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Zum Stand der Theaterdebatte : Weltverbesserung oder Traumspiel?

Hier bedeutet Repräsentanz Aktivismus: Szene aus der Inszenierung „Mittelreich“ von Anta Helena Recke Bild: Judith Buss

Durchgebrettert: Zwei Bücher streiten über das Theater und seinen politischen Anspruch. Wie viel Spiel wollen wir noch sehen, wie viel Aktivismus brauchen wir?

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          Jetzt, wo die Theaterhäuser doppelt verschlossen sind, wegen der Ferien und des Virus, jetzt, wo wir Theatergängerinnen und Schauspielgänger also zwangsfrei haben und viel Zeit zum Nachdenken, können wir uns fragen, wo wir eigentlich hingingen, wenn wir könnten, wenn die Schauspielhäuser wieder offen wären für unseren Besuch, wohin gingen wir also, wenn wir ins Theater gehen könnten? Ist das ein Ort der moralischen Erbauung, der künstlerischen Unterhaltung, des politischen Versammlungstrainings? Bedeuten die Bretter die Welt, unsere Gesamtgesellschaft oder nur einen marginalisierten Teil davon? Gibt es so etwas wie einen derzeitigen Bedeutungsstand der Dinge, also eine neue Antwort auf die alte Frage: Was soll das ganze Theater eigentlich?

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Zeitgleich sind jetzt zwei Bücher von jüngeren Theatertheoretikern erschienen, die dazu aus nahezu entgegengesetzter Richtung argumentieren. Mit keinem Wort beziehen sie sich aufeinander, und doch ergibt sich, wenn man beide Publikationen nebeneinanderlegt, ein lebhaftes Streitgespräch. Zumal es bei beiden nicht nur um das Theater geht, sondern auch um eine politische Bewusstseinsbildung in unserer Gegenwart. Jakob Hayner steht auf der einen Seite: 1988 in Dresden geboren, kommt offensichtlich von der historisch-kritischen Linken her, prangert wiederholt den nutzkapitalistischen Übergriff des Marktes auf die Kunst an und stellt seinen bei Matthes&Seitz erschienenen Essay unter die Peter Brook huldigende Überschrift „Warum Theater?“. Was dann auf gut 170Seiten folgt, ist ein Paradestück an enthusiastischer Kulturkritik, die keine Gefangenen macht. Die Krise des Theaters? Eine Generalkrise menschlicher Erfahrung. Die Gegenwartsdramatik? Beliebig und weltabgewandt. Digitale Regiestrategien? Nichts als zeitgeistverhaftete technische Spielereien. Der Mann hat Ansichten. Und Belege. Allerdings weniger aus dem theateralltäglichen als dem kunsttheoretischen Arsenal. Wer Hayner liest und darauf hofft, dass einzelne Theateraufführungen hervorgehoben oder bestimmte Regiehandschriften abgewertet werden, wird enttäuscht.

          Zauber der Repräsentation

          Er interessiert sich fürs große Ganze, für das „Theater als Möglichkeitsraum“ statt als „Mitteilungszentrum“. In einem, man könnte schlicht sagen: realpoetischen Sinne verteidigt er die „Eigenart der Bühnenliteratur“ gegen gattungsschleifende Tendenzen, hält die Form gegen den Inhalt hoch, plädiert für eine ästhetisch autonome Wirkung des Spiels. Die unter progressiven Theatermachern gängig gewordene Aversion gegen das Künstlerische, Phantasievolle, Gegenweltliche des Theaters führt seiner Meinung nach schnurstracks zu einer „kulturindustriellen Neutralisierung der Kunst“. Das Theater werde durch die tagespolitisierte Aufmachung zur Dienstleistung degradiert, die Zuschauer als Moralkunden abgefertigt. Eine Entwicklung, die sich in der Tat zunehmend auch im Wortlaut der Beteiligten widerspiegelt, die von ihren Arbeiten als „Produkten“ oder „Projekten“ reden und sie damit bereitwillig in die Welt der Waren einfügen. Statt eine „Beschwörung des Realen“ zu versuchen, verteidigt Hayner „das Wesen der ästhetischen Verdopplung“, soll heißen den Zauber der Repräsentation, vor dem Dogma der Wirklichkeit. Spätestens an dieser Stelle hält es das zweite Buch nicht mehr in der Deckung. Wütend fällt es dem ersten ins Wort. Theater ist Wirklichkeit, ruft es, eine Ästhetik nur dann akzeptabel, wenn sie eine progressive Ethik transportiert. „Gesellschaftsspiele“ lautet der Titel, den der 1970 geborene Kurator und Dramaturg Florian Malzacher für seinen im Alexander Verlag erschienenen Langessay gewählt hat. Das Gerede von Phantasie, Schein und Spiel sei nichts als ein Fluchtversuch, argumentiert er, eine Ausrede, um eine Begegnung mit der harten Realität zu verhindern. Etwa zu übersehen, dass sich das Theater heute dem identitätspolitischen Imperativ der Gegenwart stellen muss: „Wer wird auf welche Weise von wem und mit welchem Recht repräsentiert?“

