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Grigori Sokolow wird 70 : Das Unwiederbringliche als Fest

Grigori Sokolow in Hamburg. Bild: Gunter Gluecklich/laif

Er kann Menschen in eminentem Sinn aus der Fassung bringen, weil er wie kein anderer um das Geheimnis von Klang und Zeit weiß: Dem unvergleichlichen Pianisten Grigori Sokolow zum siebzigsten Geburtstag.

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          Unter allen Pianisten, die es gab und gibt, ist Grigori Sokolow eine Kategorie für sich. Als „Virtuose“, „Philosoph am Klavier“, „Ausdrucksmusiker“, „Analytiker“ oder wie die Sortimentsnamen heißen mögen, lässt er sich nicht fassen. Seltsamerweise gibt es in der professionellen Welt einen Konsens über diese Unfassbarkeit. Er drückt sich in neidloser Bewunderung aus: bei Alfred Brendel und Daniel Barenboim, bei Radu Lupu und Adam Laloum.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Als Sokolow im April 2004 mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter der Leitung von Trevor Pinnock Mozarts A-Dur-Konzert KV 488 spielte, zollten die Streicher ihm hinterher nicht durch Klopfen mit den Bögen auf die Pulte Tribut: Sie machten die Hände frei, um – teils mit nassen Augen – zu applaudieren wie das Publikum, das selbst erst wieder zu sich kommen musste. Schon der Siebzehnjährige hatte die Gabe, seine Hörer aus dem ordentlichen Leben zu reißen und sie mit etwas in Berührung zu bringen, das ihnen im Alltag verschlossen blieb: Beim Konzert in seiner Geburtsstadt Leningrad 1967 zum Abschluss der zehnjährigen Musikspezialschule – Sokolow spielte Rachmaninows drittes Klavierkonzert, begleitet von seinem späteren Konservatoriumslehrer Moissej Chalfin am zweiten Flügel – umarmten sich plötzlich die Hörer im Saal und gratulierten sich gegenseitig zum Glück des Augenblicks.

          Gespür für sinnerfüllte Gegenwart

          „Aber der ist ja auch ein Genie“, sagte Kirill Petrenko vor dreizehn Jahren, auf Sokolow angesprochen, um klarzumachen, dass wir jetzt den Bereich diskursfähiger Gegenstände verlassen. Trotzdem ist der Wunsch da, zu ergründen, warum ein Pianist derart in der Lage ist, Menschen in einem eminenten Sinn aus der Fassung zu bringen. Bei Grigori Sokolow braucht man nicht mehr über Technik und Texttreue, Stilsicherheit und Formverständnis zu reden. Bei ihm hat diese Gabe mit einem besonderen Verständnis von Zeit und Klang zu tun, mit einem Gespür für sinnerfüllte Gegenwart und die Notwendigkeit des Vergehens, mit einem Mitschwingen des Noch-nicht und des Nicht-mehr. Das rührt an Grundbedingungen des Mensch-Seins, wo Fragen ästhetischer Gegenstandsbildung bereits nebensächlich werden.

          Aus Sokolows Spiel spricht eine Lust am Klang als dem Endzweck des Werks. Die Musik will Klang werden und in die Zeit treten. Anders als viele Pianisten besonders aus der deutsch-österreichischen Schule, die ihren „Dienst am Werk“ darin sehen, die Idealgestalt einer Komposition nur anzudeuten, in der Überzeugung, dass diese Idealgestalt sich niemals restlos zur sinnlichen Erscheinung bringen lasse, wird bei Sokolow der Klang ganz und gar zur hörbaren Erfahrung der Idee.

