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Sopranistin Mirella Freni : Eine unendliche Fülle des Klangs

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Mirella Freni in den achtziger Jahren. Bild: Ullstein

Ihr Gesang war exemplarische Menschlichkeit, ihre Stimme blieb aus Erfahrung jung: Zum Tod der Sopranistin Mirella Freni

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          Vor ein paar Tagen bin ich wieder ins Teatro alla Scala gegangen. Wie immer freute ich mich darauf, den Quellen des melodramma nahezukommen, Verdis „Trovatore“ hatte Premiere. Das Dirigat stellte Verdis Seite als Theatermusiker heraus – anders als der defensiv gestimmte Klassizismus, der Italiens größtes Opernhaus inzwischen bestimmt. Die Inszenierung gab etwas zu denken. Die Sänger waren gut, in den großen Rollen sehr gut. Und doch hatte ich den Eindruck, es fehle dem Singen eine Dimension. Was sollte das aber sein?

          Die Antwort hat mit dem Schönen nicht direkt zu tun. Eher geht es um ein Bewusstsein für das Exemplarische. Der Operngesang endet ja nicht damit, dass eine Rolle realisiert wird. Darüber hinaus sind Formen des Menschseins beispielhaft zu verkörpern. Manchmal sagt man, eine Sängerin oder ein Sänger wachse über sich hinaus – die Darstellung reiche ins Exemplarische hinein. Vielleicht wirkt das heute altmodisch. „Das Menschliche“ ist keine Kategorie, die man noch ungebrochen in Anschlag bringen könnte, und unausweichlich sind Sängerinnen und Sänger heute weiter von den Ursprüngen der Tradition entfernt, als es die Lehrer ihrer Lehrer waren.

          Plácido Domingo hat einmal über Mirella Freni gesagt, mit ihr komme eine Tradition ans Ende, es sei nicht erkennbar, wer wirklich auf sie folgen könne. Freni wurde vor fast genau 85 Jahren, 1935, in Modena geboren, dem gleichen Modena, in dem nur ein paar Monate später Luciano Pavarotti auf die Welt kam. Einfachen Verhältnissen entstammend, wuchsen beide in einer Umgebung auf, in der Gesang zum Leben der Familien gehörte. Die Schallplatte brachte berühmte italienische Vorbilder ins Haus. Beide hatten zeitweise beim gleichen Lehrer Gesangsunterricht. Beide debütierten auf städtischen Bühnen, Freni in ihrer Heimatstadt, Pavarotti im benachbarten Reggio Emilia. Die Tradition, von der Domingo sagte, sie komme mit Freni ans Ende, kann man also recht genau beschreiben.

          Was es mit dem An-ein-Ende-Kommen auf sich hat, ist schwieriger zu sagen. Wie immer ist die Person, die das Ende verkörpern soll, ja auch die erste, die auf ihre Art singt. Und diese Art ist bei Freni in ihrer fünfzigjährigen Karriere erstaunlich konstant geblieben. Natürlich war die Stimme am Anfang leichter – ihre erste Rolle war die Micaëla in Bizets „Carmen“, es folgten Partien von Mozart, Donizetti und prominent die Mimì in Puccinis „La Bohème“. Mit den Jahren verändert sich der Körper, auch die beim Singen gemachten Erfahrungen gewinnen an Gewicht, und so erschloss Freni sich allmählich schwerere Verdi-Rollen wie die Maria in „Simon Boccanegra“ oder Elisabetta in „Don Carlos“.

          Was ihr in allen Rollen eigen war, haben Hörer und Mit-Musiker immer als außergewöhnliche Leichtigkeit und Natürlichkeit beschrieben. Das kommt zunächst aus der Tradition des Belcanto selbst; Forcierungen, auch Manipulationen der Vokalfarben, wie sie etwa Maria Callas oder Elisabeth Schwarzkopf virtuos anwandten, galten dieser Schule nicht als erstrebenswert. Leichtigkeit ging bei Freni aber über die Beweglichkeit der frühen Rollen hinaus. Mit Leichtigkeit, oder Weichheit, wie sie es nannte, konnte sie auch eine fast unendliche Fülle des Klangs aufrufen, ohne dass man Registerbrüche, die Gangwechsel im Getriebe der Stimme, hätte wahrnehmen können. Selbst in der Höhe und aus dem Forte heraus öffnete Freni immer noch einen weiteren Klanghorizont, ein weiteres Glück. Entsprechend gelangten ihre Figuren wie eben die Mimì, die Cio-Cio-San in „Madama Butterfly“, ausgehend von einer sozialpsychologisch bescheidenen Disposition zu Dimensionen bewegender Größe.

          Den Eindruck der Natürlichkeit hat der englische Dirigent Sir Edward Downes bei der Arbeit an Verdis „Falstaff“ in London beschrieben. Frenis Nannetta habe gewirkt, als komponiere sie ihre Musik beim Singen selbst: „Man brauchte das gar nicht zu dirigieren – man lebte es mit ihr.“ Wer Freni als über Sechzigjährige an der Deutschen Oper Berlin erleben konnte, als sie im Sommer 1998 in Tschaikowskys „Eugen Onegin“ sang, konnte eine Ahnung davon gewinnen, wie sich Leichtigkeit, Natürlichkeit und Fülle auch als Ergebnis eines klugen Umgangs mit der Stimme einstellten. Freni sang die Rolle der Tatjana, eines jungen Mädchens. Deren wechselnde Gefühle – Aufbruch, Zweifel, stets auch ein Schatten künftigen Leids – erschienen in ihrer Darstellung veredelt durch die Perspektive eines erfahrungsreichen Lebens und doch unmittelbar, voll Neugier auf das Leben und auf die Liebe, „und wär’s mein Untergang“. Am Sonntag ist Mirella Freni nach langer Krankheit in ihrem Haus in Modena gestorben.

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