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Zum Stand der Theaterdebatte : Weltverbesserung oder Traumspiel?

Hier bedeutet Repräsentanz Aktivismus: Szene aus der Inszenierung „Mittelreich“ von Anta Helena Recke Bild: Judith Buss

Durchgebrettert: Zwei Bücher streiten über das Theater und seinen politischen Anspruch. Wie viel Spiel wollen wir noch sehen, wie viel Aktivismus brauchen wir?

          5 Min.

          Jetzt, wo die Theaterhäuser doppelt verschlossen sind, wegen der Ferien und des Virus, jetzt, wo wir Theatergängerinnen und Schauspielgänger also zwangsfrei haben und viel Zeit zum Nachdenken, können wir uns fragen, wo wir eigentlich hingingen, wenn wir könnten, wenn die Schauspielhäuser wieder offen wären für unseren Besuch, wohin gingen wir also, wenn wir ins Theater gehen könnten? Ist das ein Ort der moralischen Erbauung, der künstlerischen Unterhaltung, des politischen Versammlungstrainings? Bedeuten die Bretter die Welt, unsere Gesamtgesellschaft oder nur einen marginalisierten Teil davon? Gibt es so etwas wie einen derzeitigen Bedeutungsstand der Dinge, also eine neue Antwort auf die alte Frage: Was soll das ganze Theater eigentlich?

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Zeitgleich sind jetzt zwei Bücher von jüngeren Theatertheoretikern erschienen, die dazu aus nahezu entgegengesetzter Richtung argumentieren. Mit keinem Wort beziehen sie sich aufeinander, und doch ergibt sich, wenn man beide Publikationen nebeneinanderlegt, ein lebhaftes Streitgespräch. Zumal es bei beiden nicht nur um das Theater geht, sondern auch um eine politische Bewusstseinsbildung in unserer Gegenwart. Jakob Hayner steht auf der einen Seite: 1988 in Dresden geboren, kommt offensichtlich von der historisch-kritischen Linken her, prangert wiederholt den nutzkapitalistischen Übergriff des Marktes auf die Kunst an und stellt seinen bei Matthes&Seitz erschienenen Essay unter die Peter Brook huldigende Überschrift „Warum Theater?“. Was dann auf gut 170Seiten folgt, ist ein Paradestück an enthusiastischer Kulturkritik, die keine Gefangenen macht. Die Krise des Theaters? Eine Generalkrise menschlicher Erfahrung. Die Gegenwartsdramatik? Beliebig und weltabgewandt. Digitale Regiestrategien? Nichts als zeitgeistverhaftete technische Spielereien. Der Mann hat Ansichten. Und Belege. Allerdings weniger aus dem theateralltäglichen als dem kunsttheoretischen Arsenal. Wer Hayner liest und darauf hofft, dass einzelne Theateraufführungen hervorgehoben oder bestimmte Regiehandschriften abgewertet werden, wird enttäuscht.

          Zauber der Repräsentation

          Er interessiert sich fürs große Ganze, für das „Theater als Möglichkeitsraum“ statt als „Mitteilungszentrum“. In einem, man könnte schlicht sagen: realpoetischen Sinne verteidigt er die „Eigenart der Bühnenliteratur“ gegen gattungsschleifende Tendenzen, hält die Form gegen den Inhalt hoch, plädiert für eine ästhetisch autonome Wirkung des Spiels. Die unter progressiven Theatermachern gängig gewordene Aversion gegen das Künstlerische, Phantasievolle, Gegenweltliche des Theaters führt seiner Meinung nach schnurstracks zu einer „kulturindustriellen Neutralisierung der Kunst“. Das Theater werde durch die tagespolitisierte Aufmachung zur Dienstleistung degradiert, die Zuschauer als Moralkunden abgefertigt. Eine Entwicklung, die sich in der Tat zunehmend auch im Wortlaut der Beteiligten widerspiegelt, die von ihren Arbeiten als „Produkten“ oder „Projekten“ reden und sie damit bereitwillig in die Welt der Waren einfügen. Statt eine „Beschwörung des Realen“ zu versuchen, verteidigt Hayner „das Wesen der ästhetischen Verdopplung“, soll heißen den Zauber der Repräsentation, vor dem Dogma der Wirklichkeit. Spätestens an dieser Stelle hält es das zweite Buch nicht mehr in der Deckung. Wütend fällt es dem ersten ins Wort. Theater ist Wirklichkeit, ruft es, eine Ästhetik nur dann akzeptabel, wenn sie eine progressive Ethik transportiert. „Gesellschaftsspiele“ lautet der Titel, den der 1970 geborene Kurator und Dramaturg Florian Malzacher für seinen im Alexander Verlag erschienenen Langessay gewählt hat. Das Gerede von Phantasie, Schein und Spiel sei nichts als ein Fluchtversuch, argumentiert er, eine Ausrede, um eine Begegnung mit der harten Realität zu verhindern. Etwa zu übersehen, dass sich das Theater heute dem identitätspolitischen Imperativ der Gegenwart stellen muss: „Wer wird auf welche Weise von wem und mit welchem Recht repräsentiert?“

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