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Zum Tod von Inge Borkh : Nur wer sich hingibt, besitzt sich ganz

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Die Rolle ihres Lebens: Inge Borkh als Elektra, 1959. Bild: Günter Englert

Sie war die Inkarnation der Elektra, und noch ihr Schrei blieb stets Gesang: Zum Tod der Sopranistin Inge Borkh.

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          In ihrem Buch „Singer’s Pilgrimage“ zitiert die Gesangslehrerin Blanche Marchesi einen Stimm-Arzt mit einem gegen Richard Strauss gerichteten Zornesausbruch: „Ich habe allen meinen Patientinnen den Rat erteilt, Ihre Musik so lange nicht zu singen, bis Sie es gelernt haben, für die menschliche Stimme zu schreiben.“ Wie richtig und wichtig dieses Plädoyer des Maßes für die Gesundheit der menschlichen Stimme auch sein mag – es ist schwer, Maß zu halten in maßlosen Rollen: bei der Darstellung jener dionysischen Frauen, von deren „Wahnsinn“ Friedrich Nietzsche die Opernkunst ableitete. Partien wie Salome, Elektra oder Turandot sind es, die das Publikum erregen und dessen Angst-Lust wecken.

          In den Erinnerungen der Sopranistin Inge Borkh („Ich komme vom Theater nicht los“) findet sich eine bemerkenswerte Maxime: „Ich schreibe mir als das Jahresmotto für 1960 in mein Tagebuch: ,Nur wer sich hingibt, besitzt sich‘.“ Im selben Jahr notierte der Kritiker Jean-Jacques Gautier nach einer Pariser Aufführung: „Endlich habe ich eine Tragödin gesehen. Sie heißt Inge Borkh, und sie ist die Inkarnation der Elektra. Sie ist frenetische Leidenschaft, erhabene Liebe, phantastischer Hass. Sie wird vom heiligen Feuer verzehrt, von den Furien fortgerissen. Sie hat die splendeur fatale, von der Mallarmé spricht. Eine Stunde und vierzig Minuten hält sie den Zuhörer in atemloser Spannung, bis zur Erschöpfung. Eine theatralischer Spasmus.“

          Inge Borkh, als Tochter eines Schweizer Diplomaten am 26. Mai 1921 in Mannheim geboren, als Schauspielerin am Reinhardt-Seminar des Wiener Burgtheaters ausgebildet, hat schon seit Mitte der vierziger Jahre Partien der physischen und psychischen Extreme gesungen: Lady Macbeth, Turandot, Jenůfa, Salome (1947) in Anwesenheit des im Schweizer Exil lebenden Richard Strauss, Katia Kabanowa (1948), Elektra (1950) und Magda Sorel in der deutschsprachigen Erstaufführung von Gian Carlo Menottis „Der Konsul“ (Basel, 1951).

          Nur selten die falsche Partie

          In München debütierte sie 1951 als Senta und als Salome in Paris, wo die Begegnung mit ihrem Jochanaan-Partner, dem Bariton Alexander Welitsch, sie wie ein Liebesgewitter traf. 1953 stellte sie sich in San Francisco als Elektra vor (unter Georg Solti). 1955 sang sie Silvana in Ottorino Respighis „La Fiamma“ an der Mailänder Scala, im selben Jahr die Partie der Cathleen bei der Salzburger Uraufführung von Werner Egks „Irischer Legende“. An der Met debütierte sie 1958 unter Dimitri Mitropoulos als Salome. Nachdem sie sich dreizehn Jahre hindurch diesem „Blutrausch in Tönen“ hingegeben hatte, konnte sie es „nicht mehr ertragen, diese Rolle zu singen“.

          Bis 1973 hat sie, wie sie notierte, „immer und überall und fast zu viel“ gesungen, aber nur selten die falsche Partie wie etwa 1954 die Carmen in Stuttgart: „Ich hatte weder die Stimme, noch war ich der Typ.“ Auf die großen Wagner-Partien hat sie – von Senta und Sieglinde abgesehen – verzichtet. „Wieland Wagner wollte mich als Ortrud und als Kundry, ich hatte schon den Probenplan, bin aber zu der Überzeugung gekommen, dass ich es lieber lassen sollte. Ich kam stimmlich von oben, hatte eine leichte Höhe und habe in der Mitte immer sehr schlank gesungen. Die breite Mittellage, die man für eine Brünnhilde braucht, hat mir gefehlt. Insofern war ich keine Hochdramatische.“

          Sie sang mit innerer Glut

          Das mag für den Stimm-Typus gelten, nicht für die Ausdrucksfähigkeit. Ihre gleißende, nie versiegende Höhe prädestinierte sie sowohl für Turandot, die sie in einer Aufnahme neben dem fortissimo-trompetenden Mario del Monaco gesungen hat, als auch für einige Partien von Richard Strauss: Salome, die Färberin, und insbesondere für Elektra. In dieser Rolle ist sie in nicht weniger als sechs Aufführungen und Mitschnitten zu hören. Grandios die Aufnahme der knapp zweiundzwanzig Minuten langen Wiedererkennungsszene mit dem exzellenten Paul Schöffler als Orest. Entstanden ist sie 1954 nach Aufführungen mit dem Chicago Symphony Orchestra unter Fritz Reiner. Ihr gelingt es, diese Musik zu singen – zu singen selbst im Schrei „Orest“ und ohne Schärfe des hohen C in der Phrase „Königliche Siegestänze tanzen“. Zu singen nicht mit äußerlicher Brillanz, sondern mit der inneren Glut einer einsamen, verzweifelten, seelisch versehrten Frau, die alles hat hingeben müssen – auch ihre Scham, die sie dem Vater opferte.

          Herausragend sind der von Orfeo veröffentlichte „Elektra“-Mitschnitt von den Salzburger Festspielen von 1957 mit den Wiener Philharmonikern unter Dimitri Mitropoulos und die Studio-Aufnahme unter Karl Böhm. In beiden hat sie herausragende Partnerinnen: Jean Madeira als Klytämnestra, vielleicht die beste Sängerin der Rolle überhaupt, und Lisa della Casa als Chrysothemis. Nach sieben „Elektra“-Aufführungen in Palermo hat sie sich 1973 – ohne Pathos der Vorankündigung oder einer Abschiedsvorstellung – von der Opernbühne verabschiedet und sich auch von reizvollen Angeboten nicht zu einem Comeback verleiten lassen.

          Aufs Podium ist sie zurückgekehrt mit einem Chanson-Programm unter dem Titel „Kein Opernabend mit Inge Borkh“, auf die Theaterbühne als Schauspielerin. Nach dem Tod von Elisabeth Flickenschildt vertraute ihr Hans Hollmann 1977 am Hamburger Thalia die Volumnia in Shakespeares „Coriolanus“ an. Danach haben die deutschen Theater und Konzertsäle fast drei Jahrzehnte hindurch die Besuche der unermüdlich reisefreudigen, immer neugierigen und begeisterungsfähigen alten Dame erlebt. Am Sonntag ist Inge Borkh im Alter von 97 Jahren in Stuttgart gestorben.

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