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Zum Tod von Trisha Brown : Ihr seht, was ihr noch nie gesehen habt

  • -Aktualisiert am

Eine Avantgardistin des modernen Tanzes: Trisha Brown, 1989 bei einer Aufführung von „Lateral Pass“. Bild: Sara Krulwich/The New York Times

Trisha Brown war eine Jahrhunderterscheinung. Ihre Tänze schienen zu sagen: Küss den Marmor, flieg durch die Lüfte, komm nicht heim ohne Beute. Nun ist die große Choreographin gestorben.

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          Die am 18. März im Alter von achtzig Jahren verstorbene Trisha Brown ließ dem Tanz umgekehrt widerfahren, was in der Geschichte von Pygmalion erzählt wird. Die Götter schenkten dem Bildhauer nicht nur Talent zur Nachahmung des Schönen, sondern verwandelten sein gelungenstes Artefakt in ein lebendiges Menschenwesen. Brown hat diesen Mythos in die Postmoderne übertragen. Sie machte aus einer schönen Kunst lebendiger Menschen in einer Rückwärts-Vorwärts-Bewegung einen in endlosen mathematischen Figuren auf null zurückgerechneten choreographischen Moment des Nichts, der Leere, der Stille, des Bewegungsschweigens, auch der Banalität, aus dem heraus der Tanz, mind you, dann erst wieder eine neue, zeitgemäße Form annehmen konnte – eine, wie sie sagte, „mondäne“ Form.

          2010 inszenierte Trisha Brown in Amsterdam als eine ihrer letzten Arbeiten einen Abend mit Jean-Philippe Rameaus „Hippolyte et Aricie“ und eben „Pygmalion“. Die Sänger lernten ihre subtilen, charmanten, manchmal idiosynkratischen Gesten und wurden zu Meistern natürlicher Bewegung, die Tänzer durchflogen den Bühnenhimmel an unsichtbaren Apparaturen befestigt und brachten auf ihre Weise Luft, Duftigkeit und das Paradox barocker Unmittelbarkeit auf die Szene. Am Ende ihrer Schaffensperiode zeigte sich Brown als vollendetes Genie. Sie konnte jede Musik in eine visuelle Ordnung verwandeln, so dass sie besser hörbar würde, so dass in der Inszenierung jenes Glücksgefühl, lebendig zu sein, sich über einen ganzen Abend erstreckte. Sie, die zunächst das Drama, die bedeutungsvolle Geste, die Geschichte, das Gefühl, die Musik, die Virtuosität aus ihren Performances komplett verbannt hatte, ging dann immer neue pygmalionische Wege.

          Körperbeherrschung: Trisha Brown, 1995.

          Patricia Ann Brown, diese sportliche, feminine, intellektuelle, witzige, diskrete Person von gutbürgerlicher amerikanischer Abstammung, sagte von sich, sie würde alles für einen guten Tanz tun: experimentieren, improvisieren, den Tänzern sagen, sie sollten sich vorstellen auszusehen wie Moleküle unter dem Mikroskop oder schlicht tricksen, – whatever! Erinnerte Improvisation war eines der Geheimnisse ihres choreographischen Stils, der so minutiös geplant wie spontan ausgeführt wirkt. Doch zunächst einmal suchte die bei Anna Halprin und Robert Dunn am Mills College in Oakland ausgebildete Tänzerin den Nullpunkt. Wie wäre es, in der Stille mit einem Besen auf die Bühne zu treten und zu fegen? Watch me. Schau wirklich hin, Zuschauer, hier siehst du das „hot bed of dance revolution“, wie sie sagte.

          War das nun Tanz? Schließlich war es eine ausgebildete Tänzerin, die hier sinnlos fegte. Immer hat man gesagt, sie habe sich danach so weit fortentwickelt mit ihrem Gebrauch der „Release-Technik“, ihrem eleganten, mit Gehen, Laufen, Springen, Drehen und Heben schon sehr weit kommenden alltagsbewegungshaften Stil, der einfach umwerfend schön aussieht. In Wahrheit aber verschwand die Radikalität der New Yorker Judson Church der sechziger Jahre und der „Grand Union“, die sie gründete, bevor 1970 die „Trisha Brown Dance Company“ als rein weibliche Formation begann, aus ihrer Arbeit nie.

          Ihre ästhetische Verwandtschaft mit Merce Cunningham und John Cage ließ sie früh Fehler ihrer Tänzer, die ihr im Ergebnis gefielen, einfach in den Tanz integrieren, weil sie den Einlass des Zufalls als Kompositionsprinzip ebenfalls schätzte. Sie, die als Kind angelte und auf die Jagd ging in den Wäldern des Bundesstaates Washington und die sich Cunningham in der Liebe zum Regenwald verbunden wusste, ging im Leben auf die Jagd nach Bewegung, mit wissenschaftlicher Präzision und der Geduld einer auf der Lauer Liegenden.

          Die Choreographin mit dem Blick für den modernen Tanz: Trica Brown, 2006.

          Eine der spektakulärsten Beuten machte sie dabei an der Pariser Oper. Für „O Zlosony / O Composite“ schuf sie die spektakulärsten Hebungen, Körpergebilde unvorstellbarer Figurenkonstellationen und betrachtete den Spitzentanz als das, was er heute sein kann – ein athletisch-sachliches Instrument zur Vergrößerung der Bühnen- wie der Körperspannung. Das war 2004 – zusammen mit „Glacial Decoy“ in einem Bühnenbild von Robert Rauschenberg stellte dieser Abend im Palais Garnier ein Höhepunkt der Postmoderne dar. Brown, die mit Rauschenberg ein Leben lang befreundet war und sich seines Beifalls gewiss sein konnte, seitdem sie ihre Tänzer an Seilen von Häuserwänden hatte heruntertanzen lassen, wusste sich in Frankreich geliebt.

          Einhundert Choreographien und sechs Operninszenierungen umfasst das Werkverzeichnis. Es ist damit nicht vollständig. 2002 offenbarte sie einem fassungslos staunenden und in der Hitze des Tages fast vergehenden Festivalpublikum von Montpellier, wie sie einen verlassenen Flugzeughangar in ein Atelier und eine Bühne zugleich zu verwandeln wusste. Am Boden liegende große Papierbahnen bemalte sie, indem sie über sie hinwegtanzte, mit breiten Strichen schwarzer Farbe.

          Lernen, herausfinden, sich widmen, sich hineinwerfen, davon sind ihre Stücke durchdrungen, von zwangloser, einschwingender, pulsierender Bewegungsanmutung. Ob Bach, Schubert, Monteverdi oder Laurie Anderson, oder wie in dem wundervollen „El Trilogy“ Jazzmusik, wozu sie die populären amerikanischen Tänze des frühen zwanzigsten Jahrhunderts brownish machte – ihre Tänze schienen zu sagen: Küss den Marmor, flieg durch die Lüfte, komm nicht heim ohne Beute. Trisha Brown hinterlässt uns große Schätze, sie war eine Jahrhunderterscheinung.

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