich, aber mit Humor: Edward Albee. Bild: Reuters

Mit „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ hat er sich seinen Platz im Theater-Olymp gesichert. Er war Amerikas Beckett und meinte, er sei doch ein Optimist: Zum Tod des Dramatikers Edward Albee.

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          Auf der Couch lag bei ihm Amerika oder, wie er die Patientin lieber nannte, die amerikanische Szene. Sie konnte sich in all seinen unbequemen Untersuchungen nie lange ihre offizielle Hochglanzfasson bewahren. Für die pfirsichfarbene Fiktion seines Landes und seiner Gesellschaft hatte Edward Albee nur Verwendung, wenn er sie unter dramatisch minutiös ausgefeilten, leidenschaftlich formulierten und gern ins Absurde getriebenen Attacken zum Einstürzen bringen konnte. Nach mehr als zwei Dutzend Dramen und einer sich über sechs Jahrzehnte erstreckenden Theaterarbeit zog er selbst das Resümee, immer wieder den Ersatz echter Werte durch künstliche angeprangert und Selbstzufriedenheit und Grausamkeit und Unfruchtbarkeit und Stumpfsinn seiner Umgebung verurteilt zu haben. Dafür warf sich ihm zumindest zeitweise nicht nur Amerika, sondern die gesamte Theaterwelt zu Füßen.

          Die Welt aber ließ sich von Albees düsterem Amerika berücken, weil er weder trockene, aktuell verengte Ideendramen noch politische Pamphlete in Bühnenform lieferte. Dabei startete er seine Karriere fern der Heimat. Die „Zoogeschichte“, wenn auch eher durch Zufall 1959 an Boleslaw Barlogs Berliner Schiller-Theater uraufgeführt, war sozusagen ein Debüt unter der Schirmherrschaft des existentiellen und absurden Dramas. Samuel Becketts Schatten fiel damals bedeutungsschwanger auf Peter, den Kulturschaffenden, der sich im Central Park ein fatales Zusammentreffen mit dem verstörten Streuner Jerry einhandelt. Wie sich da unter der Oberfläche einer scheinbar soliden Mittelklasse-Existenz Abgründe des Zorns und der Verzweiflung auftun und der Alltag mit elementarer Gewalt, aber doch auch urkomischen Zwischentönen entgleist, diese Technik wird Albee durch sein gesamtes Werk weiterverfolgen.

          Ein einziges Stück sorgt für fortgesetzten Nachruhm

          Obwohl umgehend zum amerikanischen Beckett ernannt, hielt er auch mit seinen beiden nächsten Stücken „Der Tod von Bessie Smith“ und „Der amerikanische Traum“ Berlin die Treue. Albee, 1928 in Washington geboren, lebte damals schon in New York, wohin er vor den Respektabilitätswünschen der Eltern geflüchtet war. In der Bohème von Greenwich Village hatte er sich auf die Suche nach seiner künstlerischen Stimme begeben, die er seit der Schulzeit im literarischen und schließlich dramatischen Fach zu hören meinte. Seine Adoptiveltern, Besitzer einer Kette von Vaudeville-Theatern und Garanten einer luxuriösen Kindheit in einem noblen Vorort von New York, vermochten sich aber darüber wie auch über seine Eskapaden in den teuersten Privatschulen der Ostküste nur wenig zu begeistern. Nachdem in New York die magere Erbschaft der Großmutter aufgebraucht war, musste er sich deshalb als Schallplattenverkäufer und Telegrammbote über Wasser halten.

          Elizabeth Taylor und Richard Burton in der Verfilmung von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ aus dem Jahr 1966
          Elizabeth Taylor und Richard Burton in der Verfilmung von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ aus dem Jahr 1966 : Bild: Imago

          Im gegenkulturellen Elan der auch in Amerika selbstgefälligen fünfziger Jahre war die Hungerzeit unter Künstlern und Intellektuellen gleichsam ein obligater Programmpunkt in der Vita eines angehenden Dramatikers avantgardistischer Denkart. Die Berliner Erfolge fanden zunächst am Off-Broadway ihr Echo, aber schon 1962 gelang Albee ein wahrer Welthit, der vom Broadway schnell bis nach Hollywood überschwappte, wo kein geringeres Albtraumpaar als Liz Taylor und Richard Burton ihm die höheren Weihen verlieh. Bis heute ist kein Spielplan vor „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ sicher, und hätte Albee nur dieses eine Stück geschrieben, diese Nachtszenen zweier brutal zusammenkrachender Ehen, diesen Abgesang auf die heile Familie und den heiligen Lebensbund - er hätte für seinen fortgesetzten Nachruhm auf unabsehbare Zeit gesorgt.

          Normverletzungen der Sonderklasse

          Nach „Virginia Woolf“ endgültig zum Erben von Arthur Miller, Tennessee Williams und Eugene O’Neill bestimmt, verlor er jedoch auch nicht die formal viel artifizielleren Experimente eines Beckett und Harold Pinter aus dem Blickfeld. Von „Tiny Alice“ (1964) bis „Seascape“ (1975) testete Albee die Grenzen zwischen Illusion und Realität, Skepsis und Entfremdung, gesellschaftskritischem Kommentar und metaphysischem Theaterabenteuer. Seine Anstrengungen indes stießen immer öfter auf Ablehnung oder Gleichgültigkeit. Zumal die achtziger Jahre brachten ihm keinen einzigen Erfolg. Er schrieb unermüdlich weiter in der Gewissheit, vom Misserfolg nicht auf die mangelnde Qualität schließen zu können.

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