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Bayreuther Festspiele beginnen : Frauen, die es richten können

Es geht wieder um Kunst: Katharina Wagner im Festspielhaus Bild: dpa

Die Zeit der Schlammschlachten und Skandale ist vorbei: Zum Festspiel-Auftakt erinnert man in Bayreuth an Wolfgang Wagner, den Hüter des Hügels. Seine Tochter Katharina geht derweil fröhlich in die Offensive.

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          Zum Raum wird hier die Zeit, im Bayreuther Festspielhaus, allein schon deshalb, weil dieser Raum so viel Zeit in sich geborgen hat – Zeit, die Geschichte geworden ist als geschichtete Zeit in einem einfachen, ganz unmetaphysischen Sinn. Diese Schichtung von Zeit wird nämlich erfahrbar daran, wie die verschiedenen Generationen in diesem Raum über Kunst reden. Am 30. August wäre Wolfgang Wagner hundert Jahre alt geworden. Der Enkel des Komponisten Richard Wagner war von 1951 bis 1966 gemeinsam mit seinem Bruder Wieland, danach bis 2008 allein verantwortlich für die Leitung der Bayreuther Festspiele. Einen Tag vor Beginn der diesjährigen Saison gab es nun einen Festakt für Wolfgang Wagner, und Ioan Holender, der langjährige Direktor der Wiener Staatsoper, schlug noch einmal den kunstreligiösen Ton aus dem Jahrhundert der Bildungsbürger an: Wir würden uns hier „in einem heiligen Raum“ befinden; Wolfgang Wagner sei ein „gar nicht blinder Tiresias“, also ein weiser Prophet des Theaters gewesen, „ein fränkischer Sokrates“, wie Walter Jens ihn genannt hatte, der „Hüter des Hügels“, wie Holender nachsetzte.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Rhetorisch war das noch einmal der Weiheton des Joachim-Kaiser-Feuilletons, einer sich selbst gewissen Elite, die glaubte: „Wo wir sind, ist oben“ und die diese Position nicht zu rechtfertigen brauchte. Aber auf dieser sprachlich geronnenen Schicht von Zeit bildet sich längst eine andere: bescheidener, praktischer, erprobt durch immer harscher werdende Legitimationskämpfe. Katharina Wagner, Wolfgangs Tochter, seit 2015 alleinige Festspielleiterin, schlug diesen neuen Ton an, indem sie ihren Vater als „großen Realisten“ in Erinnerung rief, der mit begrenzten Etats verantwortungsvoll umgegangen sei; als einen Mann, der großzügig, jovial, beschützend, aber ebenso störrisch, uneinsichtig und verletzend sein konnte. Und mit der Weisheit einer Jugend, die in den Träumen von der Überzeitlichkeit der Kunst keine Zuflucht mehr findet, bemerkte sie nüchtern: „Irgendwann wird das alles vergessen sein und verblasst.“

          Applaus von der Familie und Dirigent Christian Thielemann für den scheidenden Festspielleiter Wolfgang Wagner

          Eine erfreuliche Ruhe ist in den letzten Jahren in Bayreuth eingekehrt. Die Zeit der Schlammschlachten und Skandale scheint vorbei zu sein. Es geht wieder um Kunst auf dem Grünen Hügel. Barrie Koskys Erfolgsinszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ stellt sich dem Antisemitismus in Wagners Kunst offensiv, aber mit theatralischer Virtuosität und wird auch in ihrer dritten Saison wieder für Lachen, Empörung und Diskussionen sorgen.

          Die neue Reihe „Diskurs Bayreuth“, seit 2017 von Marie Luise Maintz geplant, holt die Moderne von John Cage, Karlheinz Stockhausen und Simon Steen-Andersen in Wagners Villa „Wahnfried“. Ein neues Theaterstück von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel beschäftigt sich vom 13. August an mit Siegfried Wagner, dem Sohn Richards. Und die Autoren verrieten schon vorab, dass sie nach der Lektüre des biographischen Materials eine große Sympathie für Siegfried entwickelt hätten.

          Angela Merkel, Markus und Karin Söder bei der Eröffnung der Festspiele

          Katharina Wagner ist es zusammen mit ihrem Musikdirektor Christian Thielemann gelungen, das musikalische Niveau bei den Festspielen zu konsolidieren. Das Debüt des Tenors Piotr Beczała als Lohengrin im vergangenen Jahr war für alle eine erfreuliche Überraschung, und umso schöner ist es, dass er diese Partie, im Wechsel mit Klaus Florian Vogt, nun erneut singen wird. In diesem Jahr ist die Welt gespannt, wie sich die junge Norwegerin Lise Davidsen, der ein Ruf wie Donnerhall vorauseilt, als Elisabeth im „Tannhäuser“ machen wird. Die großartige Strauss-Sängerin Camilla Nylund, derzeit als die beste Kaiserin der Welt in der „Frau ohne Schatten“ gefeiert, singt in den kommenden Wochen die Elsa im Lohengrin und wechselt sich in dieser Partie mit Anna Netrebko ab, die am 14. und 18.August erstmals in Bayreuth zu erleben sein wird.

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