          Im fiktiven Streitgespräch der zwei Autoren berührt die Frage nach der Repräsentation einen neuralgischen Punkt. Für den einen ist das Wort eng verbunden mit der Vorstellung, dass durch ein mimetisches Verfahren spielerisch Wahrheit erzeugt wird, die jenseits von individuellen Identitäten gilt. Der andere versteht Repräsentation als Synonym für den aktivistischen Kampf um Anerkennung und Chancengleichheit: „Ein Theater, das sich selbst als politisch begreift, muss ein Bewusstsein haben für seine Wirkung. Das bedeutet: zu versuchen, niemanden auszuschließen, zu benachteiligen, zu beleidigen und das Leiden anderer nicht durch bestimmte Formen der Darstellung zu verniedlichen“, schreibt Malzacher. Folgt man dieser Argumentation, dann dürfte zum Beispiel eine stark diffamierende Inszenierung wie Falk Richters Anti-AfD-Produktion „Fear“ kein politisches Bewusstsein für sich beanspruchen. Interessant ist jedenfalls, welche Aufgabe dem Theater in Malzachers Anschauung zukommt, nämlich die, herrschaftsfreie Präsentationsfläche für alle zu sein. Für jene „Vielfalt des Seienden, die nur noch zur Sprache oder zur Darstellung kommen muss“, wie es polemisch bei Hayner heißt. Ein solches politisches Theater strebt danach, möglichst vielfältigen Identitäten und Biographien eine Bühne zu bieten. Was es dabei missachtet, ist das Versprechen einer universalen, also allgemeingültigen Emanzipation, eines möglichen gemeinsamen Interesses.

          Zum Signal degradierte Sozialkritik

          Damit sind beide Bücher an jenem zentralen Streitpunkt angekommen, der gegenwärtig auch im Politischen einen Keil zwischen die neue kulturpolitische und die alte sozialkritische Linke treibt. Verkürzt gesagt: Geht es im politischen Kampf zuerst um Wokeness oder um Wohnraum? Für Malzacher, der einen sehr guten Überblick über das aktuelle postdramatische Geschehen liefert und damit im Gegensatz zu Hayner eine Menge empirisches Material versammelt, scheint die Grundbestimmung des Theaters in seiner Örtlichkeit zu liegen. Weil sich Menschen hier versammeln, können sie gleich auch „soziale und politische Verfahrensweisen ausprobieren“ oder „erzählerische Formate der Wissensvermittlung und -verhandlung erproben“. Politisches Theatermachen heißt dann konkret, „die eigenen Arbeitsbedingungen zu hinterfragen“. Heißt, Binnen-Is und Gendersternchen eine „poetische Macht“ zuzugestehen. Und heißt vor allem anderen auch, sich den „illiberalen Demagogen“ entgegenzustellen, und zwar mit klaren Positionen und progressiven Narrativen. Theater soll nicht nur vorführen und kritisieren, sondern „aktiv daran mitarbeiten, die Welt zu einem besseren Ort zu machen“. Wie nennt Hayner das? Zum „Signal degradierte Sozialkritik“. In einer seiner konzisesten Passagen analysiert er die fehlerhafte Verquickung von Kunst und Moral mit Worten, die sich jeder Theatermacher übers Bett hängen sollte: „Eine Verschmelzung von Ästhetischem und Ethischem wird weder dem einen noch dem anderen gerecht. Ethik fordert unmittelbares Handeln, wovon Kunst konstitutiv getrennt ist. Eine Einheit aus beiden führt zu ihrer gegenseitigen Neutralisierung und einer Ersatzhandlung im schlechtesten Sinne. Statt zu einer Ausweitung ethischen Verhaltens kommt es zu einer Überführung in das Reservat der Kunst, wo es in der Trennung von Welt unberührt genossen werden kann.“

          Worum sie sich streiten, darum geht es

          Dass beide Bücher schließlich doch noch eine Gemeinsamkeit finden, indem sie den Wert der „Ambivalenz“ und des „Widerspruchs“ apostrophieren, ist keine große Überraschung. Darauf kann man sich immer einigen, sei es aus identitätspolitischer, sei es aus dialektischer Überzeugung. Viel wichtiger und fruchtbarer sind aber die Differenzen, die beide Bücher offen zutage treten lassen. Worum sie streiten, darum geht es heute im Theater: um die Frage, wie viel Spiel wir noch sehen wollen und wie viel Aktivismus wir brauchen? Welche geheime Verbindung der Markt mit der Moral eingeht, wenn Spielpläne entstehen und beliebte Regiehandschriften gebucht werden. Was gesellschaftliche Wirklichkeit heute heißt und welche Strukturveränderungen und Phantasieentwicklungen nötig sind, um sie ins Bild zu setzen. Darum jedenfalls könnte es gehen, wenn sich die Theater irgendwann einmal wieder nicht mehr ausschließlich mit den existentiellen Fragen von Seuchenschutz und Infektionsrisiken beschäftigen müssen. Die Hoffnung besteht ja, dass nach Corona am Theater nicht alles so weitergeht wie zuvor. Manche hoffen gar auf eine „Stunde null“ wie nach dem Krieg, in der sich alle aufs wenige konzentrieren, um das Wesentlichste auszudrücken. Wie und wann auch immer wir wieder im Zuschauerraum sitzen können – zur Vorbereitung lohnt es sich, diese beiden Bücher gegeneinander zu lesen.

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