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Zum Neunzigsten von Ravi Shankar : Der Meister und seine Schüler

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Vor wenigen Tagen: Shankar erhält den Ehrendoktor der Universität Melbourne. Bei ihm seine Tochter Anoushka, die sein indisches Erbe pflegt Bild: AFP

Ravi Shankar gilt als größter indischer Musiker aller Zeiten. Und er war an einigen der größten Errungenschaften der zeitgenössischen westlichen Kultur beteiligt. Vor allem heute aber darf man sich ihm auch in fröhlicher Neugier und Bewunderung nähern: Ravi Shankar feiert seinen neunzigsten Geburtstag.

          Nehmen wir mal an, wir hätten vom Sitar-Spiel wenig Ahnung - für welche Vermutung es in der Tat einigen Anlass gibt -, dann müsste man sich dennoch schon deswegen vor Ravi Shankar verneigen, weil er an zwei, drei, vier der größten Errungenschaften westlicher Kultur in den späten sechziger Jahren beteiligt war: Er trat in Monterey und Woodstock auf, er inspirierte George Harrison und die Beatles zu „Norwegian Wood“ und „Within You, Without You“, und er war musikalischer Berater und Peter Sellers' Vorbild für seine Rolle als Hrundi V. Bakshi in „Der Partyschreck“ von Blake Edwards.

          Dass der Mann außerdem als größter indischer Musiker aller Zeiten gilt, wäre zweifellos Grund genug für eine Eloge ganz anderer Art, aber dafür wird man in diesen Tagen genug Kränze bekommen, so dass man sich dem Meister zur Abwechslung mal in fröhlicher Ignoranz und fassungsloser Neugier nähern kann.

          Sehr grob gestrickt kann man vermutlich behaupten, dass Ravi Shankars Musik zwischen 1967 und 1971 in westlichen Wohn- und Schlafzimmern so ziemlich genau das verkörperte, was aufgeschlossenere Zeitgenossen unter Bewusstseinserweiterung und Weltoffenheit verstanden, weswegen sich auch kaum ermessen lässt, wie viele Kinder unter ihrem Einfluss gezeugt wurden. Ravi Shankar selbst wurde später irgendwann mit der Bemerkung zitiert, er sei beleidigt und schockiert wegen der Oberflächlichkeit, mit der Indien betrachtet und seine große Kultur ausgebeutet werde: „Yoga, Tantra, Mantra, Kundalini, Ganja, Haschisch, Kamasutra - alles wurde Teil eines Cocktails, an dem jeder zu nippen schien.“

          Da war er dreißig: Ravi Shankar bei Rundfunkaufnahmen im Jahr 1950

          Er beherrscht die Kunst wie kein anderer

          Klingt ein bisschen erfunden, aber es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, dass ihm die gekünstelte Begeisterung von Abendländern in selbstgebatikten Kopftüchern irgendwann auch auf die Nerven ging. Schließlich war er ja in seiner Heimat nicht ein Meister, weil er irgendein Lebensgefühl bediente, sondern weil er seine Kunst wie kein anderer beherrschte.

          Andererseits darf man in der populären Kultur auch nie die Wege unterschätzen, mit denen eine Kunst über Oberflächlichkeit oder gar Missverständnisse den Leuten unter die Haut geht. Vielleicht wurde er bei uns aus den falschen Gründen geliebt, aber ganz offenbar hat es dabei doch den Richtigen getroffen. Und Ravi Shankar hat in seiner unendlichen Weisheit den Erfolg vermutlich auch genossen.

          Wer trotzdem keinen Zugang zu den Feinheiten seiner Musik findet, möge sich dann eben auf Youtube begeben, wo es drei wunderbare Clips gibt, in denen man seiner tieferen Bedeutung ganz leicht nachspüren kann. Der erste zeigt ihn mit George Harrison, wie er ihm mit seiner gewaltigen Sitar vor einer beneidenswert paradiesischen Bucht ein paar Tonfolgen beibringt. George sitzt im lebensbejahend gelben Hemd an seiner Sitar und versucht, den flinken Tonfolgen des Meisters zu folgen. Und sein stolzes Lächeln, wenn es ihm am Ende tatsächlich gelingt, sagt schon einiges über den Ernst, der da im Spiel war - als würde der Gitarrist mit Shankars Technik in Geheimnisse eindringen, von deren Tiefe sich der Pop sonst keine Vorstellungen machte.

          Sie wirken fast wie altes Ehepaar

          Der zweite Clip zeigt Shankar und Harrison bei einem Interview aus den Neunzigern, und das grundsätzlich Bewegende daran ist, dass Harrisons Ernst die Jahrzehnte offenbar überdauert hat, dass er sich seiner entscheidenden Rolle als Vermittler durchaus bewusst und immer noch überzeugt davon ist, dass diese fremde Musik geeignet wäre, unsere Alltagsprobleme zu lösen. Die beiden wirken wie Yoda und Obi Wan Kenobi, aber auch wie ein altes Ehepaar, bei dem die Abhängigkeitsverhältnisse sich nicht mehr so leicht auseinanderdividieren lassen.

          Der dritte Ausschnitt zeigt einen Auftritt der beiden in der Dick-Cavett-Show, wo George auch wieder den Steigbügelhalter gibt für einen allerdings sensationellen Auftritt seines Freundes, der heftig beklatscht wird. Das Entscheidende daran ist das bedeutungshafte Tremolo der Fernsehnase Cavett, wenn er Ravi Shankar ankündigt, das stark dem Tonfall öffentlich-rechtlicher Moderatoren ähnelt, mit dem sie Wolf Biermann nach seiner Ausbürgerung einführten. Keiner hat es verstanden, aber es war auch klar, dass keiner das in dem Moment zugeben durfte, am wenigsten im Fernsehen. Nur Blake Edwards hat es schon 1967 gewagt, sich in „The Party“ über den Shankar-Wahn lustig zu machen.

          Der indische Regisseur Satyajit Ray, für dessen legendäre Apu-Trilogie Shankar die Musik geschrieben hatte, besuchte seinen Landsmann 1967 in Hollywood, als er noch hoffte, ein „Alien“-Projekt mit Steve McQueen oder Marlon Brando zu besetzen, und fand auf dessen Teppich Peter Sellers im Schneidersitz, der auf der Sitar jene Griffe einübte, die später den Film durchperlten. Als Ray später „The Party“ sah, fand er ihn nicht lustig - und aus seinem „Alien“ wurde auch nichts.

          Aber Shankar feierte im Westen einen Erfolg nach dem anderen: George Harrison organisierte mit ihm das Konzert für Bangladesch, Gerald Fords Sohn lud ihn mit seiner Truppe ins Weiße Haus ein, und es ergaben sich Zusammenarbeiten mit Yehudi Menuhin, Zubin Mehta und Philip Glass. Und damit dieser Spagat zwischen West und Ost nicht auf ihn beschränkt bleibt, hat er sein Erbe an seine Töchter weitergegeben, nachdem sein Sohn Shobho 1992 fünfzigjährig starb: Anoushka Shankar, 1981 geboren, folgt ihm auf seinen indischen Pfaden, während die andere, die zwei Jahre ältere Norah Jones ganz dem Westen gehört.

          Das sind jedenfalls ein paar gute Gründe, sich vor einem Mann zu verneigen, von dessen Kunst wir skandalös wenig verstehen. Heute, am 7. April, wird er neunzig.

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