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Tänzer Ismael Ivo gestorben : Am Puls der Bewegung

  • -Aktualisiert am

Ismael Ivo (1955 - 2021). Bild: LAIF

Ismael Ivo war Tänzer, Choreograph, Festival-Berater und Direktor der Tanz-Biennale von Venedig. Nun ist er im Alter von sechsundsechzig Jahren gestorben.

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          Sieben Jahre leitete der brasilianische Tänzer, Choreograph, Festival-Berater und Direktor Ismael Ivo die Tanz-Biennale von Venedig. Zur Eröffnung seiner ersten Ausgabe des Festivals lud er 2005 Angehörige des Stammes der Fulni-Ô ein, die als Teil der indigenen Bevölkerung Brasiliens im Nordosten des Landes leben. Der Anthropologe Wilke Torres de Melo von den Fulni-Ô schreibt, sein Stamm praktiziere Rituale, in denen ein „Geheimwissen der indigenen Schöpfungsgeschichte“ bewahrt und kommuniziert werde.

          In Venedig führten sie ein solches Gruppenritual vor dem westeuropäischen Publikum auf, das sich wunderte, warum die faszinierenden Tänzer nach ihrer Vorstellung nicht zurückkehrten, um sich zu verbeugen. Ivo musste erklären, es sei eben keine Aufführung im westlichen Sinne gewesen. Ihm als Brasilianer, der um die fragilen Lebensumstände der indigenen Bevölkerungen unterschiedlicher südamerikanischer Staaten wusste, war es ein Anliegen, ein europäisches Publikum auf diese Weise auf den Kampf der Indigenen aufmerksam zu machen – und natürlich auf ein vom europäischen Bühnentanz vollkommen abweichendes Verständnis von Tanz.

          Er wollte daran erinnern, dass die Ursprünge des Tanzes im Ritual liegen, im Einklang von Herzschlag und Trommelschlag, in Bewegung als Antwort auf den Rhythmus, im gemeinschaftlichen Einschwingen auf den Puls der von Geistern und Göttern bewohnten Natur. In jedem Auftritt von Ismael Ivo wurde dieses Wissen anschaulich. Im Berlin der achtziger Jahre wurde er, der Solist und freundliche Charismatiker, zu einem Protagonisten des postmodernen Tanzes. Als hochproblematisch wurden nun Volkstänze empfunden, traditionelle Tanzensembles ganz gleich welcher Nation sollten den imperialistischen Blicken eines westlichen Publikums nicht mehr ausgesetzt werden.

          So wurde stattdessen der japanische Butoh, ein in den sechziger Jahren als solistische Abkehr von traditionellen japanischen Theaterformen entwickelter Tanz, in Europa gefeiert, auch Ivo studierte ihn. Dem Solotanz als Inbegriff der Moderne im Tanz galt damals das Interesse nicht weniger Choreographen in Deutschland. Das deutsche Tanztheater der ersten Generation befand sich, als Ivo aus New York eintraf, auf dem Zenith seines Erfolges. Ivo, der bei Alvin Ailey studiert und sich eine Zeitlang in der schwarzen Dance Community New Yorks zu Hause gefühlt hatte, sah sich nun Johann Kresnik, dem berserkerhaftesten unter den Tanztheaterchoreographen, am nächsten.

          Gemeinsam mit dem finnischen Tänzer Tero Saarinen ließ er 1994 in Kresniks „Francis Bacon“ die schonungslosen Menschendarstellungen des Malers lebendig werden. 1996 spielte er Kresniks „Othello“. Bereits 1984 hatte er gemeinsam mit Karl Regensburger eines der heute größten Tanzfestivals, „ImpulsTanz“ in Wien gegründet. Von 1996 bis 2005 leitete Ivo das Tanztheater am Deutschen Nationaltheater in Weimar. 2017 war Ivo in seine Geburtsstadt São Paulo zurückgekehrt, wo er als Kind eines Bauarbeiters und einer Mutter, die putzen gehen musste, um Geld zu verdienen, früh Tanzunterricht erhielt.

          Wie die ebenfalls in Brasilien geborene Ballerina Marcia Haydée, mit der er in Duetten ikonographisch kontrastreiche Bilder schuf – sie alt, weiblich, zerbrechlich, weißhäutig, er jung, männlich, muskulös und schwarz – wollte er seiner Heimat etwas zurückgeben. Aber Präsident Jair Bolsonaro beendete 2020 Ivos dreijährige Ko-Intendanz am Theatro Municipal, dem Opernhaus in São Paulo. Bis zuletzt plante er mit Karl Regensburger die diesjährige Ausgabe des ImpulsTanzfestivals. Nun bleibt dem Festival nur, an ihn zu erinnern. Ismael Ivo ist am vergangenen Freitag im Alter von sechsundsechzig Jahren in São Paulo gestorben.

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