          Grigori Sokolow im August 2018 in Salzburg.
          Grigori Sokolow im August 2018 in Salzburg. : Bild: dpa

          Artur Schnabel hat einmal gesagt, er widme sich nur Werken, die besser seien, als er sie spielen könne. Aus diesem Satz spricht ein pianistischer Manichäismus, ein unaufhebbarer Geist-Klang-Dualismus. Für Sokolow wird das Werk erst durch Klangwerdung zum Leben erlöst. Durch dieses Inkarnationsgeschehen im pianistischen Akt geht das Werk aus der Präexistenz in die Existenz über. Sokolow hebt in diesem Akt die Trennung von Sein und Zeit auf: Sein Spiel verdeutlicht, dass die Musik kein Sein hat außerhalb der Zeit. Musik ist Anwesen als Sinngeschehen. Eine Zeit ohne Werke wäre leer, ein Werk ohne Zeit wäre tot.

          Deshalb vielleicht kennt Sokolow die Mechanik von Klavieren so gut und kann den Klavierstimmern exakte Anweisungen geben, wie sie einen Steinway-Flügel für ihn einrichten sollen. Deshalb auch ist Sokolow ein unerreichter Meister der Verzierung, die in seinen Rameau-Interpretationen klingen können wie auf einem französischen Clavecin von 1740 und bei Mozart wie auf einem Wiener Hammerflügel von 1780. In all den Trillern, Mordenten, Doppelschlägen und Schleifern wird der Augenblick gefeiert und der erfüllte Moment gekrönt: das Unwiederbringliche als Fest.

          Aber diese Vertrautheit mit dem Klang ist bei Sokolow nicht alles. Die Kenntnis der Musik kommt hinzu als Wissen darum, wie viel Zeit, welche Lautstärke, welchen Kontrast ein Klang braucht, um Sinn zu ergeben. Sokolow kann, zumal in seinem Beethoven-Spiel, äußerst phantasievoll mit dem Notentext umgehen, mit Artikulationswechseln, einer erstaunlichen Flexibilität des Tempos, überraschenden Veränderungen der Lautstärke, und trotzdem entsteht nicht der Eindruck von Willkür, sondern von zwingender Evidenz. Er selbst hat einmal gesagt, dass sei keine Frage von Lebenserfahrung, das könne schon in Kindern stecken. Als Lehrer kommentierte er das Spiel einer Schülerin mit dem Satz: „Na, was soll ich sagen? Schumann lässt sie einfach nicht rein in seine Welt.“

          Das geschaffene Werk, schreibt George Steiner in seiner „Grammatik der Schöpfung“, künde davon, „dass es nicht hätte sein oder anders hätte sein können. Geformtes Sein beherbergt die Erinnerung, die immer begleitende Möglichkeit des Ungeschaffenen (des ,Ungeborenen‘).“ Die Rückkehr der Musik zu „erfülltem Verschwinden“ sei dabei, so Steiner, „eine vertraute, wenn auch immer wieder herausfordernde Tatsache“. Bei Sokolow klingt diese Möglichkeit des Nicht-Seins oder des Anders-Seins in geheimnisvoller Weise mit als Umgebung von Kontingenz um den hörbaren Sinn. Sokolow schenkt noch flüchtigsten Noten eine Zuwendung, als begriffe er sie wie lebendige Wesen, denen gegenüber er zu verantworten hätte, dass sie nicht vergebens in den Klang gerufen wurden. Trotzdem wirkt das nie betulich, ängstlich oder verkrampft, sondern immer befreiend. Wahrscheinlich ist es diese Erfahrung inniger Zuwendung, die Sinn schafft, Freiheit schenkt, zugleich aber eine immense Umgebungskontingenz mitschwingen lässt, welche uns bis ins Mark erschüttert. Es ist das Innewerden einer Gehaltenheit ins Nichts.

          Sokolows Kollege und Weggefährte Sergej Malzew hat den Pianisten einmal begrüßt mit der Frage: „Na, tust du immer noch so, als würdest du existieren?“ Mit diesem Samstag sind es siebzig Jahre, dass Grigori Lipmanowitsch Sokolow uns damit beglückt, so zu tun, als wäre er einer von uns.

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